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Tagebücher688
ich habe mich oben geirrt: die steuerfrage ist in Böhmen nicht still-
schweigend beseitigt (was eben die Partey der halben, Procop lazanzky,
der hofrath, an der spitze, wollte), sondern ausdrücklich und im Principe
anerkannt worden. Auch die veröfftlichung der verhandlungen ist, und
zwar in der (meiner Ansicht nach viel zu barschen) form angenommen
worden, daß sie via facti Berichte in die Prager Zeitung schicken, und falls
diese binnen 8 tagen nicht erschienen, in eine auswärtige Zeitung einrük-
ken lassen zu wollen erklärten. die gereiztheit auf beyden seiten ist groß.
lamberg war wieder der Wüthendste, und alle leute sagen, ich sey sein
lehrmeister, er hat ein Budget, öffentlichkeit der Justiz und gott weiß was
noch begehrt. Auf seine motion ist auch ein comité zur entwerfung einer
gemeindeordnung ernannt und angewiesen worden, sich mit dem hiesigen
zu gleichem Zwecke niedergesetzten in verbindung zu setzen, wieder ein
schritt zur vereinigung. Zur urgirung der hypothekenbank ist eine per-
manente (!!) deputation in Wien ernannt worden.
ich frühstücke fast täglich im Paradiesgarten,1 wo sich immer zahlrei-
che Gesellschaft findet, darunter E. Bethlen, und so mache ich schon in
aller frühe manches ab. überhaupt bin ich fast fortwährend im geschirre,
meine nerven fangen wieder an sich zu melden, woran wohl das veränderli-
che Wetter schuld ist, der may war entsetzlich heiß, bis auf 28° r., und jetzt
seit 8 tagen ist es wieder sehr kühl und naß. meine sommerprojekte sind
noch unbestimmt, in ein seebad will ich nicht gehen, nach Berlin aber muß
ich, da ich dort verschiedenes drucken lassen will: alte ständische doku-
mente, die Brochure über das ungarische Programm, vielleicht auch etwas
über den böhmischen und niederösterreichischen landtag etc.
[Wien] 11. Juny
heute ist der hiesige, am 7. eröffnete, landtag zu ende gekommen, die
haupt
resultate waren: die Zulassung des 4. standes zu den Berathungen
über die Postulate, welche der landmarschall in folge der im märz gefaß-
ten Beschlüsse via facti verfügt hat. montecuccoli erweckt überhaupt bey
den ständen allgemeine Zufriedenheit, und ich habe ihm vielleicht unrecht
gethan. der 4. stand verhielt sich übrigens, hauptsächlich auf die Bitte des
Bürgermeisters czapka, ganz ruhig. Weiter wurde ein comité zur Bera-
thung eines Preßgesetzes niedergesetzt, die veröffentlichung des finanz-
etats von der regierung begehrt etc. im ganzen bin ich mit dem verlaufe
sehr zufrieden, sind es ja doch größtentheils meine vor sechs monathena
ausgesprochenen ideen, welche nach einander selbst bis in ihre détails zur
1 das kaffeehaus im „Paradeisgartel“ auf der löwelbastei.
a korrigiert von Wochen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien