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gebaute ist), ließ es untersuchen, hielt es so von einigen reisen zurück und
verboth ihm endlich, an der hamburger landungsbrücke anzufahren!! so
daß wir im strome halten und in Jollen ans land fahren mußten. Alvens-
leben und veltheim begleiteten mich zum Boote, und catherine vom 1. Pa-
villon erschien ganz verschämt, um mir ein Briefchen an Pepi Breuner in
die hand zu drücken. die seereise war äußerst günstig und angenehm, eine
menge tümmlers (delphine) begleitete uns, wir begegneten mehrern großen
schiffen, darunter sloman’s miles mit Auswanderern, die uns ein lebewohl
zuriefen. die elbe war voll schiffe aller nationen und aus allen theilen der
Welt, und noch nie fand ich die ufer der elbe von Blankenese und neumüh-
len angefangen mit ihren herrlichen villas und gärten so reitzend als ge-
stern in der schönen Abendbeleuchtung. um 7 waren wir in hamburg und
ich um 1/2 8 bei streit.
heinrich heine ist nicht todt, es war ein anderer heine, der in der
schweiz starb. campe hat mir einen Brief von laube gezeigt, welcher seine
Biographie schreiben wollte und sich von campe einige notizen ausbath, ein
komisches mißverständniß.
kiel, 18. August
Auch dießmahl ging mir die Zeit meines Aufenthaltes in hamburg sehr
schnell vorüber. ich war viel bey campe, bey welchem ich alles nähere
wegen des beabsichtigten 2. theiles verabredete. campe gab mir ein Buch
betitelt: schattenseiten der österreichischen verwaltung,1 welches er eben
gedruckt hat, es ist ein gutmüthiges wohlgemeintes machwerk, welches we-
der schaden noch nützen wird. Weiters hat er ein Buch von schuselka über
österreich unter der Presse, welches wie er und schuselka selbst mir sagten,
sehr bitter seyn soll.2 schuselka scheint dieß sogar einigermaßen zu bereuen,
denn er sagte mir, das Buch sey schon vor einem Jahre zu Jena unter den
drückendsten verhältnissen geschrieben, und er werde darauf auch in einer
vorrede aufmerksam machen.
es ist überhaupt merkwürdig zu sehen, wie campe von allen seiten be-
stürmt wird, und seine Bekanntschaft ist abgesehen von seiner lebhaften
und originellen Persönlichkeit schon durch den innigen verkehr interessant,
worin er mit allen schriftstellern des sogenannten jungen deutschlands
steht, und über die er in Anekdoten etc. unerschöpflich ist. sein Briefwech-
sel sollte wirklich einst herausgegeben werden, er zeigte mir manche eben
erhaltene von heine, laube, daumer in nürnberg, edgar Bauer, der auf der
1 schattenseiten der österr. staats-verwaltung und gesellschaftl. Zustände (hamburg 1846),
die Arbeit erschien anonym.
2 franz schuselka, österreichische vor- und rückschritte (hamburg 1847).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien