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Jänner 1846
auf den bewußten abgebrochenen heirathsplan gelenkt haben. der kaiser
aber unterbrach ihn und sagte: c’est chose finie, n’en parlons plus. dagegen
soll die großfürstinn olga dem erzherzog leopold sehr gefallen haben.
unsere kriegshelden in friedenszeiten aber, z.B. erzherzog Albrecht,
lato Wrbna, carl lichtenstein etc. sind durch die Anwesenheit ihres Pa-
trons noch immer ganz confus.
gabrielle kam am 4. hier an, ich holte sie auf dem Bahnhofe ab, sie
wohnte Anfangs bey der stadt frankfurt, hat aber jetzt ihre Wohnung am
mehlmarkte bereits bezogen, es ist noch immer ungewiß, wie sich ihre sache
gestalten wird.
den sylvester Abend brachte ich geladen bey frau v. ritter zu, deren sa-
lon mir übrigens heuer weniger homogen ist, den ich also auch weit seltener
besuche als voriges Jahr, da sie sich mit lauter langweiligen obscuren jungen
leuten umgibt, eine Art von fürstinn thérèse [esterházy] zweyten ranges.
damals war auch emmy eskeles da, die mir sehr sympathisch ist, wiewol
sie nichts weniger als geistreich ist, ich habe in der letztern Zeit einigemale
bey ihr gegessen, unter andern gestern mit einer superben frau, einer mrs.
Welbanke.
Auch Wilhelmine Auersperg habe ich neulich bey ihrer tante kinsky ken-
nen gelernt.
der fasching hat am 8. mit einem hofballe begonnen, auf welchem ich
aber nicht erschien, es zirkulirt von diesem Balle eine lächerliche Anecdote
von einem ungar, der auf louis szechenyi (der ihn nicht kannte) zugestürzt
kam und durchaus flore oder mich sprechen wollte, um zwischen ihr und
einem sigmund Almásy, den ich nicht kenne, eine heirath zu stiften. dieser
Almasy soll obergespann seyn, und schon im sommer wurde ich in seinem
nahmen, wenigstens hieß es so, befragt, ob flore geneigt seyn würde ihn zu
heirathen? ich aber sagte nein und vergaß auf die ganze geschichte.
nebstdem wird an den montagen bey stourdza, dienstag bey o’sullivan,
freytag bey clary getanzt. mittwoche sind Picknicks, etc. edmund Zichy als
neuer vortänzer amusirt uns im club mit seiner Agitation.
ich war neulich wieder einmahl einen Abend bey malfatti, der lange mit
mir über sein Buch sprach, es ist ein sonderbarer poëtisch-philosophischer
schwärmer, noch so viel Phantasie in einem so hohen Alter!
die Brochure über thiers ist endlich heraus, d.h. ich habe 2 exemplare
davon per Post erhalten. das Andere kömmt per fuhrmann nach, ziemlich
schlecht gedruckt und voll druckfehler, ich habe davon eine liste drucken
lassen, die hinten angeheftet werden soll. ich bin neugierig, wie sie aufge-
nommen werden wird.
Andreas schumacher, der redacteur der gegenwart, dem ich meinen Ar-
tikel über das recht der Arbeit zusandte, machte mir neulich einen 2stündi-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien