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Oktober 1847
eine fruchtbare idee hat deym übrigens mitgebracht (obwohl ich sie
schon lange hatte und nur froh bin, daß sie von Jemand anderm als ich
aufs tapet gebracht worden ist) und hier ins Werk gesetzt, nämlich die
einsetzung eines stehenden comités, welches quasi die oberaufsicht über
die ständische Bewegung in den verschiedenen Provinzen führen und de-
ren mittheilungen und verbindung mit den andern Provinzen inclusive
ungarn vermitteln soll. einstweilen haben doblhoff, deym und ich uns als
gründer und erste mitglieder constituirt, und sie haben mich als central-
punkt (das ist der Ausdruck) aufgestellt. Wir sollen dann aus jeder Provinz
ein, höchstens 2 mitglieder aussuchen, welches an uns mittheilungen zu
machen und die unserigen zu empfangen hat, für mähren denke ich an
egbert [Belcredi], wenn ihm seine heirath Zeit läßt, für steyermark frank
etc. nur mit ungarn bin ich noch unentschlossen, weil es dort trotz der
vielen brillanten und geistvollen männer keinen soliden durchgebildeten
verläßlichen, d.h. eigentlichen staatsmann gibt, wenigstens so weit ich sie
jetzt kenne.
mit lazzi teleki, welcher auf der durchreise einen tag sich hier aufhielt
und mich aufsuchte, brachte ich deym zusammen, persönliche Berührun-
gen anzuknüpfen ist vor Allem nothwendig. doch sind hüben und drüben
ganz verschiedene elemente: deym sprach stundenlang von steuerzuschuß,
formalitäten etc., und teleki machte wieder auf ihn den eindruck eines
menschen, der nichts weniger als ein durchgebildeter staatsmann ist. übri-
gens ist deym ohne Zweifel ein mensch von unendlichem geiste, einer merk-
würdigen rührigkeit und redefertigkeit, und der über die verschiedensten
gegenstände tief nachgedacht und die originellsten Ansichten hat, so z.B.
über seine constituirung des reiches in 4 königreiche mit gaugrafen (ober-
gespäne), vertretung nach interessen anstatt nach ständen, consultativem
geheimenrathe und öffentlichkeit, Ausschließung jeder Wahl, und ihre er-
setzung durch das loos etc. etc.
in ungarn geht Alles vortrefflich, die opposition hat eine eclatante majo-
rität von 31 gegen 22 stimmen, ein resultat, welches sich niemand träumen
ließ, die idee unserer reconstituirung ist sehr populär, die Angelegenheit
der 50.000 fl, welche überhaupt großes Aufsehen und allgemeine mißbilli-
gung erregt, ist bereits in mehreren congregationen zur sprache gekommen.
in der Adresse sollen unsere Angelegenheiten einen Artikel bilden, den kos-
suth übernommen hat, und ich sammle und praeparire jetzt material für
diese discussion, die hoffentlich lang und glänzend werden wird. kossuth ist
in Pesth gewählt, und széchényi, der alte narr, hat sich in Wieselburg wäh-
len lassen, um seinem alten feinde auf dessen terrain entgegen zu treten, er
wird es wahrscheinlich bereuen, denn wenn nichts anders, hat kossuth die
Popularität für sich.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien