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New Age#

Als Schlagwort wurde „New Age“ schon im 19. Jahrhundert verwendet (William Blake: Milton, 1804; Warren Felt Evans: The New Age and Its Message, 1864; Zeitschrift "The New Age", ab 1894) "Neues Zeitalter" ist ein astrologischer Begriff. Jedes zweite Jahrtausend beginnt demnach ein so genanntes Weltenjahr. Dem Zeitalter der Fische, dessen Anfang ungefähr mit Christi Geburt zusammenfällt, folgt das Zeitalter des Wassermanns. Wann der Übergang erfolgte, wird nicht genau gesagt. Er könnte vor 200 Jahren gewesen sein, als man den Uranus - den für den Wassermann zuständigen Planeten - entdeckte. Oder in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, als das amerikanische Hippie-Musical "Hair" das "Age of Aquarius" als Hoffnung für die von Industrialisierung bedrohte Erde pries und als Gegenwelt Liebe, Glück und Harmonie mit der Natur predigte. Das erste New-Age-Zentrum gründeten die Psychologen Michael Murphy und Richard Price 1962 in Kalifornien. Im deutschen Sprachraum kam die Bezeichnung „New Age“ Ende der 1970er Jahre auf und erreichte 1985-1988 den Höhepunkt ihrer Verbreitung. Heute wird „New Age“ nur noch selten als Selbstbezeichnung verwendet und häufig sogar als Schimpfwort betrachtet. Ähnlich ist es mit dem Begriff Esoterik, die wegen des kommerziellen Beigeschmacks oft abgelehnt wird.

Überzeugte New Ager versprachen sich von ihrer Heilslehre nicht nur Selbsterlösung, sondern durch die "sanfte Verschwörung" (Marilyn Ferguson) eine neue Epoche der Menschheit. Alles sei im Wandel, das soziale, kulturelle und psychische Weltsystem längst aus den Angeln geraten. Nichts sei mehr, wie es einmal war, alles werde besser. Überall sei Heil, man müsse nur in der Lage sein, es wahrzunehmen und sich (etwa in kostspieligen Seminaren) zu eigen zu machen. Wer sich um die viel zitierte Jahrtausendwende mit Europäischer Religionsethnologie beschäftigte, traf den christlichen Glauben nur als Teilaspekt an: Kirchliche Symbole waren in die profane Welt abgewandert, religiöse Elemente in die Werbung, Schmuckkreuze in die Mode. Mit dem größeren Horizont wandelt sich die postmoderne populäre Religiosität. Der Wiener Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner sprach von einer "Dispersion des Religiösen".

Mythen, Mystik und Mystifikationen begegnen auch im 21. Jh. auf Schritt und Tritt. Menschen, deren Lebensgeschichten nicht unterschiedlicher sein könnten, finden gleichermaßen Gefallen am Übersinnlichen: Wohlsituierte Akademiker hoffen auf Instant-Erleuchtung. Leser auflagenstarker Boulevardblätter vertrauen auf deren astrologische Ratschläge. Zahnärzte wie Friseure registrieren Terminwünsche, die mit den Mondphasen zusammenhängen. Reisen zu "Kultplätzen" zählen zum touristischen Standardangebot. „The Secret“ der Australierin Rhonda Byrne war ein Bestseller. Die Suche nach der Erkenntnis, die das Leben glücklicher macht, führte die Autorin zu den Schriften des altägypischen Hermes Trismegistos, einer Hauptquelle der modernen Esoteriker. Ihre Erkenntnisse: "Wir sind selbst Schöpfer unserer Realität. Die Dinge, die uns im Alltag begegnen, haben wir durch die eigene Gedankenenergie angezogen. Die Kraft, die wir Gott nennen, war und ist nie wirklich von uns getrennt." Daher empfiehlt sie, exakt formulierte Wünsche an das Universum zu richten. 

Das Angebot des spirituellen Supermarkts ist unüberschaubar. Man kann auswählen und kombinieren, was gerade passend erscheint. Nicht nur die Weltreligionen sind unter den Anbietern, auch religiöse Sondergruppen und neuheidnische Kulte. Noch nie war Geheimwissen so offenkundig wie heute. Alles fließt, Grenzen schwinden, der Weg ist das Ziel. Letztlich entzieht sich die unübersichtliche Materie mit Versatzstücken aus aller Welt der Analyse, um die sich aufgeklärte Kreise seit mehr als zwei Jahrhunderten bemüht haben. War es vergebliche Mühe ? "Aufklärung schlägt stets um in Mythologie", schrieben die Sozialphilosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno 1942 in ihrer "Dialektik der Aufklärung".


Quellen: Rhonda Byrne: The Secret - Das Geheimnis. München 2007
Lukas Lessing: New Age & Co. Einkauf im spirituellen Supermarkt. München 1993. 11 - 21.
Wikipedia (Stand 3.4.2011)


Siehe auch
--> Rezension New Cage
--> Rezension Ritual