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Tagebücher660
faschingstage war ein recht animirter Ball im casino, wo ich wieder mit
der crailsheimschen cotterie soupirte und wir die lustigkeit so weit trie-
ben, daß wir im tanzsaale, wo unser tisch stand, noch eine halbe stunde
lang sitzen blieben, während die Andern um uns herum tanzten. da wurden
gesundheiten getrunken, auf mein Wiederkommen nächsten fasching und
dergleichen wahrscheinliche dinge mehr. Am nämlichen tage hatte ich ein
langweiliges diner mit dem onkel und eduard bey taxis, der mir auch noch
am tage meiner Abreise eine stundenlange stehende visite machte.
das gerücht meiner Autorschaft hat sich auch hier verbreitet, und ge-
neral lesuire, einer der gescheidtesten leute, die ich hier getroffen, sagte
mir neulich sehr schmeichelhafte dinge darüber. übrigens war das haupt-
gespräch jener letzten tage der rücktritt sämmtlicher minister, welcher in
folge der vom könige an sie gestellten forderung, ein dekret wegen indige-
natsverleihung an lola montez und einer dotation an dieselbe aus staats-
mitteln, am 12. dieses monats stattgefunden hat. der könig, für dessen ver-
stand man ernstlich zu fürchten anfängt (er soll schon 2 mal betrunken auf
der straße gefunden worden und überhaupt in einer fortwährenden fieber-
haften Aufregung, wohl eine folge von gebrauchten stimulantien, seyn), hat
den minister Abel, der ihm doch so viele opfer auf kosten seiner ehre und
seines gewissens gebracht hat, ohne weiters mit 2500 fl pensionirt, schrenk
noch dazu gehöhnt (hart, mein lieber schrenk, nur 3 monate minister ge-
wesen seyn und mit 700 fl pensionirt werden), den übrigen ministern aber
nur einen urlaub bewilligt, Bray zu einer reise nach neapel. indessen sucht
er nach neuen ministern, die achtungswerthesten männer aber haben sich
geweigert, und die krisis ist noch nicht zu ende. mittlerweilen haben durch
die impertinenz und fingerfertigkeit der lola die ärgsten excesse stattge-
funden, und die Aufregung bey hoch und niedrig ist ungeheuer. Quos deus
perdere vult, dementat.
von campe erhielt ich ebenfalls Antwort. das Buch fand abermalige An-
stände und kann also erst gegen den 11. oder 12. nach Wien gekommen seyn,
er meint wie onkel ferdinand, daß es weniger gefallen werde als der 1. theil,
darauf erwiederte ich mit einem langen exposé de principes, worin ich mich
hauptsächlich auf den praktischen standpunkt stelle: ich sey jetzt weniger
Aristokrat als vor 5 Jahren, aber um etwas zu erreichen, müsse man mit den
Wölfen heulen, um diesen etwas abzugewinnen etc. das ganze theils wahr,
theils für schuselka berechnet, mit dem ich es nicht verderben will.1
das entsetzliche thau- und regenwetter, welches in den letzten tagen
eintrat, machte mir viel sorge, da ich fürchtete, dadurch aufgehalten zu wer-
1 Julius campes schreiben vom 10.2.1847 ist nicht erhalten, Andrians Antwort aus Ansbach
vom 28.2.1847 ist gedruckt bei rietra, Wirkungsgeschichte, 203–205.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien