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Dezember 1845
träumt, ich begegnete tettenborn in der kirche, etwas blaß, aber sonst recht
gut aussehend, ich hatte die größte freude, ihn wieder so weit hergestellt
zu sehen, und begleitete ihn nach hause und bis in seine Zimmer, dort spra-
chen wir eine Zeitlang, und dann verließ ich ihn, jedoch immer mit der idee
seines nahen todes. ich kann mich an die détails meines traumes nicht
mehr genau besinnen, aber soviel weiß ich, daß ich gegen 8 uhr noch ganz
vergnügt aufstand, und daß mich dieser traum bewog, was ich sonst zu die-
ser stunde nie that, zu tettenborn hinüber zu schicken, um mich über sein
Befinden zu erkundigen. gerade um die Zeit meines traumes war er gestor-
ben.
[Wien] 11. dezember
heute um 1 uhr ist tettenborn mit den militärischen ehren eines öster-
reichischen feldmarschallleutnants begraben worden. ich war dabey. ge-
stern ging ich hin, um ihn zum letzten mahle zu sehen, seine Züge waren
nicht entstellt, ja schöner und edler als sie mir im leben schienen. und so-
mit wäre denn dieses vorbey. Aber sein tod hat mich tief bewegt.
von dem leichenzuge weg ging ich zu louise Praschma, welche mich er-
wartete, um mir ein geständniß zu machen, welches mich überraschte und
meines Andenkens an den todten wegen unangenehm berührte. trotz der
großen Altersverschiedenheit hatte zwischen ihnen Beyden ein leidenschaft-
liches verhältniß bestanden, welches bis hart an die grenzen des erlaubten
(vom fourierismus abgesehen) gelangt war. von ihrer seite war es vielleicht
ein mehr flüchtiges, aus eitelkeit, mitleiden und gefallen an seinem wirk-
lich höchst angenehmen umgange entstandenes interesse, von der seinigen
aber scheint es die größte leidenschaftlichkeit, wo nicht ein durchdachter
verführungsplan gewesen zu seyn. Was mir aber in dieser sache besonders
mißfiel, war, daß er sie auf den knieen beschworen hatte, ihn zu heirathen,
indem ja seine frau ohnehin eigentlich nicht seine legitime frau, sondern
ihm bloß bürgerlich angetraut sey! das ist mehr, als einem 68jährigen ver-
liebten verziehen werden kann, und es thäte mir leid, wenn Andere als ich
diesen Zug von ihm wüßten. doch bin ich der einzige, den sie ins vertrauen
zog, und ich suchte sie über die vorwürfe zu beruhigen, welche sie sich
machte, die nebenbuhlerinn ihrer eigenen mutter1 und die, freylich noch
reine, geliebte eines verheiratheten mannes gewesen zu seyn. es ist aber
ein so wunderbarer rührender Zug von unschuld und unbefangenheit in ihr,
daß sie mir während ihrer Beichte vorkam wie ein engel.
1 Gemeint ist Gräfin Marie Louise Praschmas Stiefmutter Wilhelmine, geb. Gräfin Wurm-
brand-stuppach, die zweite gattin ihres 1830 verstorbenen vaters. ihre mutter therese
geb. Gräfin Fünfkirchen war bereits ein Jahr nach ihrer Geburt 1824 gestorben.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien