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Mai 1846
vielleicht geht es einstweilen auf dem kürzeren Wege einer Privatüberein-
kunft mit dem Pächter und redakteur der Preßburger Zeitung, ich habe
deßhalb gesprochen und werde vielleicht bald mit Bethlen nach Presburg
fahren.
ich lese jetzt Prutz geschichte des deutschen Journalismus,1 ein herrli-
ches Buch, soviel ich bis jetzt davon kenne, voll hoher schöner Ansichten,
interessant durch inhalt und anziehend durch seine schreibart, kurz weit
mehr als das Werk eines gewöhnlichen deutschen Büchergelehrten.
vergangenen sonntag war redoute, ziemlich leer und langweilig. Auch
dieser spaß (the last of mohicans) fängt an abzufallen. übrigens ist mein
leben jetzt ziemlich ruhig: ich gehe viel in die italienische oper, nach der-
selben noch meistens ins casino, sehr oft zu meiner lieben Bujanovics, wel-
che aber am 4. nach steyermark aufs land geht, von salons aber gehe ich
beynahe nirgend anders hin als zu fürstinn christiane [colloredo] und zu
ritter.
in den auswärtigen Zeitungen und selbst hier von sonst gutunterrichte-
ten Personen hört man von bevorstehender Aufmunterung unserer politi-
schen Presse, von der Absicht der regierung, in politischen dingen künftig-
hin größere öffentlichkeit walten zu lassen, sprechen. das ist aber lauter
larifari, ich schlug neulich bey clemens hügel deßhalb auf den strauch
und überzeugte mich bald, daß die leute jetzt nicht um ein haar anders
denken als vor 4 monathen.
Wien 13. may 1846
ich spiele jetzt seit einigen tagen eine komödie, deren Ausgang erst die folge
zeigen wird. ich habe nämlich meine entlassung aus dem staatsdienste
verlangt, nicht in der Absicht, daß mir dieselbe ertheilt werde, jedoch mit
dem festen entschlusse sie anzunehmen, falls sie mir nicht verweigert wer-
den sollte. das endlose Warten hat endlich meine geduld ermüdet und mehr
noch meine eigenliebe gekränkt, so geringfügig es an sich selbst ist, ob ich
gubernialsekretär oder hofsekretär heiße, so ärgerte mich doch die rück-
sichtslosigkeit, welche aus einem so langen hinhalten hervorleuchtete, um
nun diesem Zustande ein ende zu machen, war ich vor ungefähr einem mo-
nathe, bey gelegenheit da michael strasoldo in die Wirklichkeit eingerückt
war2 und sich folglich meine nachrückung von selber zu verstehen schien,
bey graf inzaghy gewesen, und hatte ihm vorgestellt, wie empfindlich mir
1 robert eduard Prutz, geschichte des deutschen Journalismus. Zum 1. male vollständig
aus den Quellen gearbeitet. theil 1 (hannover 1845).
2 er wurde wirklicher hofsekretär, d.h. er erhielt eine im Beamtenschema systemisierte
stelle mit entsprechendem Jahresgehalt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien