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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Seite - 627 -
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62722. September 1846 Baden 22. september obwohl ich bis jetzt meistens schlechtes Wetter gehabt habe (mit Ausnahme zweyer herrlicher tage), so bin ich doch recht froh hier zu seyn. die gegend ist so freundlich, die luft so rein und angenehm, daß man immer besser hier ist als in der stadt. übrigens ist Baden schon ziemlich leer, und der herbst scheint sich doch leider früher einstellen zu wollen als sonst. Was noch hier ist, sind wie gewöhnlich meist Wiener Juden, i.e. Banquiers. Abends bin ich immer faute de mieux im theater bey csáky, dem hiesigen Badekönige. sonst sind noch von Bekannten hier franzl Palffy und seine mad. Waas, franzl taaffe, hartig, hans carl dietrichstein, ein rittmeister graf török, csakys neveu etc. ich bin übrigens außer am Abende in csáky’s loge fast immer allein, mache Promenaden soweit es das Wetter gestattet, esse allein in der redoute und bin viel zu hause, um zu arbeiten. mit dem Abschnitte über die landstände bin ich fertig und habe ihn heute an doblhoff nach Wien zur durchsicht gesendet. ich fuhr gleich in den ersten tagen nach vöslau hinüber, um Bethlen zu besuchen, er war aber gerade mit caroline karoly in Wien, und so besuchte ich graffen, der sich da ein nettes kleines haus gebaut hat, ich blieb ziem- lich lange bey ihm und mußte ihm versprechen, einmahl bey ihm zu es- sen, was ich nächster tage thun will. Bethlen kam neulich zu mir herüber, meine lage war noch nie so complicirt als jetzt, das gerücht von meiner entlassung, der Artikel in den grenzboten, welcher die runde durch ganz Wien macht, die letzten Begegebenheiten bey der hofkanzley und mein in folge dessen in den lüften hängendes dienstverhältniß, dazu die Bombe, welche in ungefähr 3 monathen platzen soll, endlich mein immer markir- ter werdendes verhältniß zur ungarischen opposition, kurz, ich stehe jetzt, wenn jemals, an einem Wendepunkte meines lebens und bin neugierig, wie sich das Alles entwickeln wird. ein grund mehr, weßhalb ich gerne hier bin, wo ich größere ruhe, weniger Anfechtungen und störungen zu befürchten habe. gestern begegnete ich hier zufällig der Baronne hruschowsky, sie er- zählte mir, daß Julie samoyloff am 25. nach Wien käme und wahrscheinlich keine unterkunft finden würde, da jetzt wegen der Anwesenheit mehrerer höchster herrschaften (großfürst und großfürstinn michael, herzoginn von nassau etc.), dann der Bundesinspection, endlich der von grätz zurück keh- renden gelehrten in keinem gasthofe Platz sey. ich unglücksmensch ließ mich verleiten, ihr scherzweise für diesen fall meine stadtwohnung anzu- tragen, und siehe da, sie nahm mich nicht nur für Julie beym Worte, son- dern wird sich selbst sammt kammerjungfer heute schon bey mir installirt haben, was konnte ich thun? Zurück konnte ich nicht mehr, und so habe ich denn heute meinen Jäger nach Wien geschickt, um in aller eile die nöthigen
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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