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August 1846
exclusivität nicht los werden, so sehr ich auch in der theorie dagegen bin.
ob mir dieser Widerspruch, den ich nicht überwinden kann, nicht noch ein-
mahl den hals bricht?! – –
neulich waren wir einmal in großer gesellschaft im grünen Wasser, dem
hiesigen sport,1 wo ich den damen zu liebe mit ungeheuerem geldaufwande
einen reel tanzen ließ.
die holsteinischen geschichten, der „offene Brief“, die versammlung
zu neumünster und die Adresse der stände zu itzehoe beschäftigen hier
alle gemüther, und Alles spricht sich energisch gegen den könig aus.2 in
Preußen ist mündliches verfahren ohne öffentlichkeit eingeführt (ganz
ein machwerk à la hanswurst friedrich Wilhelm 2.). magnifique sind die
discussionen in der badischen 2. kammer, Welcker, hecker etc. etc., obwol
mir die Angriffe gegen das wirklich wohlmeinende ministerium manchmal
zu weit gehen. Aber es leidet keinen Zweifel: die eigentliche politische und
intellektuelle hegemonie deutschlands ist bey Baden. kufstein predigte mir
neulich lange über die sächsischen verhältnisse, der mann hat es noch weit
bis zum genie.
[helgoland] 5. August
heute früh sind Breuners und fugger weg, und in ihre Wohnung ist der
Banquier todesco aus Wien leider ohne seine schöne frau eingezogen, doch
da sie in hamburg ist, will ich hoffen, daß sie ihren mann besuchen werde.
die hitze wird immer ärger und um so unleidlicher, als man sich in den
hiesigen häusern ohne fensterläden, Jalousien etc. davor gar nicht zu
schützen weiß. dabey sind die Bäder kaum anders als Wannenbäder, so ru-
hig und still ist die see.
gestern Abends hatten wir das schönste schauspiel von der Welt: eine
Beleuchtung der inselgrotten bey herrlichstem mondschein, welcher dem ef-
fect nicht nur keinen Abbruch that, sondern das romantische der szene so-
gar erhöhte. eine masse von Barken war in Bewegung, die Bademusik auch
mit, ich mit den Breuners, die ganze fahrt dauerte von 9 bis nach 11 uhr.
gestern morgen lag in folge der entsetzlichen hitze ein dichter nebel auf
1 die volkskneipe „Zum grünen Wasser“ auf helgoland.
2 könig christian viii. von dänemark hatte im „offenen Brief“ v. 8.7.1846 die erbfolge für
den fall des absehbaren Aussterbens seines hauses in der männlichen linie (sein einziger
sohn und kronprinz frederik war kinderlos) neu geregelt, indem er schleswig und lau-
enburg zu integralen teilen der dänischen krone erklärte. damit wären diese länder wie
das königreich selbst an die weibliche linie gefallen, lediglich holstein wäre an den herzog
von Augustenburg gekommen. gegen diese neuregelung und die mögliche trennung ver-
wahrten sich volksversammlungen und landstände, schleswig-holstein wurde dadurch zu
einem symbol für die deutsche einheitsbewegung.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien