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Mai 1846
digt, und ich weide mich an der verlegenheit des schafskopfes inzaghy,
welche ich zwar nicht sehe, mir aber vorstellen kann. und wenn wider alle
Wahrscheinlichkeit dennoch meine entlassung angenommen würde, so wäre
mir, glaube ich, erst recht leicht um das herz. etwas zu bereuen, ist ein-
mahl meine sache nicht, mein Blick geht nach vorwärts, und so würde ich
denn getrost und freudig ein neues leben anfangen, den nähmlichen Zweck
im Auge, wenn auch auf verschiedenen Wegen. mag nun die gegenwärtige
episode ausgehen wie sie will, jedenfalls habe ich dabey die überzeugung
gewonnen, daß ich einer solchen veränderung meines schicksales keck ins
Auge sehen darf, und soviel ist dabey jedenfalls gewonnen. daß ich in diesem
Augenblicke mit allen diesen dingen so beschäftigt bin, daß mir für wenig
Anderes Zeit und sinn bleibt, ist natürlich. doch war schumacher neulich
ein paar stunden lang bey mir, um mir von seinen Journalzuständen zu
sprechen, welche ziemlich mißlicher natur sind, er bath mich um meinen
Aufsatz über die galizischen gemeindeverhältnisse, welchen er censurge-
recht machen und mir dann wieder vorlegen will. übrigens habe ich in dieser
letzten Zeit nichts geschrieben und wenig gelesen. Wenn ich zu letzterem
komme, so lese ich die histoire de dix ans von l. Blanc, ein merkwürdiges
manifest des republikanismus in frankreich, und meinen großen fourier.
Auch die ungarischen Zeitungsprojekte ruhen, Josika, Apponyi und ich,
wir sind jetzt alle 3 mit unserer eigenen haut zu sehr im spiele, und eme-
rich Bethlen ist von einer indolenz, welche ohne einen täglichen nie nach-
lassenden impuls zu keiner thätigkeit zu bewegen ist, ich glaube übrigens,
auch seine tage sind gezählt, und das ist seine einzige entschuldigung
dafür, daß er mit so vielen gaben sein leben damit zubringt, bis 5 uhr zu
hause zu sitzen in unproductiver meditation, und dann bis spät in die nacht
einer tarokparthie im club zuzusehen. lazzi festetics ist gestern gestorben,
und constant Palfy liegt schon seit 8 tagen zwischen leben und sterben in
Pesth, ich hoffe für ihn und seinen armen vater, daß er davon komme.
mathilde Berchtold ist von mailand da und wie natürlich noptsa mit ihr,
auch gustav neipperg ist heute angekommen, jedoch ohne castle.
Wir haben das herrlichste Wetter von der Welt und so warm wie im som-
mer, den Prater besuche ich jedoch ziemlich selten, neulich frühstückte ich
da. gestern fuhr ich mit flore und Alex. Amade (welche die erklärte Braut
ferdinand Wurmbrand’s ist) nach dornbach, eine himmlische gegend.
tante toni und caroline Waldstein gehen in 8 tagen fort, onkel toni war
auf ein paar tage hier.
um den großherrn,1 welcher eine reise nach rumelien unternimmt, in
rustchuk zu becomplimentiren, ist fml hess und mit ihm rudi lichten-
1 Padischah, titel des sultans des osmanischen reichs.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien