Tschechen und Deutsche in Böhmen#
War die Vertreibung unvermeidlich ?von Walter Siegl
Seit dem 11/12. Jh. siedelten Deutsche in Böhmen, eingeladen maßgeblich von tschechischen Königen. 800 Jahre später wurden sie von einem tschechischen Präsidenten aus dem Lande getrieben.
Warum dieses Ende mit Schrecken?
Die Frage hat natürlich etwas rein Rhetorisches, aber illustriert, wie Geschichte missglücken kann, auch mit Blick auf andere Vertreibungen im 20. Jh.
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Ich versuche eine Darstellung in fünf einander beschleunigenden Kapiteln: das erste dauert einige Jahrhunderte, das zweite die Zeit von 1848/Kremsier bis zum Zerfall der Monarchie), das dritte 20 Jahre (1918/19 bis 1938/39), das vierte die sieben Hitler-Jahre, das fünfte ein Jahr, nämlich die Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrig.
Kapitel 1 #
In Böhmen gab es zwischen Alt- und Neusiedlern frühzeitig Spannungen. (Schon aus dem 11. Jh ist eine Vertreibungsaktion überliefert.) Im 14. Jh. weigerten sich Deutsche Klöster, tschechische Mönche aufzunehmen - und umgekehrt. Das passierte unter dem grossen König Karl IV., der damals schon versuchte, ein Gesamtstaatsbewusstsein zu erwecken, wogegen Mähren und Schlesien opponierten, und der die tschechische Sprache bewusst förderte, was beim Deutschen Klerus und Adel auf Widerstand stiess.\ Die ersten tiefgehenden Konflikte entstanden, als zu den frühnationalen auch die religiösen Spannungen traten. Zwei Ereignisse wurden zum Trauma für die Tschechen und sind in ihrem kollektiven Gedächtnis als Unterjochung durch Deutschen eingegraben: Die Verfolgung des tschechische Reformators Jan Hus und sein Tod am Scheiterhaufen (1414) entgegen dem vom Deutschen König zugesagten freien Geleit. Die Hussitenkriege folgten. Die Schlacht am Weissen Berg (1620) und das vom Habsburger Ferdinand II angeordnete Strafgericht (am Altstädter Ring). Es endete mit der Vertreibung der Protestanten und der Umverteilung von 2/3 des Bodens in Böhmen zugunsten katholischer, z.T. landfremder Adeliger. Im Ergebnis wurde das Land in zwei Hälften gespalten, wohl auf Dauer. An sich stand dieses Startsignal zum 30-jährigen Krieg in erster Linie nicht für einen nationalen, sondern einen religiösen Konflikt - unter den am Altstädter Ring exekutierten 27 (mit einer katholischen Ausnahme) protestantischen Notablen waren 10 (?) Deutsche - aber die hauptsächlichen Leidtragenden der gegenreformatorischen Intransigenz waren Tschechen. Für sie begann die sogenannte dunkle Zeit (Temno.)
Kapitel 2#
Ich mache einen Sprung zum Revolutionsjahr 1848, denn es war die nächste grosse Zäsur. Die Tschechen markierten ihre Identität. Sie sandten keine Delegation zur Paulskirche, sondern forderten in einer Petition an den Kaiser (19.3.) die Überwindung besagter Spaltung, nämlich *die Wiederherstellung des böhmischen Königreiches wie vor 1620*die Gleichstellung der tschechische Nation mit der Deutschland.
\ Palacky (von dem wir nur das Wort kennen, dass man Österreich erfinden müsste, wenn es noch nicht existierte) forderte, Österreich in einen Bund gleichberechtigter Völker zu verwandeln - so auch der in Kremsier ausgearbeitete Verfassungsentwurf (Art 19: Alle Volksstämme sind gleichberechtigt …).
(In diese Zeit fällt auch das Wirken von B. Bolzano, Wortführer des Bohemismus, eines weiteren vergeblichen Versuches, eine beide Nationalitäten umfassende Bewegung zu schaffen.)
Der junge Franz-Josef, beraten vom Deutschechische-Böhmen Felix Schwarzenberg, entschied aber anders, verfügte die Auflösung des Kremsierer Reichstags (7.3.1849) und oktroyierte Neo-Absolutismus und de facto den Fortbestand der Deutschen Dominanz.
Diese Politik stieß in Böhmen frontal mit einer Bewegung zusammen, die man als 'tschechische Wiedergeburt' bezeichnet. Auf breiter Front manifestierten die Tschechen den Stolz auf ihre Nationalität, gründeten im Verlauf der nächste Jahrzehnte politische, kulturelle und sportliche Vereine, bauten ein tschechisches Nationaltheater (Grundstein 1868), erzwangen die Trennung der Prager Universität in einen tschechischen und einen Deutschen Teil (1882). Auch der wirtschaftliche Aufstieg und große Kulturleistungen, zB in der Musik, gaben Selbstbewusstsein. Die Deutschen sahen darin eine Bedrohung ihrer Stellung und ein kruder Deutscher Nationalismus - generell antislawsich, aber auch antikirchlich und antisemitisch - vergiftete das politische Klima. Proteste gegen eine angebliche Tschechisierung gab es sogar in Graz und Wien. Die sog Jungtschechen standen diesen Exzessen rhetorisch nicht nach.
Zwei aussenpolitische Ereignisse schürten die Konfrontation:
- der östereichisch-ungarische Ausgleich von 1876, denn es gab nichts Ähnliches für die Slawen, und Franz-Josef konnte sich nicht zu einer Krönung in Prag entschließen (dreimaliger Wortbruch, heißt es in tschechische Quellen)
- der Deutsche Sieg über Frankreich, der den Deutschlandtschnationalen Kräften in einer für Österreich staatsgefährdenden Weise Auftrieb gab.
Kapitel 3 #
Es begann die Periode, die theoretisch ein konstruktiver Neuanfang hätte sein können, aber in Wirklichkeit eine weitere Eskalation brachte. Bei der Neuordnung Böhmens nach dem Ersten Weltkrieg beriefen sich die einen auf das Selbstbestimmungsrecht. Das Problem: sie wollten nicht sehen, dass dies frontal mit dem wichtigsten strategischen Ziel der Allierten kollidierte, nämlich der Brechung der Machtposition Deutschlands. Ein Anschluss der von Deutschen bewohnten Gebiete in Böhmen und Österreich an Deutschland war daher von vornherein vollkommen ausgeschlossen. In Österreich und Deutschland tat man sich schwer, diese realpolitischen Tatsache zur Kenntnis nehmen und setzte (zunächst und zu lange) auf eine Politik der Illusionen.Das führte zu den ersten blutigen Zusammenstössen in Böhmen. Die Deutschen riefen Deutsch-Böhmen als Teil Österreichs aus (Okt/Nov 1918) und die Tschechen reagierte auf solche Kundgebungen mit militärischer Gewalt. Es gab Dutzende von Toten. T.G. Masaryk kehrte im Dezember 1918 (aus dem selbst gewählten Exil) zurück und gab in seiner ersten memorablen Rede (22.12.) die Richtung der Politik vor. Die wichtigsten Aussagen lauten:
- Aufbau eines Nationalstaates, nicht eines Nationalitätenstaates. Kein Hinweis auf eine mögliche Konstruktion wie die Schweiz, was auch geäußert wurde (siehe Beneš in der Note vom Mai 1919 : „Grundsätze des Schweizer republikanischen Verfassung sollen als Grundlage des Nationalitieätenrechtes dienen“).
- Behandlung der Deutschen als Minderheit, wenn auch mit (vertraglich) verbrieften bürgerlichen Rechten, und jedenfalls nicht als zweites Staatsvolk (obwohl sie 23% der Bevölkerung und damit mehr als die Slowaken zählten). Masaryks Satz, dass sie „ursprünglich als Immigranten und Kolonisatoren“ ins Land gekommen waren, konnte nur als politische Distanzierung gemeint sein, zumal er nicht mit Seitenhieben auf das untergegangene Österreich sparte.
Die Deutschen in der neugegründeten Tschechoslowakei antworteten zunächst mit Totalopposition zum Staat. Sie lehnten daher auch eine Mitarbeit an der neuen Verfassung ab, was ihre Stellung nicht verbesserte. Nach Inkrafttreten des Vertrages von Saint- Germain war das Scheitern dieser Haltung offenkundig. Die politische Vertretung der Deutschen spaltete sich. Von den (ursprünglich) fünf bis sechs Deutschen Parteien blieben zwei bei grundsätzlicher Ablehnung. Die anderen, vor allem die Sozialdemokraten (als stärkste Deutsche Partei), aber auch die Christlich-Sozialen unter Professor Anton Mayr-Harting, verstanden die Wendung, die die Geschichte genommen hatte, entschlossen sich zur Mitarbeit und bekleideten auch nicht unwichtige Ministerposten (ab 1926 und bis 1938). Von echten Machtpositionen wurden sie aber trotz unbestrittener Loyalität ferngehalten; so gehörte kein Deutscher dem inneren Kreis von Masaryk (der sogenannten "Burg") an, der die Richtung der Politik bestimmte. Im Urteil vieler Deutscher änderte die Regierungsbeteiligung wenig an den Benachteiligungen, denen sich die Minderheit ausgesetzt sah,
- bei der Verwirklichung der Bodenreform, die eine nationale Schlagseite hatte
- bei der Reorganisation der Verwaltung, bei der tschechische Kandidaten bevorzugt wurden
- bei der Durchführung der Verordnung zum Sprachengesetz. (Wenn es um die äußere Amtssprache ging, konnten die Deutschen überall dort, wo sie 2/3 der Bevölkerung stellten, bei Gerichten und Ämtern in ihrer Muttersprache verhandeln, aber es war nur eine Kann-Bestimmung. Die innere Dienstsprache war überall tschechisch)
- bei den Schulen: die Zahl der deutschen Schulen wurde verringert, die der tschechischen erhöht, unabhängig von der Kinderzahl der Volksgruppen
- bei der Sanierung der Wirtschaft nach der Krise, als 1932/33 von den 920.000 Arbeitslosen 2/3 Deutsche waren.
Es ist nicht leicht, die Frage generell zu beantworten, wieweit es sich um ungerechtfertigte Diskriminierungen handelt, und wieweit es im Grunde auch um die Beseitigung von Bevorzugungen aus der österreichischen Zeit ging (Ein Beispiel: Die Deutschen hatten in der Beamtenschaft einen über dem Nationalitätenproporz liegenden Anteil. Die tschechische Regierung forderte den Proporz, wodurch langfristig 30% der deutschen Eisenbahner und Postler ihre Stellung verlieren sollten/verloren. Die Durchführung sah einen Sprachtest vor …).
Ich hatte Gelegenheit, einen bekannten tschechische Historiker zu diesem komplexen Thema zu befragen: Er erklärte, die Stellung der Tschechen in der Monarchie wäre alles in allem besser gewesen als die der Deutschen in der CSR.
Kapitel 4#
Mit der Machtergreifung Hitlers in Deutschland änderte sich das Bild. Berlin unterstützte immer offener und militanter die Deutschen in der CSR und machte die sudetendeutsche Frage zu einer internationalen. Am 1.10.1933 gründete der Turnlehrer Konrad Henlein die Sudetendeutsche Heimatfront, die, als SDP zugelassen, in den Parlamentswahlen 1935 zur stärksten deutschen Partei wurde. (In der Folge führte das zur Auflösung der anderen deutschen Parteien – mit Ausnahme der Sozialdemokraten. (Die Vorschläge der SDP zur Lösung der nationalen Frage lehnten sich in einer ersten Phase in Form und Inhalt an die österreichischen sozialdemokratischen Vorschläge zur Nationalitätengesetzgebung an. Ihr Kernstück, nämlich die „völkische Selbstverwaltung und körperschaftliche Vertretung“, war für die tschechische nicht akzeptabel. Mit der Zeit stellte sich immer klarer heraus, dass Henlein von Berlin gesteuert wurde. Ob von Anfang an, erscheint nicht eindeutig geklärt.Die tschechische Regierung verkannte jedenfalls den Ernst der Lage und reagierte zu spät, wenn überhaupt. Sie ging erst auf die Deutschen zu, als die Radikalisierung der SDP schon weit fortgeschritten war. (Das erste Treffen zwischen Henlein und einem tschechische MP/Hodza fand 1937 statt!). Die in der Regierung weiter vertretenen deutschen Parteien, insbesondere die Sozialdemokraten, blieben bei ihrem Balanceakt (für die CSR, für die Besserstellung der Deutschland Volksgruppe, für Demokratie angesichts der immer unverhüllteren Politik Hitlers) ohne Erfolg. (Sie erhielten bei den Kommunalwahlen im Sommer 1938 aber immerhin - oder soll man sagen: nur - 12% der deutschen Stimmen, in Prag bezeichnenderweise 25%).
Henlein floh nach Deutschland (15.9.1938) und erklärte, dass das Zusammenleben von Deutschen und Tschechen in einem Staat unmöglich sei. Auf solche Erklärungen stützte Hitler seine Gewaltpolitik und die Westmächte ihre Politik des Appeasement. Präsident Beneš kapitulierte. Das Münchner Abkommen wurde unterschrieben (30.9.1938), für die Tschechen ein Diktat. Für die Sudetendeutschen die Beseitigung eines Unrechtes. Damit war der Untergang der CSR eingeleitet, gleichzeitig, wie man heute sieht, der Untergang der Deutschen in der CSR.
Zwei Ereignisse der folgenden Jahre muss man in Einzelheiten im Blick haben:
Die Nazi-Racheaktionen nach dem Attentat auf den Reichsprotektor Reinhard Heydrich, die in der Vernichtung des Dorfes Lidice (sowie eines weiteren Dorfes Lezaky) 1942 gipfelten: 500 Opfer (Ermordung aller Männer (180), KZ-Verschleppung/Ermordung (200/52) aller Frauen und aller Kinder (100, von denen 13 zur Germanisierung separiert wurden). Hitler hatte beschlossen, die Tschechen als Nation auszulöschen. Während des Krieges gab es eine Art Haltepause, denn das Protektorat war die unverzichtbare und leistungsstarke Rüstkammer der Wehrmacht. Die tschechische Bevölkerung war zur Mitarbeit gezwungen, was Hitler mit Genugtuung registrierte. Das war der Gipfel der Demütigung. Es sind keine ins Gewicht fallenden Akte des Widerstandes oder des Protestes von sudetendeutscher Seite bekannt (??). (Zahl der tschechischen Opfer: zwischen 8.000 und 40.000. Ermordete Juden 78.000 (von 100.000 oder 120.000), viele im KZ Theresienstadt, dessen drei Lagerkommandanten Österreicher waren. )
Kapitel 5#
Als der Krieg endete, folgte die grausame Vergeltung als Kollektivmaßnahme, zunächst in einer Periode wilder, oft SS-ähnlicher Racheakte, Verfolgungen und Ausweisungen, darunter die Morde auf der Brücke von Aussig und der Brünner Todesmarsch, dann die von den Alliierten abgesegnete „Abschiebung/odsun“ entsprechend den Beneš-Dekreten, und die Straffreiheit für alle patriotischen Geschehnisse in der fraglichen Zeit. (2.170.000 wurden bis November 1946 ausgewiesen, 500.000 verblieben im Land; davon bekannten sich 1964 noch 1/4 zur deutschen Nationalität, seither Abwanderung).(Brünner Todesmarsch: 1. Juni und 6. Juni 1945, 55 km bis zur österreichischen Grenze, 27.000 „Teilnehmer“ (hauptsächlich Frauen, Kinderund Alte) d.h. die Hälfte der Deutschland Bevölkerung von Brünn, 5200 Tote. Entschuldigung des Stadtrates von Brünn am 20. Mai 2015 für die gewalttätige „Vertreibung/vyhnáni“)
Damit endete die Geschichte der Deutschen in Böhmen, Mähren und der Slowakei. Inzwischen, dank Zeitablauf, dank Resignation einstmals lautstarker Vertriebenenverbände, dank eines guten Wortes von Václav Havel, dank mancher bewundernswerter Geste, sind heute Stimmen der Versöhnung zu hören. Das ändert aber nichts daran, dass die Vertreibung endgültig ist. Mir bleibt ein Wort in Erinnerung, das Barbara Coudenhove-Kalergi, geboren in Prag und von dort mit ihrer Familie am 8. Mai vertrieben, niedergeschrieben hat, als sie nach der Wende ihr vertrautes Prag erkundete, aber sich als Fremde wiederfand: "Niemand bedauert, dass keine Deutschen mehr da sind, auch nicht die Tolerantesten und Liberalsten unter den Tschechen".
Weiterführendes:
Vertreibung der Sudentendeutschen
Dr. Walter Siegl, Botschafter i.R., bekleidete zahlreiche Funktionen im Bundesministerium für Äußeres,
darunter war er langjähriger Botschafter in Moskau und politischer Direktor.
Walter Siegl ist stv. Vorsitzender des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa.
