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Juni 1846
schlüsse des landtags rücksichtlich der übertritte der katholiken zum Pro-
testantismus und vice versa ganz unaufgefordert auf die griechen ausge-
dehnt hat, eine verfügung, welche erstlich inconstitutionell und dann, wie
sich nun zeigt, höchst ungeschickt war. die nichtunierten griechen erhalten
ihre Bücher, gebethe, liturgie etc. aus rußland, sie bethen täglich für ihren
kaiser nicolaus etc. etc.!!! o schafsköpfe!
die Josika’sche komödie ist noch immer nicht beendigt, sondern ganz in
statu quo. dagegen sind im militär eine menge veränderungen geschehen:
fml Zannini durch eine intrigue gestürzt,1 etc. fml hess und edmund
Zichy sind endlich gestern, mit dem nischan2 dekorirt, von rustschuck zu-
rückgekehrt. die Andern gehen über constantinopel und Athen.
ich habe neulich ein sehr interessantes dokument zu lesen bekommen:
der Jahresbericht unseres consuls rothschild in Paris über alle gegen-
stände der nationalökonomie, finanzen, handel, Ackerbau, industrie, fa-
brikwesen, Proletariat etc. und einige andere, wie z.B. Poenitentiarwesen,
welche eigentlich in das Bereich [sic] des consulates nicht gehören. Alles mit
zahlreichen Belegen.
das hauptevénement der letzten Zeit aber ist die gründung einer Akade-
mie der Wissenschaften, welche ganz unerwartet, ohne daß irgend Jemand,
nicht einmahl die studienhofkommission und hofkanzley etwas davon
wußte, auf einen vortrag fürst metternichs erfolgte, es sah fast aus wie ein
coup de tête. die weitern Bestimmungen, die statuten, ersten ernennungen
etc. aber sollen am 16. dieses monats publicirt werden. es herrscht großer
Jubel unter der hiesigen litterarischen Welt, und unläugbar haben wir da-
mit einen großen fortschritt gemacht, und ich kann eine Zeile meines sün-
denblattes: pia desideria, streichen.
Am 16. soll also das monument kaiser franz, welches ich am 9. ankom-
men sah, enthüllt werden. die heutige, unentgeltliche Austheilung der kar-
ten war so ungeschickt veranstaltet, daß in dem entsetzlichen getümmel
mehrere verwundungen und, wie man sagt, ein todschlag vorfiel, und eine
menge militär herbeygeholt werden mußte. daß uns doch im kleinen der
fluch der dummheit gerade so begleiten muß wie im großen.
die russische kaiserinn war in linz sehr aimable mit der unserigen, in
Prag, wo sie 2 tage blieb, war sie gegen erzherzog stephan ziemlich kalt, was
aber gegen das ende immer mehr abnahm, und beym Abschiede an der böh-
mischen grenze sagte sie ihm vor allen leuten: Je regrette infiniment que
1 General Peter Zanini (nicht Zannini) trat offiziell aus Gesundheitsgründen von seinem Pos-
ten als vorstand der militär-Zentralkanzlei des hofkriegsrats zurück, behielt aber sitz und
stimme im hofkriegsrat.
2 türkisch orden.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien