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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Seite - 543 -
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54314. November 1845 ich noch immer zwischen einer Armee von tischlern, schlossern, Anstrei- chern etc., welche auf den gängen, im vorzimmer, auf der stiege etc. herum- arbeiten. ganz in ordnung werde ich wohl erst in 12–14 tagen seyn. Zum glücke haben wir, seit ich hier bin, meist sehr schönes und warmes Wetter. das hauptereigniß dieser letzten Zeit ist das neue lokale des clubs in meinem hause, welches wirklich magnifique ist, und die etwas später er- folgte eröffnung unserer neuen restauration durch den berühmten mr. Prévôt, im club als table d’hôte und im rez-de chaussée als restaurant, eine neue Annehmlichkeit für mich. übrigens sind noch ziemlich wenig leute in der stadt. tettenborn ist schwer krank, und ich fürchte sehr für ihn. sein tod wäre mir sehr schmerz- lich und ein großer verlust für mich. die arme natalie Palffy ist ebenfalls sterbend und leidet entsetzliche schmerzen, sie hat den krebs in beyden Brüsten und in der mutter. diese schönen weißen Brüste, welche ich in ver- gangenen Zeiten so oft in der hand hatte. sic transit gloria mundi. mein manuscript ist noch auf der censur, von kolb habe ich auch keine Antwort, doch hoffe ich, daß ersteres bald flott werden wird.1 neulich war ich bey schrotzberg, welcher das Bild der armen Jetty neip- perg aus dem kopfe und nach einigen schlechten Portraits mahlen soll. ich habe diese commission von ervin übernommen, der vor einigen tagen abrei- ste. die schlechte ernte, verbunden mit der kartoffelkrankheit,2 und die dem- nach befürchtete theuerung beschäftigt die geister und die regierung hier so wie in ganz europa. doch scheint es sich hier wie überall nach und nach in folge ämtlicher erhebungen herauszustellen, daß die furcht übertrieben war, und daß das heurige Jahr wohl ein minder fruchtbares, keineswegs aber ein mißjahr genannt werden kann. daher hat die regierung auch die Anträge auf ein Ausfuhrverbot, auf Abschaffung der verzehrungssteuern etc. von der hand gewiesen. die feinen semmel werden einstweilen täglich kleiner, und man spricht davon, für das feine gebäck die satzungen ganz und nach und nach überhaupt den Zunftzwang für die Bäcker aufzuheben. neulich gab es eine Art von émeute gegen die Bäckerladen in fünfhaus, je- doch ohne folgen. der kaiser von rußland wird für den 13. nächsten monats erwartet. 1 gemeint ist Andrians Arbeit über thiers geschichte des konsulats und der kaiserzeit, vgl. eintrag v. 10.10.1845. 2 die kartoffelfäule zerstörte im feuchten sommer 1845 erstmals große teile der ernte in europa. Am schlimmsten betroffen war irland, wo es zu einer hungersnot und massenaus- wanderung nach nordamerika kam.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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