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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
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62130. August 1846 gestern Abends, als ich mit unsrem geschäftsträger Baron handel in sommer’s garten den Berliner strauß, Joseph gung’l, hörte, kam dr. Boas, mein helgolander guignon auf mich zu und stellte mir den redacteur des grenzboten kuranda vor, welcher sich eben auch gleich zu uns setzte und mit einer ziemlich jüdischen volubilität von politischen dingen, namentlich aber von seinen persönlichen reibungen mit der Wiener censur und den Wiener Zeitungsredacteuren (welche eben ein sehr ungeschicktes Anathem gegen ihn erlassen haben) zu sprechen anfing. dieses Zusammentreffen war mir zwar gerade in diesem Augenblicke gerade nicht besonders ange- nehm, aber dennoch war ich sehr diplomatisch liebenswürdig, denn mit ei- nem menschen wie kuranda kann ich nur wünschen auf einem guten fuße zu stehen, er sagte mir unter andern, daß doblhoff ihn aufgesucht und ihm von mir gesprochen hätte. Bis jetzt haben sich also meine verhältnisse zu den einflußreichsten Publicisten über oesterreich sehr günstig gestaltet, ich habe freundliche Beziehungen zu ihnen angeknüpft, ohne von der isolirten stellung herabzusteigen, die ich geflissentlich beybehalte, bey einem länge- ren Zusammenleben würde ich wahrscheinlich auf das eine oder das andere verzichten müssen, und deßhalb ist es gut, daß die sachen so bleiben, wie sie es jetzt sind. Auch einem gottesdienste der hiesigen deutsch-katholischen gemeinde habe ich heute beygewohnt, in einem hörsaale des sogenannten grauen klo- sters in der klosterstraße,1 er war gesteckt voll, mehrere hundert menschen von allen ständen, offiziere, damen etc. etc. es war eine Art von messe, da- zwischen eine Predigt (über die thorheit und verwerflichkeit der Ansprüche einer religion auf die Alleinseligmachung) und das heilige Abendmahl unter beyden gestalten. das ganze dauerte an 2 stunden und wurde mit vielem ernste und haltung vollzogen. von sehenswürdigkeiten, die ich ohnehin bereits alle kenne, habe ich mir dießmahl nur das museum mit seiner gemäldegallerie und Antikensamm- lung angesehen. neulich war ich mit handel in dem schönen Zoologischen garten, an einem andern Abende mit hein und kornis (welche vor 2 ta- gen weiter gereiset sind) auf einen öffentlichen Balle, rectius hurenball, im friedrichWilhelms casino, wo mich die lebhaftigkeit und keckheit der mädchen amusirte, ganz anders als ihres gleichen bey uns. An zwey hinter einander folgenden Abenden war ich im opernhause, dem prachtvollsten theater das es gibt, und zugleich sowohl im innern, als in den couloirs, ein- und Ausgängen etc. am zweckmäßigsten und elegante- sten ausgestattet. Am ersten tage sang fräulein v. marra aus Wien in der 1 das gymnasium zum grauen kloster (ehemaliges franziskanerkloster, seit 1574 gymna- sium).
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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