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Juli 1846
wußte bereits seit ein paar monaten durch Welsch, daß ich der verfasser
etc. sey, und erzählte mir eine menge détails über den druck, die verbrei-
tung, Aufnahme etc. des Buches. er schlug mir vor, dr. schuselkas, wel-
cher hier lebt, Bekanntschaft zu machen, und da dieß ohnehin in meiner
Absicht lag, so gingen wir denn tags darauf morgens zu ihm. schuselka ist
meiner Ansicht nach kein großes talent, aber ein gentlemanly character,
sehr viele vaterlandsliebe und die beste Absicht, dabey aber viel eingelern-
ter enthusiasmus und (leerer) Wortschwall, auch ein mehr oberflächliches
und zerstreutes Wissen, kurz mehr Belletrist, aber von gesinnung und ach-
tungswerth. er nennt sich einen republikaner, freute sich aber nichtsdesto-
weniger herzlich, in mir den eingefleischten Aristokraten kennen zu lernen,
gegen den er, ohne ihn zu kennen, öfters angefochten hat, und als solcher
stand ich ihm auch bey seinen extremen meinungen natürlicherweise gegen-
über. übrigens nannte er mich den „vater der reform“, der ich durch meine
schrift den ersten und bedeutendsten Anstoß gegeben habe, und daß er sich
mit einer Aristocratie, welche viele solche menschen besäße, versöhnen
könnte etc. etc. dennoch aber erklärte er, meine Proposition nicht anneh-
men zu können. ich meinte nämlich, seine theoretischen Ansichten mögen
seyn, welche sie wollten, so sey jetzt, praktisch, ein wünschenswerther um-
schwung der österreichischen Zustände nur dadurch zu erreichen, daß man
als Basis derselben die trias: Aristokratie, intelligenz und gemeindereform
annehme, daher die ständischen verfassungen entwickle und zeitgemäß re-
formire, Preßfreyheit oder doch eine annähernd freye censur einführe und
das unterrichtswesen umgestalte, endlich eine möglichst freye municipal-
verfassung einführe. dahin, meinte ich, sollte er mitwirken, und gab ihm
dazu mehrere Wege an: eine geschichte der österreichischen landstände
seit ferdinand 2., eine vergleichende darstellung der municipalverfassung
der sachsen in siebenbürgen etc.
Andererseits aber forderten er und campe mich dringend auf, wieder et-
was in meinem sinne über oesterreich zu schreiben. schuselka meinte gar,
ich solle meinen nahmen beysetzen, das würde um so mehr Wirkung ma-
chen. Jeder gebrauchte hierbey seine besonderen Argumente: schuselka
sprach von der Pflicht, meine kräfte der guten sache zu weihen, und von den
wahrscheinlichen resultaten für oesterreich. campe meinte, wenn ich die
Zeit versäumte, würde der nimbus, der jetzt noch an meinen schriftstelleri-
schen nahmen geknüpft sey, vergehen, ein Anderer mir vielleicht den rang
ablaufen etc.
Alles dieses und manches Andere wurde in langen gesprächen zwischen
uns durchgearbeitet, namentlich bey einem diner zu dreyen, wozu ich die
beyden herrn in victoria hôtel geladen hatte, welches aber campe, ohne daß
ich etwas davon wußte, bereits bezahlt hatte. campe zeigte mir mehrere
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien