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November 1845
ich noch immer zwischen einer Armee von tischlern, schlossern, Anstrei-
chern etc., welche auf den gängen, im vorzimmer, auf der stiege etc. herum-
arbeiten. ganz in ordnung werde ich wohl erst in 12–14 tagen seyn. Zum
glücke haben wir, seit ich hier bin, meist sehr schönes und warmes Wetter.
das hauptereigniß dieser letzten Zeit ist das neue lokale des clubs in
meinem hause, welches wirklich magnifique ist, und die etwas später er-
folgte eröffnung unserer neuen restauration durch den berühmten mr.
Prévôt, im club als table d’hôte und im rez-de chaussée als restaurant,
eine neue Annehmlichkeit für mich.
übrigens sind noch ziemlich wenig leute in der stadt. tettenborn ist
schwer krank, und ich fürchte sehr für ihn. sein tod wäre mir sehr schmerz-
lich und ein großer verlust für mich. die arme natalie Palffy ist ebenfalls
sterbend und leidet entsetzliche schmerzen, sie hat den krebs in beyden
Brüsten und in der mutter. diese schönen weißen Brüste, welche ich in ver-
gangenen Zeiten so oft in der hand hatte. sic transit gloria mundi.
mein manuscript ist noch auf der censur, von kolb habe ich auch keine
Antwort, doch hoffe ich, daß ersteres bald flott werden wird.1
neulich war ich bey schrotzberg, welcher das Bild der armen Jetty neip-
perg aus dem kopfe und nach einigen schlechten Portraits mahlen soll. ich
habe diese commission von ervin übernommen, der vor einigen tagen abrei-
ste.
die schlechte ernte, verbunden mit der kartoffelkrankheit,2 und die dem-
nach befürchtete theuerung beschäftigt die geister und die regierung hier
so wie in ganz europa. doch scheint es sich hier wie überall nach und nach
in folge ämtlicher erhebungen herauszustellen, daß die furcht übertrieben
war, und daß das heurige Jahr wohl ein minder fruchtbares, keineswegs
aber ein mißjahr genannt werden kann. daher hat die regierung auch die
Anträge auf ein Ausfuhrverbot, auf Abschaffung der verzehrungssteuern
etc. von der hand gewiesen. die feinen semmel werden einstweilen täglich
kleiner, und man spricht davon, für das feine gebäck die satzungen ganz
und nach und nach überhaupt den Zunftzwang für die Bäcker aufzuheben.
neulich gab es eine Art von émeute gegen die Bäckerladen in fünfhaus, je-
doch ohne folgen.
der kaiser von rußland wird für den 13. nächsten monats erwartet.
1 gemeint ist Andrians Arbeit über thiers geschichte des konsulats und der kaiserzeit, vgl.
eintrag v. 10.10.1845.
2 die kartoffelfäule zerstörte im feuchten sommer 1845 erstmals große teile der ernte in
europa. Am schlimmsten betroffen war irland, wo es zu einer hungersnot und massenaus-
wanderung nach nordamerika kam.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien