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November 1846
mein husten plagt mich noch immer und will bey dieser trockenen kälte
nicht besser werden, es ist so kalt wie im Jänner.
mathilde Berchtold war einige tage hier, ich sah sie fast alle Abende.
charlotte Zichy war ebenfalls da und wohnte mit ihr. nun sind sie Alle fort,
so auch, gott sey dank, die Baroninn [hruschowska]. dagegen sah ich in
diesen tagen fanny cerrito, die aus Pesth kam, wo sie tanzte, und nach
Berlin ging. Auch einen andern alten Bekannten, Perceval robins, traf ich
neulich zufällig auf der straße.
meine dienstesgeschichten haben sich endlich und zwar ziemlich nach
meinem Wunsche gestaltet, ich war also neulich bey hartig, welcher, ohne
ein besonderes interesse an mir zu nehmen (er brachte u.a. das gespräch
auch auf das gerücht einer Autorschaft, ich aber gab darauf eine auswei-
chende Antwort, und so fiel die sache zu Boden), mir doch rieth, ehe ich
meine entlassung begehrte, mit inzaghy darüber zu sprechen. das that ich
denn auch, und inzaghy meinte, ich solle nicht quittiren, sondern er wolle
mich als im supernumeraren stande befindlich ansehen, in der civilkarrière
ein vorgang ohne Beyspiel. damit konnte ich natürlich leicht einverstanden
seyn, und so schieden wir. Wir wollen nun sehen, wie lange dieses interim
dauern wird und welchen einfluß das erscheinen des 2. theiles darauf ha-
ben wird, einstweilen gehe ich in 5–6 Wochen nach Ansbach, spreche unter-
wegs in Augsburg mit kolb, denn ich will mich nun ganz in die Publicistik
werfen, mit gottes hülfe sollen, ehe ein paar Jahre ins land gehen, diese
leute mich bitten und beschwören, wieder dienste zu nehmen und zwar
unter meinen Bedingungen und nach meinen grundsätzen, und dann, wills
gott, wird es besser werden in oesterreich.
in lewald’s europa steht als Wiener correspondenz eine lange ge-
schichte, wie mich inzaghy über höhern Auftrag über meine Autorschaft
befragt und, als ich es eingestanden habe, mir – ein dramatischer moment –
das schon fertige entlassungsdekret überreicht habe.1 Wieviel dummes Zeug
wird doch heutzutage geschrieben! Aber auch hier und selbst von Beamten,
die doch unsere verhältnisse kennen sollten, habe ich schon die verrückte-
sten geschichten über diesen gegenstand hören müssen.
1 europa. chronik der gebildeten Welt 1846/2, heft 19 v. 7.11.1846, 93f.: Briefwechsel und
tagebuch. Aus Wien d. 20. october. Am ende dieses Artikels schreibt der anonyme Autor
von zwei gerüchten über Andrian, deren erstes er übergehe, da es „von einer Art unglaub-
licher kabinetsjustiz spricht.“ das zweite schildert er – anders als es Andrian zusammen-
fasst – so: Andrian sei vom obersten kanzler befragt worden, ob er der Autor von österreich
und dessen Zukunft sei, und als er dies nicht leugnete, „gab ihm der kanzler den wohlmei-
nenden rath, sogleich um seine entlassung aus dem staatsdienste anzusuchen.“ die Zeit-
schrift wurde seit 3.10.1846 nicht mehr von August lewald, sondern von f. gustav kühne
herausgegeben und seither auch in leipzig (statt wie bis dahin in karlsruhe) verlegt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien