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Tagebücher718
es solle der größtmöglichste lärmen geschlagen werden, sie selbst aber,
d.h. die böhmischen stände, würden vor der hand gar nichts thun, sondern
zahlen, nicht der einzelne, sondern nur der versammelte landtag habe das
recht, die rechte des landes zu wahren, und je gemäßigter sie sich jetzt be-
nähmen, desto kräftiger und effektvoller werde dann ihre sprache am land-
tage seyn können.1 das ist nun ganz gegen meine Ansicht, und in diesem
sinne antwortete ich dann auch in einer langen epistel an deym, und da ich
gerade an Albert nostitz etwas zu schicken hatte, auch an diesen: wenn sie
die Achtung und sympathie und daher die mitwirkung der übrigen Provinzi-
alstände und namentlich ungarns nicht verscherzen wollten, so müßten sie
jetzt gleich eine energische rechtsverwahrung einlegen, und nicht bis zum
nächsten, vielleicht nicht vor may statthabenden, landtag warten, da eine
solche stumme unterwerfung jetzt ohne Weiters als furcht und schwäche
ausgelegt werden würde. unter einer solchen rechtsverwahrung verstände
ich eine passive Zahlungsrenitenz à la John hampden, oder aber eine collec-
tive Protestation etc. Zu Beyden seyen sie als individuen sehr wohl berech-
tiget, ja verpflichtet, denn eine von den ständen nicht bewilligte steuer sey
kein gesetz, folglich nicht verbindlich, und in der gesetzlichkeit und ver-
fassungstreue jedes einzelnen liege am ende die garantie einer jeden ver-
fassung, ebenso berechtigt seyen sie zu einer collectivprotestation als stän-
demitglieder, nicht als ständekörper, denn ihr mandat als landesvertreter
ruhe nach constitutionellen Principien nie. im interesse des ständewesens
selber könne man nur in dem falle lärmen schlagen und die Augen von eu-
ropa auf sie richten, wenn sie den entschluß hätten, sich kräftig und würdig
zu benehmen etc. etc.
Wir wollen nun sehen, was meine Briefe für eine Wirkung haben, einst-
weilen aber habe ich bereits Alles gethan, damit diese schreyende rechts-
verletzung im Auslande den eindruck mache, welchen sie verdient, ich
habe an lerchenfeld und gervinus geschrieben, jenem meinen Aufsatz für
das Journal des débats, diesem zwey Artikel, einen erzählenden und einen
räsonnirenden, für seine Zeitung geschickt, und beyde ersucht, der sache
die größtmöglichste verbreitung zu geben, selbst wegen einer etwaigen in-
1 graf friedrich deym an Andrian, lieblitz 30.9.1847 (k. 114, umschlag 663): „die hauptsa-
che ist nur, daß das köstliche ereigniß verständig ausgebeutet und nach allen richtungen
besprochen wird, nicht nur sollen alle Zeitungen und zwar liberale sowohl als antiliberale
des kürzern und des Breitern davon sprechen, sondern Broschuren müßten den faden
ausspinnen, vorzugsweise aber müßten die inländischen kammern, ungarn an der spitze,
lärm schlagen und demonstrationen machen. in diesen Beziehungen denn rechne ich vor-
zugsweise auf deine thätige mitwirkung, dagegen werden wir hier zu lande vorerst gar
nichts weiter thun, als in der minorität des Ausschusses wenigstens remonstriren und pro-
testiren.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien