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August 1847
durch alle Zeitungen gehen dumme Artikel über meine neuliche vorla-
dung vor der Polizey, wie sie dahinter gekommen sind, ist mir ein räthsel,
denn ich habe es niemand gesagt. Auch habe ich mich dadurch veranlaßt
gefunden, ein paar Zeilen an herrn v. Born zu schreiben, um ihm dieses zu
sagen. Zugleich schickte ich an gervinus einen kurzen Artikel, worin (als
correspondenz aus Wien) die irrigen thatsachen berichtigt und namentlich
mein ehrlicher deutscher nahme von seiner italianisirenden verstümmelung
rehabilitirt wurde. der Artikel ist auch schon erschienen. übrigens kann ich
mich an diese öffentliche nennung meines nahmens noch immer nicht recht
gewöhnen, besonders wenn dieses cavalièrement geschieht. ich habe leider
eine verwundbare seite, und diese ist meine vermögenslosigkeit, verwund-
bar nicht nur für meine eitelkeit, sondern auch für meine politische stellung,
wie aber aus dieser lage heraus kommen? das beschäftigt mich seit gerau-
mer Zeit, und deßhalb denke ich jetzt eben zum ersten mahle in meinem le-
ben an die möglichkeit einer heirath, aber bis jetzt nur mit Widerwillen.
ich lese jetzt dahlmanns Politik,1 viel gewäsch, so etwas kann man
schreiben ohne dahlmann zu seyn, über oesterreich stellt er die schwierig-
keiten hin ohne sie zu lösen, das ist freylich bequemer.
mit Arnim hatte ich neulich eine lange conversation, er ist ein ganz ge-
scheidter, außerordentlich belesener mann, gehört aber zu der, mir so un-
angenehmen, schule von mystisch-mittelalterlichen, katholizisirenden (ob-
wol er Protestant ist) schwärmern, welche nur immer negiren, ohne eine
positive praktische richtung, deren koryphäen der könig von Preußen und
herr v. radowitz (Arnims chef und Abgott) sind. Arnim will durchaus, ich
solle radowitz’s Bekanntschaft machen, er ist in carlsruhe, doch weiß ich
im voraus, daß unsere Ansichten zu verschieden sind, als daß wir an einan-
der gefallen finden könnten. doch eben habe ich mir dessen letztes Buch:
die gespräche über kirche und staat2 (worüber schon diesen Winter leo
thun in den doblhoffschen soiréen soviel langweiliges Zeug schwäbelte) an-
geschafft und will es lesen. diese ganze richtung, welche in deutschland
sowohl durch stellung als Anzahl ihrer Anhänger bedeutend ist, hat Al-
brecht v. haller verschuldet, mir aber ist sie, von Allem Andern abstrahirt,
schon deßhalb verhaßt, weil sie sich zum katholizismus, den ich so gründlich
hasse, hinneigt.
Auch hier verfolgt mich der ruf meiner neuen stellung, und leute, von
denen ich es am wenigsten erwartet hätte, sprechen mir davon, damen,
franzosen etc. mit georges esterhazy sprach ich neulich lange darüber.
1 friedrich christoph dahlmann, die Politik, auf den grund und das maß der gegebenen
Zustände zurückgeführt (Bonn–leipzig 1847).
2 Joseph m. v. radowitz, gespräche aus der gegenwart über staat und kirche (stuttgart 1846).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien