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Juli 1846
sonntag den 5. flanirte ich trotz der entsetzlichen hitze vormittags in
der stadt herum, hätte mich bald von einer venus vulgivaga verführen las-
sen, entkam aber noch im letzten Augenblicke, ging dann in die katholische
kirche, von da in die heute eröffnete gemäldeausstellung, worin kaum über
100–120 stück, jedoch manches Ausgezeichnete und viel gutes zu sehen
war, jedenfalls ohne vergleich besser als die Wiener. namentlich war da ein
Portrait in öl des chinesischen malers Jam-quà in canton, von ihm selbst
gemalt und her geschickt.
die deutsche sitte der tables d’hôte mißbehagt mir entsetzlich, daher setzt
es nun alle tage um die essensstunde Zank und grobheiten von meiner
seite, an jenem tage erkämpfte ich mir ein essen à la carte bey hendrikoff.
um 4 uhr fuhr ich ab in einer afrikanischen hitze per eisenbahn nach
leipzig, mit mir fuhren 2 sehr artige preußische offiziere, die von teplitz
kamen.
in leipzig blieb ich einige tage, d.i. bis mittwoche früh, ich hatte mehre-
res vorgehabt, unter andern dingen wollte ich mit kuranda, dem redakteur
der grenzboten sprechen, der aber war in Berlin. Auch einen deutsch katho-
lischen gottesdienst verfehlte ich, hoffe dieß aber anderswo noch nachzuho-
len, denn die sache scheint mehr Bestand zu haben, als man bey uns glaubt.
nun in gottes nahmen, nur wünsche ich, daß diese unsinnige religiöse Auf-
regung enden möge, welche nun in norddeutschland unläugbar die erste
rolle spielt und alle andern Bewegungen mit Ausnahme vielleicht der Bör-
senspeculationen in den hintergrund drängt. o ihr dummen deutschen!!
ebensowenig konnte ich über den stand der socialistischen Wissenschaft
in deutschland erfahren (in Berlin soll bald eine übersetzung der Werke
fouriers erscheinen), oder vielmehr ich erfuhr so viel, daß man in leipzig
so gut wie gar nichts davon weiß, was also nicht für eine große verbreitung
spricht.
dagegen hörte ich an der universität einige interessante collegien, so
von Bülau über europäisches staatsrecht (minître plénipotentiaire) und von
Wachsmuth über altrömische geschichte, vortrag und Auffassungsweise
dieses letztern sprachen mich unendlich an. Am tage meiner Ankunft ging
ich noch in das klassische rosenthal, wo des sonntags eine unzahl geputzter
und wie alle sachsen und sächsinnen zufrieden und tugendhaft aussehende
menschen war. das riecht stark nach langer Weile. überhaupt scheint, ge-
lehrsamkeit und Bildung abgerechnet, für diese in leipzig stark gesorgt zu
seyn, und ich war manchmal gezwungen, besonders gegen Abend, stunden-
lang in dem elenden Café Français (dem einzigen dieser Art) zu sitzen und
Zeitungen zu lesen, ne sachant que faire. einmahl trieb mich das regenwet-
ter ins theater, wo man cas. dela vigne’s: die letzten tage ludwigs Xi. ganz
vortrefflich gab. Besonders war herr grunert als ludwig ganz klassisch.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien