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Tagebücher620
Appartement enthält mit allen reliquien seiner Zeit, also costume, Waffen,
meubles, geschmeide, nippes etc. unsere eleganten damen könnten sich
da die hübschesten kleinigkeiten aussuchen. Auch ein instrument wurde
mir gezeigt, mittelst dessen christian 4. sich bey seinen Abwesenheiten der
treue seiner maitressen versicherte, ob mit erfolg? ist nicht bekannt.
Auch bestieg ich am selben tage noch den thurm der trinitatiskirche,
von wo man das ganze Panorama von copenhagen und der umgegend sieht.
langenau und ich verfehlten uns übrigens gegenseitig, und so fuhr ich um 5
mit dem geyser, einem sehr schönen, obwohl nicht ganz so schönen dampf-
schiffe wie die stadt copenhagen, ab.
An Bord traf ich castenschiold, welcher von seinem urlaube nach Wien
zurückkehrt, um löwenstern abzulösen. Auch sonst war die gesellschaft
sehr gut, namentlich ein herr v. gröditzberg aus Berlin (ein alter theater-
mann à la Pachta), ein paar hübsche Wienerinnen etc. die see ging ziem-
lich hoch, obwohl das Wetter herrlich war, und es gab mehrere seekranke,
ich aber schlief vortrefflich. um 7 uhr früh waren wir in swinemünde, von
da ging es auf der swine weiter, dann in das haff, welches über 3 stunden
währte, eine langweilige fahrt, endlich die oder hinauf, bis wir gegen 1/2 12
in stettin waren. diese stadt hat sich seit 1843 so verschönert, daß ich sie
kaum wieder erkannte. ich aß mit castenschiold im hôtel de Prusse, dann
gingen wir zu einem conditor und vertrieben uns die Zeit bis 4, wo die eisen-
bahn abgeht, wir fuhren allein mit gröditzberg und kamen gegen 9 uhr in
Berlin an, wo wir in meinhards hôtel abstiegen.
ich habe heute unsern chargé d’affaires handel besucht, aber weder
Briefe noch sonst etwas neues gefunden, was mich einigermaßen désap-
pointirt. castenschiold, der morgen weiter geht, und ich aßen heute ziemlich
schlecht bey mielentz, sahen dann im königsstädter theater: überall Jesu-
iten, eine recht gute kurze Posse, und fuhren dann in den kroll’schen gar-
ten, der aber meinen erwartungen nicht entsprach. ich habe hier mehrere
Wiener getroffen: graf kornis, major hein etc.
[Berlin] 30. August
die Zeit ist mir hier außerordentlich schnell und recht angenehm vergangen.
Berlin ist eine stadt, die ich immer gerne hatte, und seit 1843 scheint es sich
noch bedeutend gehoben zu haben. es lebt sich hier recht behaglich, und das
ganze hat einen Anstrich von civilisation und höherer Bildung, welcher in
Wien in manchen stücken noch immer abgeht. übermorgen den 1. wird die
eisenbahn von hier bis Breslau eröffnet, und ich werde sogleich mit dem
ersten Zuge fahren, am 2. bis troppau fahren und am 3. Abends zu hause
eintreffen. dann kommt die reihe ans Arbeiten, wir wollen sehen, wie es mir
damit von statten gehen wird.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien