Oktoberstreiks 1950

Die Oktoberstreiks waren Streiks im Herbst 1950 im besetzten Nachkriegsösterreich.

Im Zuge der Verhandlungen zum Vierten Lohn-Preis-Abkommen kam es Ende September 1950 zu einer Streikbewegung in der österreichischen Arbeiterschaft. Ausschlaggebend waren die auch fünf Jahre nach dem Krieg weiterbestehende geringe Kaufkraft und die schlechte Versorgungslage. Die Regierung und die Unternehmen, sowohl die privaten als auch die zahlreichen Betriebe in staatlicher Verwaltung, wollten die Löhne weiter auf einem niedrigen Niveau halten, um die erzielten Gewinne für Investitionen nutzen zu können und so den Wiederaufbau anzukurbeln, während die Arbeiterschaft mehr Kaufkraft für einen höheren Konsum forderte.

Inhaltsverzeichnis

Ablauf in Oberösterreich

Die ersten Streiks begannen am 25. September in Linz, ausgehend von der VÖEST, wo sowohl kommunistische Betriebsräte als auch Vertreter des VdU in einer Betriebsvollversammlung gemeinsam einen Mehrheitsbeschluss für einen einstündigen Warnstreik gefällt hatten. Am nächsten Tag, den 26. September begannen dann in ganz Österreich Streiks, die sich vor allem gegen die für 1. Oktober angekündigten Preissteigerungen richteten. Insgesamt beteiligten sich daran etwa 120.000 Arbeiter, wovon 40.000 aus den USIA-Betrieben in der sowjetischen kontrollierten Zone stammten. In Linz zogen etwa 15.000 Demonstranten über die Landstraße bis zum Linzer Landhaus und erreichen dort, dass eine zwanzigköpfige Abordnung von Landtagsabgeordneten versicherte, ebenfalls gegen die voreiligen Preiserhöhungen einzuschreiten. Weitere Streikzentren in Oberösterreich waren die Industriebetriebe sowie die Post und Eisenbahn in Steyr, Gmunden, Attnang-Puchheim, Lenzing und Nettingsdorf. Die Reaktion der Exekutive war zunächst die Ausrufung der Alarmstufe 4 (Landesalarm) und über 1.000 Gendarmen wurden in Linz konzentriert.

Am 27. September verstärkte sich die Streikbewegung und vor allem in Linz standen alle öffentlichen Verkehrsmittel still. Eine große Menge von Arbeitern aus der VOEST und der Stickstoffwerke belagerte das Gebäude der Arbeiterkammer, wo die Landesexekutive des ÖGB tagte und forderte in Sprechchören "Weg mit dem Schandpakt!". Das VdU-geführte Streikkomitee besetzte das Arbeiterkammergebäude und forderte den Rücktritt des Präsidenten der Kammer für Arbeiter und Angestellte Oberösterreich Heinrich Kandl (1875 -1968), den dieser unter der Drohung, ansonsten vom Balkon gestürzt zu werden, auch aussprach[1]. Die Polizei und Gendarmerie rückte mit Stahlhelmen und aufgepflanzten Bajonetts an, versuchte aber vergeblich in das Gebäude einzudringen. Erst als sich am Abend die Demonstranten zerstreuten, entspannte sich die Lage und die Exekutive konnte ohne Widerstand das Arbeiterkammergebäude übernehmen.

Am 28. September herrschte zunächst Unklarheit, ob die Streikbewegung von Seiten der sowjetischen Besatzungsmacht unterstützt wird. Nachdem die Amerikaner ihre Posten verlassen hatten, besetzte die Gendarmerie in Linz deshalb die Zufahrt zur Nibelungenbrücke, um eine Kommunikation mit der sowjetischen Zone nördlich der Donau zu unterbinden. Die Landesregierung verbreitete indes über die Medien, dass es sich bei den Streiks um "eine provozierende Machenschaft politischer Renegaten" handelte. Sogar die Gewerkschaftsführung und die SPÖ distanzierte sich öffentlich von den Aktionen und sprach von gesetzwidrigem Vorgehen.

Daraufhin beruhigte sich die Lage in ganz Oberösterreich und bereits am 29. September verlor die Streikbewegung an Unterstützung.

Am nächsten Tag, dem 30. September, organisierten in Wien vor allem kommunistisch organisierte Arbeitervertreter eine "Gesamtösterreichische Betriebsratskonferenz" in der Floridsdorfer Lokomotivenfabrik, die der Regierung ein Ultimatum stellte und mit einem Generalstreik drohte, zu dem es allerdings nicht kam. Die weiteren Ereignisse verlagerten sich darauf hin nach Wien und in die sowjetische Besatzungszone. In Oberösterreich kam es lediglich in Steyr am 5. Oktober noch einmal zu einer größeren Protestkundgebung, bei der 5.000 Arbeiter teilnahmen. Doch das Lohn-Preis-Abkommen war zu diesem Zeitpunkt bereits in Kraft.

Ablauf in Wien

Die Streiks, die hauptsächlich von der KPÖ organisiert wurden, hatten zum Ziel, den österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) unter KP-Kontrolle zu bringen und in Österreich eine Regierung unter kommunistischem Einfluss zu etablieren (Dies, obwohl die KPÖ kaum mehr als 5 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte). Der Streik, der sich als Vorwand gegen die starke Preissteigerungen auf Grund der Währungsreform richtete, wurde hauptsächlich von den Betriebsräten der damaligen USIA-Betriebe organisiert. Auch die Kommunisten in den westlichen Besatzungszonen zogen mit. Unterstützung erhielten sie aber auch von Mitgliedern der neu gegründeten VdU, einer rechts gerichteten Partei, die sich als Sammelbecken ehemaliger Nationalsozialisten verstand und besonders unter den Heimatvertriebenen in den linzer Großbetrieben Anhänger hatte.

Nach Aussage von Viktor Matejka war im Falle eines durchschlagenden politischen Erfolges der KPÖ Josef Dobretsberger, ein Professor aus Graz, als neuer Bundeskanzler vorgesehen. Matejka betonte aber auch, dass es zwischen der österreichischen KP und der Zentrale in Moskau ein Kommunikationsproblem gegeben haben dürfte - die Sowjetunion hatte nämlich kein wirkliches Interesse an einer Machtübernahme der KPÖ in Ostösterreich, die ja notwendig eine volle NATO-Integration der westlichen Besatzungszonen nach sich gezogen hätte, sondern sie verfolgte damals als Ziel die Neutralisierung Österreichs als Vorbild für Westdeutschland.

Am 4. Oktober erreichten die Streiks ihren Höhepunkt. Rollkommandos der Streikenden versuchten, das öffentliche Leben lahmzulegen und besetzten Straßen und Plätze. Wagen der Wiener Straßenbahn wurden durch Zuschütten der Gleise und Ausbetonieren der Weichen daran gehindert auszufahren. Auch zahlreiche andere Streikbrecher wurden an einem Weiterarbeiten gehindert.

Einer der maßgeblichen Anführer der Beendigung der Streiks war der damalige Gewerkschaftschef der Bau- und Holzarbeiter, Franz Olah, der über beste Kontakte zur amerikanischen Besatzungsmacht verfügte. Olah mobilisierte seine Aktivisten gegen die Streikenden. Da die Wiener Polizei durch die Sowjetische Besatzungsmacht weitgehend daran gehindert wurde, gegen die Gewaltakte der Streikenden einzuschreiten, konnte erst durch das Eingreifen von Franz Olahs Arbeitertrupps die Ruhe und Ordnung wieder hergestellt werden.

Am 6. Oktober beschloss schließlich die Gesamtösterreichische Betriebsrätekonferenz, die Streiks abzubrechen.[2]

Bestreikte Betriebe

Die Arbeiter folgender Unternehmen beteiligten sich an den Oktoberstreiks

Literatur

  • Michael Ludwig, Klaus-Dieter Mulley, Robert Streibel: Der Oktoberstreik 1950. Ein Wendepunkt der Zweiten Republik. Picus, Wien 1991, ISBN 3-85452-220-7.
  • Mathias Wittau: Die Gewerkschaft im Nacken. September- und Oktoberstreik in Österreich 1950. In: Holger Marcks, Matthias Seiffert (Hrsg.): Die großen Streiks. Episoden aus dem Klassenkampf. Unrast, Münster 2008, ISBN 978-3-89771-473-1, S. 188–122.

Einzelnachweise

  1. Zum drohenden Fenstersturz Kandls. Dieser blieb übrigns AK-Präsident bis 1959
  2. Roman Roček, Österreichischer P.E.N.-Club: Glanz und Elend des P. E. N., Böhlau Verlag Wien, 2000, ISBN 9783205991229 (Seite 313, 314)

Weblinks