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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Seite - 547 -
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54711. Dezember 1845 träumt, ich begegnete tettenborn in der kirche, etwas blaß, aber sonst recht gut aussehend, ich hatte die größte freude, ihn wieder so weit hergestellt zu sehen, und begleitete ihn nach hause und bis in seine Zimmer, dort spra- chen wir eine Zeitlang, und dann verließ ich ihn, jedoch immer mit der idee seines nahen todes. ich kann mich an die détails meines traumes nicht mehr genau besinnen, aber soviel weiß ich, daß ich gegen 8 uhr noch ganz vergnügt aufstand, und daß mich dieser traum bewog, was ich sonst zu die- ser stunde nie that, zu tettenborn hinüber zu schicken, um mich über sein Befinden zu erkundigen. gerade um die Zeit meines traumes war er gestor- ben. [Wien] 11. dezember heute um 1 uhr ist tettenborn mit den militärischen ehren eines öster- reichischen feldmarschallleutnants begraben worden. ich war dabey. ge- stern ging ich hin, um ihn zum letzten mahle zu sehen, seine Züge waren nicht entstellt, ja schöner und edler als sie mir im leben schienen. und so- mit wäre denn dieses vorbey. Aber sein tod hat mich tief bewegt. von dem leichenzuge weg ging ich zu louise Praschma, welche mich er- wartete, um mir ein geständniß zu machen, welches mich überraschte und meines Andenkens an den todten wegen unangenehm berührte. trotz der großen Altersverschiedenheit hatte zwischen ihnen Beyden ein leidenschaft- liches verhältniß bestanden, welches bis hart an die grenzen des erlaubten (vom fourierismus abgesehen) gelangt war. von ihrer seite war es vielleicht ein mehr flüchtiges, aus eitelkeit, mitleiden und gefallen an seinem wirk- lich höchst angenehmen umgange entstandenes interesse, von der seinigen aber scheint es die größte leidenschaftlichkeit, wo nicht ein durchdachter verführungsplan gewesen zu seyn. Was mir aber in dieser sache besonders mißfiel, war, daß er sie auf den knieen beschworen hatte, ihn zu heirathen, indem ja seine frau ohnehin eigentlich nicht seine legitime frau, sondern ihm bloß bürgerlich angetraut sey! das ist mehr, als einem 68jährigen ver- liebten verziehen werden kann, und es thäte mir leid, wenn Andere als ich diesen Zug von ihm wüßten. doch bin ich der einzige, den sie ins vertrauen zog, und ich suchte sie über die vorwürfe zu beruhigen, welche sie sich machte, die nebenbuhlerinn ihrer eigenen mutter1 und die, freylich noch reine, geliebte eines verheiratheten mannes gewesen zu seyn. es ist aber ein so wunderbarer rührender Zug von unschuld und unbefangenheit in ihr, daß sie mir während ihrer Beichte vorkam wie ein engel. 1 Gemeint ist Gräfin Marie Louise Praschmas Stiefmutter Wilhelmine, geb. Gräfin Wurm- brand-stuppach, die zweite gattin ihres 1830 verstorbenen vaters. ihre mutter therese geb. Gräfin Fünfkirchen war bereits ein Jahr nach ihrer Geburt 1824 gestorben.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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