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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Seite - 595 -
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59510. Juli 1846 sonntag den 5. flanirte ich trotz der entsetzlichen hitze vormittags in der stadt herum, hätte mich bald von einer venus vulgivaga verführen las- sen, entkam aber noch im letzten Augenblicke, ging dann in die katholische kirche, von da in die heute eröffnete gemäldeausstellung, worin kaum über 100–120 stück, jedoch manches Ausgezeichnete und viel gutes zu sehen war, jedenfalls ohne vergleich besser als die Wiener. namentlich war da ein Portrait in öl des chinesischen malers Jam-quà in canton, von ihm selbst gemalt und her geschickt. die deutsche sitte der tables d’hôte mißbehagt mir entsetzlich, daher setzt es nun alle tage um die essensstunde Zank und grobheiten von meiner seite, an jenem tage erkämpfte ich mir ein essen à la carte bey hendrikoff. um 4 uhr fuhr ich ab in einer afrikanischen hitze per eisenbahn nach leipzig, mit mir fuhren 2 sehr artige preußische offiziere, die von teplitz kamen. in leipzig blieb ich einige tage, d.i. bis mittwoche früh, ich hatte mehre- res vorgehabt, unter andern dingen wollte ich mit kuranda, dem redakteur der grenzboten sprechen, der aber war in Berlin. Auch einen deutsch katho- lischen gottesdienst verfehlte ich, hoffe dieß aber anderswo noch nachzuho- len, denn die sache scheint mehr Bestand zu haben, als man bey uns glaubt. nun in gottes nahmen, nur wünsche ich, daß diese unsinnige religiöse Auf- regung enden möge, welche nun in norddeutschland unläugbar die erste rolle spielt und alle andern Bewegungen mit Ausnahme vielleicht der Bör- senspeculationen in den hintergrund drängt. o ihr dummen deutschen!! ebensowenig konnte ich über den stand der socialistischen Wissenschaft in deutschland erfahren (in Berlin soll bald eine übersetzung der Werke fouriers erscheinen), oder vielmehr ich erfuhr so viel, daß man in leipzig so gut wie gar nichts davon weiß, was also nicht für eine große verbreitung spricht. dagegen hörte ich an der universität einige interessante collegien, so von Bülau über europäisches staatsrecht (minître plénipotentiaire) und von Wachsmuth über altrömische geschichte, vortrag und Auffassungsweise dieses letztern sprachen mich unendlich an. Am tage meiner Ankunft ging ich noch in das klassische rosenthal, wo des sonntags eine unzahl geputzter und wie alle sachsen und sächsinnen zufrieden und tugendhaft aussehende menschen war. das riecht stark nach langer Weile. überhaupt scheint, ge- lehrsamkeit und Bildung abgerechnet, für diese in leipzig stark gesorgt zu seyn, und ich war manchmal gezwungen, besonders gegen Abend, stunden- lang in dem elenden Café Français (dem einzigen dieser Art) zu sitzen und Zeitungen zu lesen, ne sachant que faire. einmahl trieb mich das regenwet- ter ins theater, wo man cas. dela vigne’s: die letzten tage ludwigs Xi. ganz vortrefflich gab. Besonders war herr grunert als ludwig ganz klassisch.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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