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September 1846
Baden 22. september
obwohl ich bis jetzt meistens schlechtes Wetter gehabt habe (mit Ausnahme
zweyer herrlicher tage), so bin ich doch recht froh hier zu seyn. die gegend
ist so freundlich, die luft so rein und angenehm, daß man immer besser hier
ist als in der stadt. übrigens ist Baden schon ziemlich leer, und der herbst
scheint sich doch leider früher einstellen zu wollen als sonst. Was noch hier
ist, sind wie gewöhnlich meist Wiener Juden, i.e. Banquiers. Abends bin
ich immer faute de mieux im theater bey csáky, dem hiesigen Badekönige.
sonst sind noch von Bekannten hier franzl Palffy und seine mad. Waas,
franzl taaffe, hartig, hans carl dietrichstein, ein rittmeister graf török,
csakys neveu etc. ich bin übrigens außer am Abende in csáky’s loge fast
immer allein, mache Promenaden soweit es das Wetter gestattet, esse allein
in der redoute und bin viel zu hause, um zu arbeiten. mit dem Abschnitte
über die landstände bin ich fertig und habe ihn heute an doblhoff nach
Wien zur durchsicht gesendet.
ich fuhr gleich in den ersten tagen nach vöslau hinüber, um Bethlen zu
besuchen, er war aber gerade mit caroline karoly in Wien, und so besuchte
ich graffen, der sich da ein nettes kleines haus gebaut hat, ich blieb ziem-
lich lange bey ihm und mußte ihm versprechen, einmahl bey ihm zu es-
sen, was ich nächster tage thun will. Bethlen kam neulich zu mir herüber,
meine lage war noch nie so complicirt als jetzt, das gerücht von meiner
entlassung, der Artikel in den grenzboten, welcher die runde durch ganz
Wien macht, die letzten Begegebenheiten bey der hofkanzley und mein in
folge dessen in den lüften hängendes dienstverhältniß, dazu die Bombe,
welche in ungefähr 3 monathen platzen soll, endlich mein immer markir-
ter werdendes verhältniß zur ungarischen opposition, kurz, ich stehe jetzt,
wenn jemals, an einem Wendepunkte meines lebens und bin neugierig, wie
sich das Alles entwickeln wird. ein grund mehr, weßhalb ich gerne hier bin,
wo ich größere ruhe, weniger Anfechtungen und störungen zu befürchten
habe.
gestern begegnete ich hier zufällig der Baronne hruschowsky, sie er-
zählte mir, daß Julie samoyloff am 25. nach Wien käme und wahrscheinlich
keine unterkunft finden würde, da jetzt wegen der Anwesenheit mehrerer
höchster herrschaften (großfürst und großfürstinn michael, herzoginn von
nassau etc.), dann der Bundesinspection, endlich der von grätz zurück keh-
renden gelehrten in keinem gasthofe Platz sey. ich unglücksmensch ließ
mich verleiten, ihr scherzweise für diesen fall meine stadtwohnung anzu-
tragen, und siehe da, sie nahm mich nicht nur für Julie beym Worte, son-
dern wird sich selbst sammt kammerjungfer heute schon bey mir installirt
haben, was konnte ich thun? Zurück konnte ich nicht mehr, und so habe ich
denn heute meinen Jäger nach Wien geschickt, um in aller eile die nöthigen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien