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März 1846
entwicklung, als fingerzeig des schicksales, willkommen, nur nicht dieses
stillschweigen.
ich habe mich endlich doch, schanden halber, über den Juif errant von
eug. sue gemacht,1 es ist ein Buch von vielen interessen, zwar entsetzlich
gedehnt, für die Jesuiten aber allerdings eine wahre calamität.
neulich war ich mit flore in einem von list’s Abendkonzerten2 und fand,
daß er einen weit geringern eindruck auf mich machte als in frühern Jah-
ren, es schien mir, als hätte er an Affektation zu- und an empfindung abge-
nommen.
[Wien] 21. märz
Auch der Artikel über die preußischen reformen ist nicht zum drucke zuge-
lassen worden, er war in fürst metternichs händen gewesen, und dieser las,
was zwischen den Zeilen geschrieben stand.
und so geht es einer meiner Arbeiten nach der andern. Wer hier über Poli-
tik schreiben will, muß entweder in das horn der regierung blasen oder sich
so blaß und matt ausdrücken, daß man seine eigentliche Ansicht errathen
muß. Beydes aber ist mir nicht gegeben, letzteres schon deßwegen nicht, weil
es mir nicht darum zu thun ist, meine Ansicht auszusprechen, sondern An-
dere zu überzeugen und hinzureißen.
göthe hat doch recht gehabt:
ich hab’ mein sach’ auf nichts gestellt
drum ist mir so wohl auf dieser Welt.3
Werde ich es jemals bis zu dieser Philosophie bringen?
Also auch dieser schöne Plan zu Wasser geworden, ich hatte gehofft, daß
es mir gelingen würde, auf diesem Wege einige gedanken ins Publicum zu
werfen und so die öffentliche meinung zu praepariren. Jetzt, da sich bey uns
Alles regt, ständisches element, litterarischer geschmack und politischer
sinn, kurz Alles, nur die regierung nicht, wäre der moment sehr günstig
gewesen. Aber wenn auch in keiner andern sache, so sind unsere regierer
doch in der niederhaltung des geistes von einer eisernen consequenz, und
gegen die scheere der censur gibt es kein mittel. es kreuzen sich nun die
verschiedensten gedanken in meinem kopfe: das Beste aber wäre, ich sagte
diesen „erbländern“ der dummheit lebewohl und ginge nach ungarn, um
1 eugène sue, le juif errant. 10 Bde. (Paris 1844–1845).
2 gemeint ist der Pianist und komponist franz liszt.
3 die Zeilen lauten im original: ich hab’ mein sach’ auf nichts gestellt, Juchhe! / drum ist’s
so wohl mir in der Welt, Juchhe!
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien