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April 1846
habe ich mir geschenkt, à quoi bon? meine nerven werden täglich schwä-
cher, und ich kann den July kaum erwarten, um in einem seebade kräfti-
gung und vor Allem Zerstreuung zu suchen.
Pepi erberg ist vor einigen tagen wahnsinnig geworden.
ich war in diesen tagen ein paar mahle bey fürstinn christiane colloredo,
an einem andern Abende war eine soirée bey eskeles, wo liszt, ein clavier-
spieler rubinstein etc. waren. heute vor acht tagen gab man zum schlusse
vor den osterferien ernani mit der tadolini, fraschini, collini und rodas, so
vollkommen, wie ich seit lange nichts gehört habe, ein wahrer genuß.
[Wien] 16. April
das lange erwartete kaiserliche Patent wegen der robothen in galizien ist
endlich erschienen, wie zu erwarten war, eine halbe, jämmerliche maßre-
gel. die weiten fuhren (über eine tagreise) und die Aushülfs-robothtage
(zur erntezeit etc.), welche letztere ohnehin ungesetzlich und ein abusus
waren, sind abgeschafft, und den Bauern das recht eingeräumt, sich ge-
gen Bedrückungen der herrschaften unmittelbar beym kreisamte zu be-
schweren, statt wie bisher einen vorläufigen Vergleichsversuch beym resp.
Wirtschaftsamte machen zu müssen. und damit glaubt man, den durch
und durch aufgeregten Bauernstand beruhigen zu können!! – – die Bauern
verweigern in ganz galizien zu robothen, in den kreisen, die ganz ruhig
waren, erklären sie nun den Beamten, daß sie nicht schlechter daran seyn
wollten als ihre Brüder im tarnower und Bochniaer kreise, wo, wie sie
behaupten, steuerfreyheit und gütertheilung publicirt sey, und geben den
herrschaftlichen Beamten eine ganz kurze Bedenkzeit, um sich zu entfer-
nen, widrigenfalls sie ebenfalls mit Aufstand drohen.
erzherzog ferdinand hat die faiseurs hier breitgeschlagen und kehrt in
sein gouvernement zurück. Alles ist über die beyspiellose verblendung un-
serer regierung indignirt. ich bin überzeugt, daß, ehe 2 monathe vergehen,
der spektakel von neuem, nur dießmahl weit furchtbarer losgeht. es ist
merkwürdig, wie klar es in den letzten sechs Wochen Allen geworden ist,
daß unser „großer staatsmann“ am Ballplatze ein misérabler schafskopf
ist! mir sollte dieses eigentlich ganz recht seyn, cela chauffe, und hoffent-
lich fällt die ganze Baracke um einige Jahre früher über den haufen, als
sonst geschehen wäre. Aber doch gewinnt zuweilen meine indignation über
so entsetzliche dummheit in mir die oberhand. indessen aber ist unser
sonst so schweigseliger „Beobachter“1 plötzlich ein wüthender Polemiker
geworden, schlägt nach allen seiten aus, antwortet jedem Journalartikel in
ganz europa und behält natürlich überall unrecht.
1 Der Österreichische Beobachter, die offiziöse Zeitung der Staatskanzlei.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien