Werkbundsiedlung Wien

André Lurçat: Veitingergasse 87, 89, 91 und 93, Straßenseite
Blick auf die Siedlung von Südwesten, 1932, dahinter der Rote Berg
André Lurçat: Veitingergasse 87, 89, 91 und 93, Gartenseite
Richard Neutra: Woinovichgasse 9
Gerrit Rietveld: Woinovichgasse 14-20
Lageplan

Die Werkbundsiedlung in Wien ist eine 1932 eröffnete Musterhaussiedlung im Bezirksteil Lainz des 13. Bezirks, Hietzing, die sich heute großteils im Eigentum der Wiener Stadtverwaltung befindet. An den ursprünglich 70, heute 64 Einfamilienhäusern bauten 33 Architekten (darunter eine Architektin) aus In- und Ausland mit. Bei ihrer Eröffnung wurde sie als „größte Bauausstellung Europas“ bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Lage

Die Siedlung befand sich zur Zeit ihrer Errichtung am westlichen Rand des verbauten Stadtgebiets südlich des Hügelzuges GirzenbergRoter Berg, eines Ausläufers des Wienerwaldes. Inzwischen ist die Umgebung, meist mit von Rasenflächen umgebenen Ein- und Mehrfamilienhäusern, weitgehend verbaut worden; Girzenberg und Roter Berg wurden als Schutzgebiet großteils unverbaut erhalten.

  • Im Norden wird die Siedlung von der in Ost-West-Richtung verlaufenden Veitingergasse begrenzt, an die nördlich Girzenberg (285 m) und Roter Berg (262 m) anschließen.
  • Südwestliche Begrenzung ist die von der Veitingergasse im Westen abzweigende Jagdschlossgasse. In dieser verkehren, mit einer Haltestelle bei der Gobergasse, Ecke Jagicgasse, die Autobuslinien 54B und 55B als einzige öffentliche Verkehrsmittel in unmittelbarer Nähe.
  • Im Osten wird die Siedlung zum Teil von der Jagicgasse begrenzt, zum anderen Teil grenzt sie, wie im Süden, direkt an private Nachbargrundstücke.

Engelbrechtweg, Jagicgasse und Woinovichgasse, Erschließungswege der Siedlung, wurden 1936 amtlich benannt. In den Situationsplänen der Bauzeit scheinen diese Namen daher noch nicht auf.

Entstehung

Die Werkbundsiedlung – Vorbild war die 1927 errichtete Stuttgarter Weißenhofsiedlung – hätte ursprünglich auf einem Areal bei der Triester Straße 85 am damaligen Rand des Arbeiterbezirks Favoriten, des 10. Bezirks, errichtet werden sollen. Zwei Bebauungspläne blieben unausgeführt, da in unmittelbarer Nachbarschaft ein großer Gemeindebau entstand und man nicht „im Schatten“ dieser Anlage bauen wollte. Das Ersatzareal beim Roten Berg war rundherum unverbaut, aber zum Teil sumpfig und musste bis zu einem Geschoß hoch aufgeschüttet werden.

Unter der Leitung des Architekten Josef Frank, der die Siedlung als Gründungsmitglied des Wiener Werkbundes initiiert hatte und für eine undogmatische Moderne stand, entstand die Siedlung in den Jahren 1930 bis 1932. Bauherr war die städtische Wohnbaugesellschaft Gesiba unter Generaldirektor Hermann Neubacher. Bei der Eröffnung sprachen Bundespräsident Wilhelm Miklas und Bürgermeister Karl Seitz.

Im Unterschied zu früheren Projekten stand bei der Wiener Werkbundsiedlung „Wirtschaftlichkeit auf engstem Raum“ im Vordergrund. Die Häuser sind tatsächlich, gemessen an heute üblichen Raum- und Wohnungsgrößen, sehr klein, vermitteln aber immer wieder durch die für die frühe Moderne signifikante Funktionalität, höchste Ökonomie im Detail und geschickt gesetzte Ausblicke und Sichtbezüge eine erstaunliche Geräumigkeit.

Die von namhaften Herstellern und Innenarchitekten mustermäßig eingerichteten Häuser konnten von 5. Juni bis 7. August 1932 als Werkbundsiedlung – Internationale Ausstellung Wien öffentlich besichtigt werden; 100.000 Besucher besuchten die Siedlung während dieser Ausstellung. Das internationale Medienecho fiel sehr positiv aus.

Weitere Entwicklung

Die wirtschaftliche Lage weiter Teile der Bevölkerung war allerdings in dieser Zeit schlecht. Nur 14 Häuser konnten wie geplant verkauft werden; die anderen wurden vermietet und gelangten in der NS-Zeit 1938 ins direkte Eigentum der Wiener Stadtverwaltung. (Am 13. März 1938 war der frühere Gesiba-Chef Neubacher, seit 1933 illegaler Nationalsozialist, von der neuen Diktatur zum ersten NS-Bürgermeister Wiens ernannt worden.)

Der Bombardierung Wiens in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs fielen sechs Häuser (siehe Abschnitt Beteiligte Architekten) zum Opfer; sie wurden durch Neubauten anderer Architekten ersetzt.

1983–1985 wurden 56 der nach dem Krieg verbliebenen 64 Häuser von Adolf Krischanitz renoviert (Konsulent: Otto Kapfinger); im Zuge dessen baute Krischanitz westlich neben dem Haus Woinovichgasse 32 ein kleines Museum der Siedlung. Seine Arbeit dokumentierte er 1989 in einem Buch. Da sich ein Teil der Gebäude in Privatbesitz befand, konnten damals nicht alle Häuser renoviert werden.[1][2]

2012, 80 Jahre nach der Eröffnung, begann die Stadtverwaltung in Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt die erforderliche neuerliche Restaurierung und Renovierung der Siedlung.

Beteiligte Architekten

  • Richard Bauer, Veitingergasse 75 und 77
  • Karl A. Bieber, Otto Niedermoser, Woinovichgasse 28 und 30
  • Anton Brenner, Engelbrechtweg 9 und 11
  • Otto Breuer, Jagdschlossgasse 72 und 74
  • Josef F. Dex, Jagdschlossgasse 76 und 78
  • Max Fellerer, Woinovichgasse 6 und 8
  • Josef Frank, Woinovichgasse 32
  • Hugo Gorge, Woinovichgasse 1 und 3
  • Jacques Groag, Woinovichgasse 5 und 7
  • Arthur Grünberger, Jagdschlossgasse 80 und 82
  • Gabriel Guévrékian, Woinovichgasse 10 und 12
  • Oswald Haerdtl, Veitingergasse 115 und 117
  • Hugo Häring, Veitingergasse 71 und 73, Woinovichgasse 34, nicht erhalten, nach 1945 durch Neubau ersetzt: Engelbrechtweg 8 und 10
  • Josef Hoffmann, Veitingergasse 79, 81, 83 und 85
  • Clemens Holzmeister, Jagicgasse 8 und 10
  • Margarete Schütte-Lihotzky, Woinovichgasse 2 und 4
  • Walter Sobotka, nicht erhalten, 1951 durch „Gemeindebau“ ersetzt: Veitingergasse 95 und 97
  • Oskar Strnad, nicht erhalten, nach 1945 durch Neubau ersetzt: Engelbrechtweg 5 und 7
  • Hans Adolf Vetter, Woinovichgasse 11
  • Eugen Wachberger, Jagicgasse 12, Woinovichgasse 22
  • Helmut Wagner-Freynsheim, Jagdschlossgasse 68 und 70
  • Josef Wenzel, Veitingergasse 111 und 113
  • Oskar Wlach, Veitingergasse 99 und 101

Literatur

  • Josef Frank (Hrsg.): Die Internationale Werkbundsiedlung Wien 1932, Scholl Verlag, Wien 1932
  • Österreichischer Werkbund: Werkbundsiedlung. Internationale Ausstellung; Wien 1932; Wien XIII, Veitinger-, Jagdschlossgasse, Rosenbaum Verlag, Wien 1932
  • Wolfdieter Dreibholz: Die internationale Werkbundsiedlung Wien 1932, Verlag Jugend und Volk, Wien 1980
  • Astrid Gmeiner, Gottfried Pirhofer: Der Österreichische Werkbund. Alternative zur klassischen Moderne in Architektur, Raum- und Produktgestaltung, Residenz-Verlag, Salzburg 1985, ISBN 3-7017-0427-9
  • Adolf Krischanitz, Otto Kapfinger: Die Wiener Werkbundsiedlung: Dokumentation einer Erneuerung, Sanierungsbericht, Beton-Verlag, Düsseldorf 1989, ISBN 3-7640-0258-1
  • Friedrich Achleitner: Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert, Band III / 2, Wien: 13.–18. Bezirk, Residenz Verlag, Salzburg / Wien 1995, ISBN 3-7017-0704-9, S. 60–63
  • Wien Museum (Hrsg.): Werkbundsiedlung Wien 1932 – Ein Manifest des neuen Wohnens, Prospekt zur Ausstellung im Wien Museum Karlsplatz, 6. September 2012 bis 13. Jänner 2013

Einzelnachweise

  1. Werkbundsiedlung in Architekturdatenbank nextroom
  2. ÖVP Wien kritisiert Bauzustand der Werkbundsiedlung, Archivmeldung der Wiener Rathauskorrespondenz, 28. Mai 2008

Weblinks

 Commons: Werkbundsiedlung Wien – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

48.17996216.269024Koordinaten: 48° 10′ 48″ N, 16° 16′ 8″ O