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September 1846
troppau 2. september 8 uhr Abends
eine schöne Bescheerung, in den grenzboten steht groß gedruckt zu lesen,
daß ich der verfasser von österreichs Zukunft bin, und daß ich selbst, wie
es scheine, länger kein geheimniß daraus mache.1 vorgestern, am letzten
tage meines Aufenthaltes in Berlin, meldete es mir kuranda, sich halb und
halb entschuldigend und mit dem Beysatze: ich könnte, wenn ich wollte, eine
erwiederung darauf in sein Blatt einrücken lassen. Wie er das erfahren hat,
weiß ich nicht, glaube jedoch, daß es eine gutgemeinte indiscretion doblhoffs
gewesen ist. mir ist die sache hauptsächlich deßwegen unangenehm, weil
sie während meines Aufenthaltes in deutschland geschah, es also scheinen
könnte, als hätte ich den Artikel selbst veranlaßt. Andererseits sind aber
wieder mehrere ungenaue Angaben über mich, selbst über meinen nahmen
(er nennt mich graf Andriani), welche jenem verdachte entgegen stehen. Je-
denfalls werde ich mich hüten, der sache, die jetzt ohnehin die runde durch
die deutschen Zeitungen machen wird, durch eine erklärung ein noch größe-
res gewicht zu geben. ich bin nun neugierig, was man in Wien für gesichter
machen wird. so war es von mir nicht gemeint, als ich von meinem frühern
absoluten stillschweigen abging, einige sollten es wissen, Andere es ahnen,
aber es an die große glocke der Publicität zu schlagen, das hatte ich nicht
beabsichtigt. übrigens ist es nun geschehen und nicht mehr zu ändern, und
aus diesem gesichtspunkte antwortete ich auch kuranda. dieser schleppte
mich noch eine volle stunde herum, legte mir ein vollkommenes glaubens-
bekenntniß ab und bath mich, ihm manchmal Artikel für die grenzboten zu
schicken.
Am Abend war ich im königstädtischen theater, wo die italienische
opernsaison herzlich schlecht mit nabucco von verdi eröffnet wurde. für-
stinn thérèse esterhazy war auch da, und ich führte ihr handel auf. in den
gängen traf ich kuranda, der mich nach dem theater noch sprechen und
mir ein Paket für doblhoff mitgeben wollte, ich entschuldigte mich aber, weil
ich ein engagement zu fürstinn thérèse hätte, in der that aber, weil ich
frühe zu Bette gehen wollte. er sagte, er würde mir das Paket in den Bahn-
hof bringen, was aber nicht geschah.
gestern früh 7 uhr also fuhr ich mit der eisenbahn ab, über frankfurt,
guben, sorau, Bunzlau und liegnitz nach Breslau. Auf der neu eröffneten
strecke von frankfurt bis Bunzlau hatten wir alle Augenblicke Aufenthalt,
1 die grenzboten. Zeitschrift für Politik und literatur 5 (1846), ii. semester, iii. Bd., 349:
notizen: graf Andriani: „Jetzt weiß man den verfasser mit Bestimmtheit und da er selbst
kein geheimniß daraus zu machen scheint, so dürfen wir ihn wohl nennen. es ist der graf
Andriani, ein geistreicher, Wiener edelmann, aus einem süd-tyroler geschlechte und in
niederösterreich begütert.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien