unbekannter Gast

Maibaum#

Maibaum auf der Schmelz, Wien 2013. Foto: Doris Wolf

Der Maibaum hat nicht das Geringste mit einem heidnisch-germanischen Frühlingskult zu tun. Er ist einer aus der großen Familie der Festbäume, zu der u.a. Kirtagbaum, Hüterbaum, Sonnwendbaum oder die Bäumchen zur Dachgleiche zählen. Maibaum-Feste in den heute bekannten Formen mit Volkstanz etc. sind eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Die flächendeckende Verbreitung des Brauches setzte im 20. Jahrhundert ein. Dazu trug die nationalsozialistische Brauchpflege bei, die das Aufstellen als angeblich "uraltes Symbol der erwachenden Natur" für das ganze Reich anordnete. Leopold Schmidt (1912-1981) bewies in seinem Werk "Volkskunde von Niederösterreich", dass es sich um eine mittelalterliche Gepflogenheit handelt: Bald nach der ersten bekannten Nachricht (Aachen, 1224) erfährt man 1230 von einem Maibaum am Babenbergerhof in Wien. Das Aufstellen und Schmücken war ebenso wie das anschließende Fest eine Pflicht der weltlichen Obrigkeit. Als Herzog Leopold IV., der Glorreiche, anno 1230 starb, klagten die Wiener: "Wer singet uns nu vor / zu Wienn auf dem Chor / hals er vil dicke hat getann / der viel tugendhafte man ? / Wer singet uns nu raien / wer zieret uns nu die maien ?"

Aus Niederösterreich sind barocke Archivalien erhalten. So wurde in Eggenburg anno 1710 das Maibaum-Aufstellen nicht gestattet, weil man die Beschädigung des neuen Straßenpflasters befürchtete. Acht Jahre später erhielten die in der Stadt einquartierten Bayreuther Dragoner ein Trinkgeld für das Maibaumsetzen. Ebenso 1724 der Meier und seine Knechte in Asparn/Zaya, 1745 bekam der Kremser Ratsdiener einen "Ehrentrunk" für seine Mühe. Schon 1741 hatte ein Patent Maria Theresias das Aufstellen von Maibäumen verboten, um die Wälder zu schonen.

Später stellten die Burschen (Zusammenschlüsse unverheirateter junger Männer) in den Dörfern Maibäume auf. Oft kam es zu Rivalitäten mit den Nachbarorten. Die Burschen versuchten den Maibaum der anderen zu stehlen, was für diese eine große Schande bedeutete. Daher bewachten sie den Baum in der Nacht. Seit den 1970er Jahren sind auch in der Stadt Linz "Maibaum-Piraten" unterwegs, den den Baum vom Hauptplatz stehlen. Dabei wird das Recht des "Brauchtums" ins Treffen geführt und verlangt, dass der Baum "ausgelöst" werde. „Brauchtum kann ein Rechtfertigungsgrund sein und damit die Strafbarkeit beseitigen. Im Einzelnen ist es aber ein Graubereich und der Täter hat jedenfalls nur dann eine Chance davon zu kommen, wenn er keinen schweren Schaden angerichtet hat“, sagte der Korneuburger Staatsanwalt Friedrich Köhl 2014. Bei einer Umfragen meinten fast 83 %, Maibaumstehlen gehöre als Brauch einfach dazu, Strafen wären fehl am Platz.

"Brauch" sind auch kuriose Zeitungsmeldungen rund um den Maibaum. 2016 ereignete sich in Wien ein Studentenulk mit einem gestohlenen Maibaum. „Wir halten alte Bräuche hoch“, kommentierte die BOKU das Bild des Baums in der Straßenbahn auf Facebook. Der ursprünglich zehn Meter hohe Maibaum war am 26. April auf dem Gelände der Universtität für Bodenkultur in Währing aufgestellt worden. In der Nacht auf den 27. April schnitten ihn Studenten mit der Motorsäge um und transportierten ihn mit Einkaufswagerln zuerst in den Hof ihres Heimes. Auf fünf Meter gekürzt brachten sie ihn mit der Straßenbahn in ihr Stammlokal in der Inneren Stadt. Dort ziert er den Schanigarten.

In Preitenegg (Gemeinde Wolfsberg, Kärnten) haben unbekannte Täter in der Nacht vom 1. zum 2. Mai den Maibaum vor dem Rüsthaus der Freiwilligen Feuerwehr angesägt. Der 24 Meter hohe Baum wurde durch starken Wind umgerissen und fiel auf die Packer Straße. Der ORF kommentierte. "Das Maibaumstehlen zählt zum Brauchtum in vielen Bundesländern. Dabei ist der Unterschied zwischen Diebstahl und Brauchtum oft schwer auszumachen. Allerdings zählen zum Brauchtum nur solche Taten, die in der Nacht auf den ersten Mai geschehen. Der vorliegende Fall in Preitenegg kann daher wohl nicht zum Brauchtum gezählt werden. Die Polizei ermittelt." Beim Umschneiden des Maibaumes auf dem Dorfplatz von Liesing im Lesachtal stürzte der Baumstamm auf ein Gasthaus und beschädigte es. Verletzt wurde niemand.

Bei der im Frühjahr 2016 durchgeführten IMAS-Umfrage "Traditionen und Bräuche" (Archiv Nr. 016041) gaben 70% an, das Maibaumaufstellen zu kennen und 22 %, selbst dabei zu sein.


Quellen:
Leopold Schmidt: Volkskunde von Niederösterreich. Horn 1972. Bd. 2/S. 217 f.
Kärnten 2016
Wien 2016
Lesachtal

Auf der Schmelz, Wien 15
Auf der Schmelz, Wien 15
Bei U-Bahn Ottakring, Wien 16
Bei U-Bahn Ottakring, Wien 16
Elterleinplatz, Wien 17
Elterleinplatz, Wien 17
Dornbach, Wien 17
Dornbach, Wien 17
Klosterneuburg, NÖ
Klosterneuburg, NÖ

Maibäume 2013, Fotos: Doris Wolf