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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
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5411. November 1845 Am selben tage da wir von s. martin kamen, fuhren wir drey nach tische nach Passau und gingen dort angekommen, sogleich ferdinand in seiner Pension aufsuchen. Während sich nun die mutter mit ihm entfernte, hatte ich einen langen und interessanten discurs mit seinem Professor, gaugen- giggl, einem großen linguisten, der trotz seiner Jugend schon 30 lebende sprachen spricht. Wir kamen auf die ur- und vielleicht dereinstige univer- salsprache zu reden, von der auf die einstige Bestimmung des erdballs, und es überraschte mich sehr angenehm zu hören, wie dieser mann auf so ganz anderen Wegen unbewußt zu resultaten gekommen war, welche vieles von fourier’s lehren über kosmogonie etc. an sich hatten. Auf dieses wies ich ihn hin. gutta cavat lapidem etc. den letzten Abend brachten wir noch zusammen thee trinkend zu, und Joner war auch da. tags darauf, den 29. früh 7 uhr, fuhr ich, nachdem ich von eduard und lenchen einen herzlichen Abschied genommen hatte, per dampfboot nach linz, eine herrliche fahrt, die ich der von linz abwärts noch vorziehe. in linz um 1/2 12 angekommen, besuchte ich skrbensky, der mir nach seiner gewohnheit endlose Phrasen machte, und ging nicht zu sei- ner frau, weil er mich versichert hatte, sie wäre unwohl, sie aber schickte nach mir in den gasthof, und so verplauderte ich bey ihr meinen nachmit- tag, was mir ganz recht war, da ich sonst niemand in linz kannte. Abends saß ich bey skrbensky im theater, wo man ein grundschlechtes stück gab. tags darauf um 7 uhr fuhr ich wieder per dampfboot nach Wien mit ei- ner ganzen menge menschen, worunter ich aber nur Blacas kannte, welcher eben mit seiner jungen frau von Paris kam. hier erwartete mich die höchst unangenehme überraschung, meine Wohnung noch durchaus unvollendet zu finden, und seitdem wohne ich unter lauter maurern, tischlern und Anstreichern, bekomme meine meu- bles nur stück für stück etc. mir ist diese verwirrung und dieser mangel an comfort unausstehlich, und ich fürchte, daß er noch 10–12 tage dauert, nebstdem habe ich, nun da meine effekten endlich von mailand angekom- men sind, die angenehme entdeckung gemacht, daß mir eine menge dinge abgehen, darunter meine sämmtliche Bett- und hauswäsche, viel Porce- laine etc. neues gibt es wenig. haller ist von seiner stelle als Banus entlassen und zwar ohne viel ceremonien. die regierung hat ihn compromittirt und läßt ihn nun fallen und wird illyrisch, und die opposition sagt: wieder um so viel feinde mehr für die regierung in ungarn. Julie samoyloff hat die unbegreif- liche dummheit begangen, einen französischen sänger zu heirathen!!!, wel- cher gegen sie die rolle Josephs von Aegypten gespielt hat, mir ist um sie leid, denn ich war und bin ihr aufrichtig attachirt, aber als femme libre kann ich sie freylich nicht mehr wie bisher ansehen und achten.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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