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August 1846
gestern Abends, als ich mit unsrem geschäftsträger Baron handel in
sommer’s garten den Berliner strauß, Joseph gung’l, hörte, kam dr. Boas,
mein helgolander guignon auf mich zu und stellte mir den redacteur des
grenzboten kuranda vor, welcher sich eben auch gleich zu uns setzte und
mit einer ziemlich jüdischen volubilität von politischen dingen, namentlich
aber von seinen persönlichen reibungen mit der Wiener censur und den
Wiener Zeitungsredacteuren (welche eben ein sehr ungeschicktes Anathem
gegen ihn erlassen haben) zu sprechen anfing. dieses Zusammentreffen
war mir zwar gerade in diesem Augenblicke gerade nicht besonders ange-
nehm, aber dennoch war ich sehr diplomatisch liebenswürdig, denn mit ei-
nem menschen wie kuranda kann ich nur wünschen auf einem guten fuße
zu stehen, er sagte mir unter andern, daß doblhoff ihn aufgesucht und ihm
von mir gesprochen hätte. Bis jetzt haben sich also meine verhältnisse zu
den einflußreichsten Publicisten über oesterreich sehr günstig gestaltet, ich
habe freundliche Beziehungen zu ihnen angeknüpft, ohne von der isolirten
stellung herabzusteigen, die ich geflissentlich beybehalte, bey einem länge-
ren Zusammenleben würde ich wahrscheinlich auf das eine oder das andere
verzichten müssen, und deßhalb ist es gut, daß die sachen so bleiben, wie sie
es jetzt sind.
Auch einem gottesdienste der hiesigen deutsch-katholischen gemeinde
habe ich heute beygewohnt, in einem hörsaale des sogenannten grauen klo-
sters in der klosterstraße,1 er war gesteckt voll, mehrere hundert menschen
von allen ständen, offiziere, damen etc. etc. es war eine Art von messe, da-
zwischen eine Predigt (über die thorheit und verwerflichkeit der Ansprüche
einer religion auf die Alleinseligmachung) und das heilige Abendmahl unter
beyden gestalten. das ganze dauerte an 2 stunden und wurde mit vielem
ernste und haltung vollzogen.
von sehenswürdigkeiten, die ich ohnehin bereits alle kenne, habe ich mir
dießmahl nur das museum mit seiner gemäldegallerie und Antikensamm-
lung angesehen. neulich war ich mit handel in dem schönen Zoologischen
garten, an einem andern Abende mit hein und kornis (welche vor 2 ta-
gen weiter gereiset sind) auf einen öffentlichen Balle, rectius hurenball,
im friedrichWilhelms casino, wo mich die lebhaftigkeit und keckheit der
mädchen amusirte, ganz anders als ihres gleichen bey uns.
An zwey hinter einander folgenden Abenden war ich im opernhause, dem
prachtvollsten theater das es gibt, und zugleich sowohl im innern, als in
den couloirs, ein- und Ausgängen etc. am zweckmäßigsten und elegante-
sten ausgestattet. Am ersten tage sang fräulein v. marra aus Wien in der
1 das gymnasium zum grauen kloster (ehemaliges franziskanerkloster, seit 1574 gymna-
sium).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien