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März 1847
ich habe die lind ein paar mahle im „feldlager in schlesien“ gehört,1
ohne weder von der oper noch von ihr besonders entzückt zu seyn. neues
gibt es sonst wenig. die Politik wächst dem geträtsch über den kopf, im
club hat man mich zum censor ernannt, neulich war ich als loyale de-
monstration beym kirchendienste und trage überhaupt große loyalität zur
schau, im übrigen aber spreche ich ganz offen und gegen Jedermann meine
Meinung aus und finde fast überall Anklang, nur die dummen Ungarn wol-
len ihren lächerlichen deutschenhaß nicht ablegen, und es wird mir manche
Arbeit kosten, die interpellation wegen Wiederherstellung unseres verfas-
sungsmäßigen Zustandes (von der ich so viel gutes erwarte) am nächsten
landtage in der Art wie ich sie wünsche durchzubringen. Jedenfalls mache
ich diesen sommer eine längere reise nach ungarn und siebenbürgen.
gestern war ich mit edmund Zichy bey lord Ponsonby, der feyerlich
empfing.
gegen mein Buch übt die Polizey die äußerste strenge (!!) und hindert
wirklich in mancher hinsicht seine raschere verbreitung, à la longue aber
nützt Alles nichts. ich contreminire unter der hand, da mein Buchhändler
vortreffliche Wege zum Hereinbringen hat. Aber an 300 Exemplare liegen
auf der Censur und dürften wohl confiscirt werden.
die letzten ereignisse in münchen begreife wer kann, ich nicht, totaler
umschwung in des königs Politik, ein liberales cabinet, entfesselung der
Presse, plötzliche angebliche Popularität des königs, und die lola [montez]
ganz gesichert in ihrer stellung, ja sogar durch maurer’s contersignirung
naturalisirt, das muß die folge aufklären.
vor wenig tagen ist ein Allerhöchstes handschreiben an die hofstel-
len ergangen, worin seine majestät befehlen, die ständische Wirksamkeit
künftig mehr zu berücksichtigen und ihren Bestrebungen möglichst entge-
gen zu kommen. – – –
[Wien] 28. märz
ich sitze alle tage bis 2, auch 3 uhr zuhause und komme dennoch wenig
dazu etwas zu lesen, da ich beynahe immer Besuche habe, und zwar immer
solche, die auf meine neue stellung Bezug haben. eigentlich erfülle ich so
meinen Beruf am besten, indem ich dem einen rath, dem dritten Anre-
gung, dem andern Beyfall ertheile und so ein thätiger mitarbeiter an dem
großen Werke bin, doch kann ich nicht läugnen, daß die sache zuweilen
sehr anstrengend ist, überhaupt ist meine stellung, besonders jetzt im An-
fange, keine leichte. ich muß einen Jeden, welcher zu mir kömmt, um mir
1 Jenny lind sang bereits in der uraufführung dieser oper von giacomo meyerbeer am
7.12.1844 in der Berliner hofoper die für sie geschriebene rolle der vielka.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien