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Tagebücher668
gestern stand mein erster Artikel über die letzte niederösterreichische
ständeversammlung in der Allgemeinen Zeitung, heute ein ganz ähnlicher,
und was mich wunderte, sehr anerkennender Artikel von Zedlitz, eigent-
lich fries.1 Beyde haben viel Aufsehen gemacht, und heute kam Pilat zu
fries und sprach ihm eine stunde lang von den ständen und ihrer großen
Zukunft, und ein gesandter versicherte ihn sogar, fürst metternich habe
erklärt, sich an die spitze der ständischen Bewegung stellen zu wollen!!
gewiß ist, daß noch nie eine so allgemeine muthlosigkeit geherrscht hat,
und daß niemand ein hehl daraus macht, so sprach auch heute sedlnitzky
zu vesque, so neulich kolowrat zu frau v. ritter, die mich mit enthusias-
mus empfangen hat und, wie mir scheint, mit dem gedanken umgeht, mich
mit kolowrat zu verkuppeln, ich habe ihr aber ganz offen gesagt, daß ich
zu einem untergeordneten Posten nicht tauge und ihn auch nicht will, daß
aber die dinge noch nicht so weit gediehen seyen, um daß man mir einen
solchen Platz geben werde, wie ich ihn anspreche und annehmen würde.
seitdem hat sie kolowrat gesprochen und hat mir etwas zu sagen, ist aber
eben unpäßlich. doch kann da für jetzt durchaus nichts herauskommen.
Auch Zedlitz drängte sich neulich bey fürstinn esterhazy mit einer ent-
setzlichen freundlichkeit an mich und hielt mich beynahe 2 stunden fest,
sprach viel von meinem Buche, mit dem er sich in den meisten dingen
einverstanden erklärte, nur hinsichtlich ungarns nicht, versicherte mich,
wie liberal gesinnt er sey und wie er deßhalb von der Bureaukratenclique
sedlnitzky, hartig etc. gehaßt würde, ich hielt diplomatisch an mich, denn
dem manne ist nicht zu trauen. übrigens gefällt mein Buch in den höch-
sten kreisen (sogar den erzherzogen) sehr, beynahe zu sehr, so daß ich gar
nicht recht damit zufrieden bin. Erzherzog Johann empfing mich neulich
auf das freundlichste und machte mir eine selbständige profession de foi,
beynahe buchstäblich so wie ich geschrieben. erzherzog stephan, bey dem
ich gestern war, ging noch weiter und sprach mir ganz ohne rückhalt da-
von. übrigens gehen die ideen dieses letzten nicht weiter als auf eine admi-
nistrative büreaukratische reform: gute, aufgeklärte, redliche Beamte mit
energie und strenger verantwortlichkeit. das langt lange nicht. Wer mehr
in ihm sucht, irrt sich, seine carrière in Böhmen hat ihn verdorben, man
kann nur mehr auf seine grenzenlose eitelkeit rechnen oder auf die konsti-
tutionelle Praxis, die er in ungarn durchmachen wird. doch ist dieses letz-
tere noch nicht so gewiß, eben jetzt stehen die chancen beynahe dagegen,
er will freyere hand haben und den nächsten landtag placide durchführen,
wo hingegen Apponyi etc. den enthusiasmus der Palatinuswahl dazu ex-
1 Allgemeine Zeitung v. 14.3.1847, 581f., datiert Wien 9. März; und v. 15.3.1847, 588f., da-
tiert Wien 10. märz.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien