unbekannter Gast

Haydn, Joseph#

* 31. 3. 1732, Rohrau Rohrau

† 31. 5. 1809, Wien

Komponist


Joseph Haydn
Joseph Haydn. Gemälde von J. Hoppner, 1791.
© Sammlung der Königin von Großbritannien, Buckingham Palace, London), für AEIOU

Sohn eines Wagnermeisters, Bruder von Michael Haydn.


Kam 1740 über Hainburg als Sängerknabe an St. Stephan nach Wien (erster umfassender Musikunterricht durch Georg Reutter den Jüngeren und Kompositionsversuche), Kontakt mit der barocken Wiener Musiktradition (Antonio Caldara, Johann Josef Fux). 1749 nach dem Stimmbruch entlassen, verdiente er durch Gelegenheitsarbeiten (unter anderem Komposition von Komödienarien) sein Geld, gleichzeitig vertiefende Kompositionsstudien (J. J. Fux, C. P. E. Bach). Über Vermittlung Pietro Metastasios wurde er Assistent des berühmten Gesangslehrers N. Porpora, der 1752-1756/57 in Wien lebte. Über Metastasio und Porpora lernte Haydn auch die musikalischen Berühmtheiten Wiens, wie Georg Christoph Wagenseil, Christoph Willibald Gluck und Carl Ditters von Dittersdorf, kennen.


In Zusammenhang mit einem Engagement bei K. J. von Fürnberg auf Schloss Weinzierl bei Wieselburg (Niederösterreich) entstanden zwischen 1750 und 1760 die ersten Streichquartette. Wahrscheinlich über Fürnbergs Vermittlung wurde Haydn 1759 Kapellmeister des Grafen Morzin auf Schloss Lukavec bei Pilsen (Tschechische Republik); für diesen komponierte er vor allem Instrumentalmusik (Symphonien, Divertimenti und andere).


1760 Heirat mit Maria A. Weber. 1761 wurde Haydn 2. Kapellmeister des Fürsten Paul II. Anton Esterházy und seines Nachfolgers Fürst Nikolaus I. Joseph Esterházy, des Prachtliebenden, in Eisenstadt. 1766 avancierte er zum 1. Kapellmeister in Eisenstadt bzw. ab 1769 auch auf Schloss Eszterháza (Fertöd,Ungarn).


Die fürstliche Kapelle vergrößerte er von 10-15 auf 20-25 Musiker. In der relativ großen Isolation auf den Landsitzen entwickelte Haydn seinen persönlichen Stil und experimentierte mit den neuen Gattungen der entstehenden Wiener Klassik. Nach dem Tod des Fürsten Nikolaus I. Joseph wurde die Privatkapelle der Esterházy 1790 aufgelöst, und Haydn kehrte nach Wien zurück, wo er dank der bereits seit den späten 70er Jahren geknüpften Kontakte zu einer der führenden Persönlichkeiten des Musiklebens der Stadt wurde. Fürst Anton Esterházy sicherte Haydn volles Gehalt und Titel ohne jede Verpflichtungen zu, weshalb Haydn ein Angebot des Fürsten Grassalkovics ablehnen konnte.


Vom Konzertunternehmer J. P. Salomon ließ er sich zu einer Englandreise (1791/92) überreden, die mit der Verleihung des Ehrendoktorats für Musik in Oxford ihren Höhepunkt fand. Aufgrund des großen künstlerischen wie auch kommerziellen Erfolgs stimmte Haydn einem weiteren Englandaufenthalt (1794/95) zu. Zwischen den beiden Reisen war Ludwig van Beethoven sein Schüler.


Nach dem Tod von Fürst Anton Esterházy 1794 wurde unter dessen Nachfolger Fürst Nikolaus II. Esterházy die fürstliche Kapelle der Esterházy wiedererrichtet und Haydn ab 1795 wieder Kapellmeister, mit großen Freiheiten. Dienstpflicht war die Komposition einer Messe zum Namenstag der Fürstin, der die Entstehung der großen Messen zu verdanken ist. Als Nachwirkung der intensiven Beschäftigung mit den Händelschen Oratorien (in England und im Kreis um Gottfried Freiherr van Swieten) entstanden "Die Schöpfung" (1796-98) und "Die Jahreszeiten" (1799-1801). Weiters komponierte Haydn in dieser Zeit die berühmtesten seiner Streichquartette (unter ihnen das "Reiter-" und das "Kaiserquartett"), das so genannte "Volkslied" ("Gott erhalte Franz den Kaiser", 1797; Vorläufer der österreichischen Bundeshymne) und 445 Bearbeitungen schottischer Lieder, bei denen Haydn wahrscheinlich durch seine Schüler unterstützt wurde. Haydn, dem auch Napoleon während der Besetzung Wiens 1805 großen Respekt erwies, wurde am Hundsturmer Friedhof begraben. 1820 erfolgte die Überführung in die Bergkirche Eisenstadt (der Schädel erst 1954), dort befindet sich ein Mausoleum (1932) mit Marmorsarkophag.


Haydn wird mit Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven zur Trias der Wiener Klassik gezählt. Aufgrund seines langen Lebens und der Gesamtheit seines Werks spannt er einen Bogen von der Blüte- und Spätzeit des höfischen Barock in Wien bis zum Aufbruch in neue musikalische Dimensionen, wie sie sein Schüler Beethoven erarbeitete.


Haydns Beitrag zur Wiener Klassik lag vor allem auf dem Gebiet der Instrumentalmusik, wo er besonders die Gattungen Symphonie und Streichquartett entscheidend prägte; sein Stil beruht weniger auf italienischen Strömungen (wie bei Mozart), sondern mehr auf bodenständigen Musiktraditionen (fälschlicherweise als "Volksmusik" bezeichnet). Ausgehend von Divertimenti, Serenaden, Tafelmusik und der barocken Form der Sinfonia erarbeiteteHaydn für diese Gattungen ein strenges Formkonzept, wobei er sich auf erste Vorarbeiten der "Mannheimer Schule" wie auch Wiener Traditionen stützen konnte. Kennzeichnend für die klassische Symphonie wurde neben der Viersätzigkeit (schnell - langsam - Menuett - schnell/Rondo) auch ein charakteristischer thematisch-motivischer Aufbau der beiden Ecksätze, vor allem des 1. Satzes, und die Einführung der thematischen Arbeit. Diese Sonatensatzform wie auch den 4-sätzigen Aufbau übertrug Haydn auf die neue Gattung des Streichquartetts (die frühen Streichquartette aus der Fürnberg-Zeit hatten noch Divertimento-Charakter). Auch die Entwicklung der Klaviersonate wurde vonHaydn maßgeblich beeinflusst; alle diese Neuerungen wurden im Wesentlichen im Esterházyschen Dienst entwickelt und in den späten 80er und 90er Jahren ausgearbeitet. Nicht zu übersehen sind auch diezahlreichen Opern, die Haydn für das Theater in Eszterháza schrieb.


Ab 1765 führte Haydn ein eigenes Werkverzeichnis, den so genannten "Entwurf-Katalog". Johann Elßler, sein Kopist und treuer Helfer, verfasste 1805 das große Haydn-Verzeichnis. Jetzt wird nach dem Hoboken-Verzeichnis zitiert (Anthony van Hoboken).


Sein Grabstein befindet sich an der ursprünglichen Grabstätte, dem heutigen Haydn-Park in Wien 12, eine Gedenkstätte im Sterbehaus in Wien 6, ein Haydn-Museum im Wohnhaus in Eisenstadt.

Werke (Auswahl)#

  • 104 Symphonien
  • Konzerte für verschiedene Instrumente
  • 16 Ouvertüren
  • 30 Gruppen verschiedener Tänze
  • 14 Messen
  • 2 Te Deum
  • Kantaten
  • Chöre
  • 4 Oratorien
  • zirka 30 größtenteils italienische Opern
  • 59 Divertimenti
  • 83 Streichquartette
  • Klavier- und Streichtrios
  • Violinsonaten
  • mehr als 100 Werke für Baryton
  • 52 Klaviersonaten

Ausgaben#

Alte Gesamtausgabe, 11 Bände, 1908-32
Neue Gesamtausgabe, herausgegeben von Haydn-Institut Köln, 1962ff

Literatur#

  • G. A. Griesinger, Biographische Notizen über J. Haydn, 1810
  • A. C. Dies, Biographische Nachrichten von J. Haydn, 1810
  • C. F. Pohl, J. Haydn, 3 Bände, 1875-1927 (Band 3 von H. Botstiber)
  • Briefe und Lebensdokumente von Haydn, herausgegeben von W. Reich, 1946
  • A. van Hoboken, J. Haydn. Thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis, 3 Bände, 1957-78
  • H. C. R. Landon (Hg.), The Collected Correspondence and London Notebooks of J. Haydn, 1959
  • D. Bartha und L. Somfai, Haydn als Opernkapellmeister, 1960
  • D. Bartha, J. Haydn, Gesammelte Briefe und Aufzeichnungen, 1965
  • J. Haydn in seiner Zeit, Ausstellungskatalog, Eisenstadt 1982
  • J. P. Larsen und G. Feder, Haydn, 1994; H. Haslmayr, J. Haydn. Sein Werk - sein Leben, 1999
  • L. Finscher, J. Haydn und seine Zeit, 2000
  • Haydn Schaefer, J. Haydn. Leben und Werk, 2000



Tabellarischer Lebenslauf:

Haydns Geburtshaus
Geburtshaus in Rohrau
1732 31. März Geburt in Rohrau /NÖ; zweites Kind von 12 Kindern
1732 1. April Taufe in der Pfarrkirche zu Rohrau / NÖ
1737 Schul- und Musikunterricht u. a. im Chor bei seinem Cousin J. M. Franck in Hainburg
1740 Durch G. Reutter weitere Ausbildung als Chorknabe im Wiener Stephansdom
1749 Wird als Sängerknabe entlassen (Stimmbruch), ist Organist und Sänger, erteilt Musiklektionen und komponiert die erste Messe ("Missa brevis" in F-Dur)
1750 Erste Komposition zum Bühnenstück "Neuen krummen Teufel" für Kurz-Bernardon
1752 Assistent des Komponisten und Kastratenausbildners Nicola Porpora in Wien
1754 Die Mutter verstirbt in Rohrau
1755 Haydns erste Liebe, Therese Keller, die Schwester seiner späteren Gattin, geht ins Kloster.
1756 In diesem Jahr "erfindet" Haydn das eigentliche Streichquartett (ggf. 1755)
1757 Erste Symphonie als Musikdirektor in Diensten des Grafen Morzin
1760 Vizekapellmeister beim Fürsten Paul Anton Esterházy in Eisenstadt. Heirat am 26.11.
mit Maria Anna Keller
1761 Erste Kompositionen für den neuen Dienstherrn; u. a. die Symphonien "Le Matin", "Le Midi", "Le Soir"
1762 Fürst Nikolaus Esterházy wird Haydns neuer Dienstherr für 28 Jahre
Schloss in Eisenstadt
Schloss in Eisenstadt
1763 Der Vater verstirbt in Rohrau bei einem Unfall
1765 Kompositionsbeginn der Baryton-Trios (gesamt 126) für den Dienstherrn
1766 Haydn wird Kapellmeister in Eisenstadt, übernimmt auch die Musikdienste auf Schloss Esterháza; komponiert Opern, weitere Symphonien, Kammermusik und eine große Messe. Kauf seines Hauses an der Klostergasse 28 (heute: Haydngasse) in Eisenstadt
1767 Haydns erste Begegnung mit der großen höfischen Gesellschaft im Palais Esterházy als Leiter der fürstlichen Hofmusik in Pressburg (heute: Bratislava)
1768 Sein Wohnhaus in Eisenstadt brennt nieder. Weitere Symphonien und Streichquartette
1769 Johann Elssler, Sohn des Notenkopisten Joseph Elssler, wird Haydns Kopist und Kammerdiener bis zu dessen Tod
1772 Nebst sechs Streichquartetten entsteht die berühmte "Abschieds-Symphonie". Ignaz Pleyel beginnt mit seinem Studium bei Haydn
1773 Kaiser Maria Theresia besucht Schloss Esterháza und lobt Haydns Oper
1775 Haydn führt sein Oratorium "Il ritorno di Tobia" im Kärntnertortheater in Wien auf
1776 Dirigiert von Frühjahr bis Herbst auf Schloss Esterháza bis 1790 ca. 1.200 Opern
Erneute Zerstörung seines Hauses durch Brand in Eisenstadt
1778 Verkauf seines wieder aufgebauten Hauses
1779 Vernichtung zahlreicher Partituren durch den Opernhausbrand in Esterháza
Schloss Esterhaza
Schloss Esterhaza
1781 Eröffnung des neuen Opernhauses in Esterháza
1783 Komposition der Oper "Armida" und Uraufführung des Cellokonzertes D-Dur in Eisenstadt
1785 Haydn wird Freimaurer in Wien (Loge "Zur wahren Eintracht"), die Pariser Symphonien entstehen und er musiziert mit Mozart in Wien die ihm gewidmeten Streichquartette
1786 Weitere Pariser Symphonien entstehen und die "Sieben letzten Worte des Erlösers am Kreuze"
1788 Entstehung weiterer großer Symphonien
1789 Inniger Briefwechsel mit Frau von Genzinger, Vollendung der "Oxford-Symphonie"
1790 Nach dem Tod des Dienstherrn lebt Haydn (vorerst) in Wien, wo ihn der Konzertunternehmer Salomon für London engagiert
1791 Komposition weiterer Symphonien in London, Subskriptionskonzerte und der letzten Oper "L'anima del filosofo" Ankunft in London am 02.Jänner
1792 Zweite Konzertsaison in London und Erschaffung weiterer Werke. Haydn lernt Beethoven auf der Durchreise in Bonn kennen. Teilnahme an der Kaiserkrönung Franz II. in Frankfurt/Main.
1793 Haydn verbringt den Sommer mit seinem Schüler Beethoven in Eisenstadt. Entstehung weiterer Symphonien und Streichquartette. Kauf des Hauses in Gumpendorf bei Wien (heute: Wien 6., Haydngasse 19)
Festsaal in Esterhaza
Festsaal in Esterhaza
1794 Zweite Londonreise, weitere Symphonien und Aufführungen bei Salomons Konzerten
1795 Salomon stellt die Konzertreihe ein; großes Benefizkonzert "Dr. Haydns Night". Rückreise Mitte
August nach Wien
1796 Im Winter lebt Haydn in Wien, im Sommer in Eisenstadt. Alljährlich neue Messe zum Namenstag der Fürstin Esterházy
1797 Haydn beendet das "Volckslied" bzw. die Hymne "Gott erhalte Franz den Kaiser"; Uraufführung im Burgtheater am 12.2. zum Geburtstag von Kaiser Franz II
1798 Vollendung der "Schöpfung" und Uraufführung im Palais Schwarzenberg in Wien
1800 Tod von Haydns Frau Maria Anna in Baden bei Wien.
1801 Vollendung der "Jahreszeiten" und Uraufführung, erneut im Palais Schwarzenberg.
1808 27.03. letztes öffentliches Erscheinen Haydns anlässlich einer Aufführung der "Schöpfung".
1809 31.05. Joseph Haydn verstirbt in Wien in der ersten Tagesstunde; genau in derselben Stunde wie 1791 Mozart 01.06. Beisetzung auf dem Hundsthurmer Friedhof in Wien (heute: Wien 12., Haydnpark)
1820 Überführung der Gebeine nach Eisenstadt in die Bergkirche.

1954 Beigabe und Wiedervereinigung des Schädels nach einer fast unglaublichen Odyssee.

Guido P. Saner - WAM WienArtMusikexkursionen KEG - 1010 Wien


Haus in Eisenstadt
Haus in Eisenstadt
Bergkirche in Eisenstadt
Bergkirche in Eisenstadt




Text aus dem Buch "Große Österreicher": #

Es hat sehr viel mit der Gegenwart zu tun, dass man heute Joseph Haydn nicht mehr als »Papa Haydn« bezeichnet. Es ist die Aufgabe für die Zukunft, daß man die wahre Bedeutung Joseph Haydns nicht nur begreift, sondern auch der Musikwelt entsprechend zur Kenntnis bringt.

Haydn, in Rohrau in Niederösterreich geboren, durchaus kein Kind armer Bauern, sondern in - nach damaligen Begriffen - sehr ordentlichen Verhältnissen aufgewachsen, kam nach einer ersten musikalischen Ausbildung nach Wien und wurde Sängerknabe im Chor zu St. Stephan. Daraus resultiert das Mißverständnis, er sei in der gleichen Institution aufgewachsen, aus der später auch Franz Schubert hervorging - ein im Grunde unwesentliches Mißverstän-dis, da uns nur noch interessieren kann, daß Haydn in seinen Kinderjahren mit dem reichen Schatz der Musik seiner Vergangenheit und seiner Gegenwart beschenkt wurde und beschloß, Musiker zu werden.

Nach dem Stimmbruch vor die Wahl gestellt, ein sicheres Beamtenleben in der Residenzstadt zu leben oder ein von hohen Gönnern abhängiger Musikant zu werden, fand Haydn ohne Schwierigkeiten seine Antwort auf die Frage. Er mietete sich im Herzen der Stadt in einem kargen Zimmer ein und wurde ein ernsthafter Musikstudent, der möglichst rasch nach einem »Dienst« in einer einigermaßen gesicherten »Kapelle« suchte. Dabei war er vom Glück einigermaßen begünstigt. Denn im Michaelerhaus, in dem er Quartier hatte, wohnte auch der Hofdichter Pietro Metastasio, der Haydn als Lehrer für einige seiner Schüler mit heranzog und ihn mit Adeligen bekannt machte. Haydn, mit niedriger Musikantenarbeit beschäftigt, fand immerhin schon als Zwanzigjähriger Umgang mit den wichtigen Persönlichkeiten seiner Zeit und eine Stellung, aus der er nur in eine noch bessere Stellung geraten konnte: Er wurde 1759 Musikdirektor beim Grafen Morzin und musste für diesen sowohl musizieren wie auch komponieren. Er konnte sich bereits 1760 leisten, eine Ehe einzugehen, war also offenbar nach eigener Ansicht damals schon finanziell so gesichert, dass er einen eigenen Hausstand gründen konnte.


Die Musikgeschichte erzählt zwei Versionen, wie Haydn seine zweite Stelle fand; auf jeden Fall wurde er im Mai 1761 Fürstlicher Esterhazyscher Vice-Kapellmeister. Er übernahm bei Paul Anton Esterhazy, einem großzügigen und kunstliebenden Fürsten, die gesamte musikalische Direktion - bei seinem Eintritt war sein einziger Vorgesetzter in musikalischen Angelegenheiten schon alt und »müde« und überließ Haydn die ganze Verantwortung.

Die reichen Esterhazys hatten es sich in den Kopf gesetzt und auch zuwege gebracht, dem musikliebenden Kaiserhof nachzueifern, ja durch Prachtentfaltung sogar eine Art Konkurrenz entgegenzusetzen. Am Hofe der Esterhazys gab es nicht nur ein vollständiges Opernensemble nebst allem Notwendigen zur glanzvollen Aufführung der aktuellsten Werke, sondern auch eine Hofkapelle, der die Aufgabe zukam, sowohl die Feste des Grafen musikalisch zu untermalen wie auch bei vielen anderen Gelegenheiten aufzutreten. Der Leiter dieser Kapelle hatte nicht nur die Musikanten zu schulen und zu leiten, sondern auch für deren Repertoire zu sorgen - er musste nach dem Geschmack der Zeit, aber auch nach dem Gusto seines Dienstherrn komponieren, und dies in viel größerem Ausmaße, als man sich das heute vorstellen kann.

Noch war es durchaus üblich, für jeden Auftritt neue Musik zu schreiben, noch galt die einmal gehörte Musik bereits als alt und abgetan, noch war es selbstverständlich, dass sich Musikliebhaber mit nichts anderem als dem jeweils für den Tagesbedarf neu Geschriebenem befassten. Und noch war, als logische Folge, von Copyright keine Rede - man schrieb als Komponist mit Wonne ab, man verwendete fremde Melodien, man modelte fremde Kompositionen um, man »verbesserte« sie durch Zutaten und dachte nicht einen Augenblick daran, daß man dadurch das geistige Eigentum von irgendwem verletzte. Haydns Stellung bei den Esterhazys war einmalig und glanzvoll und wurde im Laufe seines lebenslangen Dienstes immer außergewöhnlicher. Als Kapellmeister und Operndirektor war er in der glücklichen Lage, alle seine eigenen Kompositionen sofort in der Praxis zu erproben, andere Komponisten zu Aufführungen zu verhelfen und dadurch auf Revanche an anderen Höfen im In- und im Ausland zu hoffen.

Von 1762 an regierte Fürst Nikolaus Esterhazy, dessen treuer Diener Haydn durch 30 Jahre blieb. In diese 30 Jahre fallen unzählige denkwürdige Ereignisse, wie ein Besuch Kaiserin Maria Theresias in Esterhaz, wo es ein eigenes Marionettentheater gab, für das Haydn gleichfalls eigene Werke zu komponieren hatte.

Es kam zu Gegeneinladungen nach Wien, Aufführungen in aller Welt, schließlich zu den ersten gedruckten Ausgaben von Werken Haydns. In den siebziger Jahren war Haydn eine europäische Größe, in der musikalischen Welt anerkannt, doch in seinem scheinbar engen eigenen Wirkenskreis ein bescheidener Fürstendiener. Eisenstadt und Esterhaz blieben seine Wohnstätten. Gelegentliche Besuche in Wien brachten dem Komponisten zwar Anregungen, jedoch längst nicht die erhofften Erfolge: in der Kaiserstadt war Haydn der Kapellmeister aus der Provinz ...

Das änderte sich erst 1790, als Nikolaus Esterhazy starb und sein Nachfolger die gräfliche Kapelle auflöste, Haydn zwar als treuen Diener behielt, ihm jedoch freistellte, Angebote aus aller Welt anzunehmen. Haydn verließ noch in diesem Jahr Wien und fuhr nach London, wo er als eine Berühmtheit gefeiert wurde. 1792 kehrte er nach Wien zurück und war »der« Haydn, bei dem sich Beethoven als Schüler eintrug und Musiker aus allen Ländern wenigstens zu kurzen Studierbesuchen pilgerten. 1794 machte er seine zweite große Reise nach London, die ihm wiederum Ruhm und entsprechende finanzielle Erträge einbrachte, doch ein Angebot König Georg III. an Haydn, in London eine Stellung anzunehmen, wurde nicht einmal in Erwägung gezogen. In der Heimat war wieder einmal ein Esterhazy gestorben. 1795 regierte Nikolaus II., und dieser stellte wieder eine Kapelle zusammen und ließ sich von Haydn Kompositionen liefern. Haydns letzte große Schaffensperiode brach an. Von seinen Englandaufenthalten inspiriert, begann er mit der »Schöpfung« nach einem aus London mitgebrachten Libretto die Arbeit an seinem großen Oratorium, schuf er die Kaiserhymne »Gott erhalte«, nach der Schöpfung ließ er die »Jahreszeiten« folgen ...


Die letzten Jahre seines Lebens - und das waren immerhin noch mehr als zehn - blieb Haydn als vielgeehrter und von der Gesellschaft anerkannter alter Mann in Wien, lebte in seinem eigenen Haus in der Wiener Vorstadt Mariahilf und empfing Besuche. Den meisten präsentierte er sich als ein Überlebender einer Legende, allen streckte er zuletzt eine Visitenkarte entgegen, die er sich hatte drucken lassen. »Hin ist alle meine Kraft...« stand auf ihr zu lesen. Für die Feinfühligeren unter den Besuchern muß das immer ein erschütternder Moment gewesen sein, wenn sich ein Genie so selbst als bei lebendigem Leib begraben deklarierte.

Zu besonderen Anlässen erschien er noch in der Öffentlichkeit, zum Beispiel bei einer berühmt gewordenen letzten Aufführung seiner »Schöpfung« zu seinen Ehren.

1809 belagerte Napoleon Wien. Man drang in Haydn, in der Inneren Stadt Quartier zu nehmen und Sicherheit zu suchen. Doch der alte Mann wollte aus seiner Wohnung nicht mehr ausziehen. Als die Armee Napoleons einmarschierte, befahl der Kaiser eine Ehrenwache vor das Haus das weltberühmten Komponisten und wenige Tage darauf auch Strohballen unter die Fenster - der sterbende Meister sollte nicht vom Lärm der vorbeireitenden Pferde gestört werden. Am 31. Mai starb er. Sein letzter Kopist und Diener Elßler, der Vater der später zur Primaballerina aufsteigenden Fanny Elßler, war bei ihm. Er berichtete vom »Papa Haydn« und trägt die Schuld daran, daß diese ganz und gar unmusikalische Charakterisierung Haydns in die Geschichte eingegangen ist.

Als man die Verlassenschaft regelte, zeigte sich, daß Haydn zu der kleinen Schicht von wirklich begüterten Wiener Bürgern gehört hatte. Er hinterließ ein ansehnliches Vermögen, er war in aller Ergebenheit als Fürstendiener ein reicher Mann geworden. Davon allerdings wie von unzähligen anderen Eigenschaften Haydns hörte und las man in den Jahrzehnten nachher nichts. Daß er unglücklich in der Ehe war, daß man ihm - wahrscheinlich berechtigt - ein höchst intensives Liebesverhältnis mit der einen und anderen Frau nachsagte, daß er sich im Verkehr mit Kollegen wie mit musikalischen Körperschaften als boshafter, kritischer, manchmal auch sarkastischer Mann gezeigt hatte - all das vergaß man ebenso wie die Tatsache, daß er nicht nur einer der fruchtbarsten, sondern auch einer der anregendsten Musiker - im Sinne von Anregungen gebend - aller Zeiten war.


Hörproben#



Österreichische Mediathek Hörprobe

Vollendet ist das große Werk aus: Die Schöpfung, 2. Teil, Hob. XXI: 2;
Interpreten: Wiener Staatsopernchor, Wiener Philharmoniker, Clemens Krauss (Dirigent); Label: Preiser Records PR 3056/57 (Ausschnitt)

Musik spielen

Streichquartett C-Dur op. 76 Nr. 3 Hob. III: 77 "Kaiserquartett", 2. Satz
Interpreten: Amadeus Quartett; Label: Deutsche Grammophon 415 867-2, 1964 (Ausschnitt)

Musik spielen

Weiterführendes#

Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl