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vom 11.04.2016, aktuelle Version,

Café Koralle

Der Großteil des Areals zwischen den Häusern Porzellangasse 39, 41 und 43 war Schanigarten des „Café Koralle“, heute dient es als Parkplatz

Das Café Koralle bzw. die Café Koralle Bar war ein bekanntes Kaffeehaus im 9. Wiener Gemeindebezirk, das sich in dem von Hugo Mandeltort geplanten Haus Porzellangasse 39-43[1] befand und aus einem 400 m² großen Ecklokal, einer 250 m² großen Tanz-Bar im Souterrain sowie einer 70 m² großen Sommer-Terrasse („Schanigarten“) bestand.

Geschichte

Das in der Porzellangasse 39 befindliche „Café Koralle“ wurde von 1935, als es noch „Café Industrie“ hieß, bis 1968 von der Familie Weigel geführt. Zwischen 1968 und 1978 war es verpachtet und wurde am 31. Mai 1978 endgültig geschlossen, da ein allfälliger Kaufinteressent von der Hausverwaltung keinen Mietvertrag mehr bekommen hätte. Zwischen 1979 und 2015 wurden die Räumlichkeiten von der „Bank Austria“ (vormals „Zentralsparkasse der Gemeinde Wien“) als Geschäftslokal genutzt.

Das vom Architekten Bruno Buzek, seiner späteren ersten Ehefrau Susi Weigel sowie Franz von Zülow, der in der Porzellangasse 41 sein Atelier hatte, künstlerisch gestaltete „Café Koralle“ bestand aus einem 400 m² großen Ecklokal, das 400 Besuchern Platz bot, einer 250 m² großen Tanz-Bar im Souterrain, die 200 Besucher fassen konnte sowie einer 70 m² großen Sommer-Terrasse („Schanigarten“), die 70 Personen Platz bot, da das in den Jahren 1912/13 von Hugo Manhardt errichtete Haus eine „besondere Bauform des Straßenhofes“ hat: „(zwischen symmetrische Seitentrakte wird ein von der Straßenflucht zurückweichender Bauteil gesetzt, wodurch ein sackgassenförmiger Hof entsteht), dessen historisches Vorbild die Palastfront mit Ehrenhof ist. Diese Verbauung ergab längere Fensterfronten an der (gegenüber der hinteren Hoffront) weitaus begehrteren Straßenseite und damit eine bessere Nutzung des Grundstücks“.[2]

Bruno Buzeks Neugestaltung des Kaffeehauses wurde im Oktober 1935 in der Neuen Freien Presse detailliert besprochen:

„Das Café „Industrie“ in neuem Gewande. Das Café „Industrie“ in der Porzellangasse ist dank einer völligen Neugestaltung zum Tagesgespräch des Bezirkes geworden. Architekt Bruno Buzek hat durch originelle Ideen eine von der Schablone völlig abweichende Arbeit geleistet, Prächtig die farbenfrohen Tönungen der Wände, die nahezu verschwenderische Beleuchtung, die alle Räume in eine Flut angenehmen Lichtes taucht, und die behaglichen Lederfauteuils. Eine besondere Anlage versorgt alle Räume mit angenehm temperierter Frischluft aus dem großen Luftreservoir des Liechtensteinparks und hält das ganze Lokal völlig zug- und rauchfrei. Den Spielern steht ein großer Billardsalon und zwei Spielzimmer zur Verfügung, in denen ein neues Material für die Wandverkleidung erstmalig Verwendung gefunden hat. Den Wandschmuck besorgte Maler Professor Franz von Zülow in mehreren Gruppen lustiger und farbenfroher Bilder. Als besondere Attraktion des Hauses hat Architekt Buzek die Kongo-Diele geschaffen, wo täglich von 9 Uhr abends bis 4 Uhr früh die Stunden wie im Traume verfliegen. Die ganze Ausstattung mit Wandmalereien von Susi Weigel macht ihren erotischen Vorbildern alle Ehre und liefert bei Musik und Tanz den Rahmen für wirklich vergnügte Unterhaltung, die Jules Carpe mit seiner Kongoband unermüdlich entfacht. Die kürzlich stattgefundene Eröffnung brachte einen durchschlagenden Erfolg und hat bewiesen, dass das Café „Industrie“ ein Heim guter Gesellschaft ist.[3]

Die „Koralle“ („Charakteristisch waren die schwarz gebeizten Stühle mit roten Gurten und schwarzen Pölstern.“[4]) war den Wienern nicht nur wegen des großen Angebotes an in- und ausländischen Zeitungen und Zeitschriften, den Modeheften sowie der Tanzbar, die zwischen 9 Uhr abends und 4 Uhr früh geöffnet war, ein Begriff, wie sich Meta Menz, die frühere „Mary Wigman“-Mitarbeiterin und spätere Gattin des „Koralle“-Cafétiers Hans Weigel, erinnert hat:

„Junge Leute studierten in der Koralle, Redakteure schrieben ihre Artikel lieber in der Koralle, als im Verlag der „Kleinen Zeitung“ in der Seegasse. Die Gäste konnten sogar auf Wunsch aus dem Kaffeehaus geweckt werden. Der Schriftsteller Leo Perutz war täglicher Gast (sehr heikel in der Farbskala seines Kaffees), zu den Besuchern der Diele[Anm. 1] gehörten Maria Eis, Werner Krauß, Franz Theodor Csokor, Eugen Roth, Oskar Werner, etc. General Lehmann mit seinem täglichen Bekanntenkreis. Mit der klassischen Kapelle von Wilhelm Schild, Viktor Prinz, Emo Weihovsky wurde ein sehr kultiviertes Publikum gewonnen. [5]

Literarische Spuren

Thomas Bernhard erwähnt in seinem Roman „Der Untergeher“ die „Koralle“ als Ort, wo die Protagonisten halbe Nächte zugebracht haben. In Bernhards Fragment gebliebenen, früheren Fassung der Erzählung „Gehen“ erwähnt er die „Koralle“ als „Cafe Coralle“, welches die Protagonisten der Erzählung zwei Jahre zuvor besucht haben und bei ihrem Gehen eigens aufsuchen, aber doch nicht betreten: „Hier gehen die beiden bis zum Cafe »Coralle« (das damals wirklich existierte: Porzellangasse 39), in dem sie vor zwei Jahren zuletzt gewesen sind und das aufzusuchen sie nicht wagen (woran die Erwägungen zum Gasthaus Obenaus aus der Endfassung anklingen; vgl. GE, 80), weil es sie allzu sehr erschöpfen würde - warum, bleibt unklar. Von der Coralle weg geht es zum Kleiderhaus »Zum Eisenbahner«, vor dem die beiden längere Zeit verharren, um den vis-avis gelegenen Platz vor dem Franz-Josefs-Bahnhof zu beobachten [...]. Der Schauplatz ist detailreicher strukturiert und nicht gleichsam auf die Nennung von Verkehrsflächen und Örtlichkeiten reduziert: Etwa wird das Cafe Coralle zwar ebenso wenig wie das Gasthaus Obenaus aus dem Endtext explizit beschrieben, doch wird immerhin so etwas wie eine Szene - durch die Nennung von Elementen dieser Szene -, die eben ein Wiener Kaffeehaus vorstellen lässt, generiert.“[6]

Traude Schleichert-Veran erinnert in dem Gedicht „korallen in porzellan“ an das Tanzcafé „Koralle“, das von Susi Weigel mit einigen afrikanischen Strohhütten ausgestattet wurde, worauf die „Schilfwände“ anspielen:

korallen in porzellan
so tauchten wir nachts zwischen
schilfwänden
nach den bizarren wundern musik
und liebe
tags war alles glatt und klar
ein erfülltes leben“

– Traude Schleichert-Veran: korallen in porzellan. [7]

Literatur

  • Susanne Blumesberger: Aufarbeitung des Nachlasses und der Biografie der Grafikerin und Illustratorin Susi Weigel. Wien, Januar 2008. Online: Teil 1 (enthält auf den Seiten 4 und 11ff einige Informationen über das Café Koralle) und Teil 2. Bilder aus Susi Weigels Nachlass (enthält auf den Seiten 144 und 160f. einige von Susi Weigel gestaltete Werbemittel für das Café Koralle).
  • Helfried Seemann und Christian Lunzer (Hrsg.): Kaffeehaus Album 1860-1930. Mit vielen zeitgenössischen Photographien und Feuilletons aus der Wiener Zeitschrift Die Bühne. Wien 2000 (Enthält zwei Fotografien des Café Koralle).

Einzelnachweise

  1. Das Haus hatte einige bekannte Bewohner: An der Adresse Porzellangasse 39 wohnte etwa der Psychoanalytiker Hermann Nunberg, im Haus Porzellangasse 41 Franz von Zülow und im Haus Porzellangasse 43 der Verleger Adolf Josef Storfer.
  2. Architektenlexikon Wien 1770 - 1945: Hugo Mandeltort (Manhardt).
  3. In: Neue Freie Presse. 6. Oktober 1935. S.11.
  4. Helfried Seemann und Christian Lunzer (Hrsg.): Kaffeehaus Album 1860-1930. Mit vielen zeitgenössischen Photographien und Feuilletons aus der Wiener Zeitschrift Die Bühne. Wien 2000.
  5. Meta Weigel: Brief vom 26. August 1978 an Hans Weigel. Nachlass Hans Weigel in der Wienbibliothek.
  6. Stefan Winterstein: Reduktionen, Leerstelle, Widersprüche: Eine Relektüre der Erzählung Gehen von Thomas Bernhard. In: Martin Huber, Manfred Mittermayer, Wendelin Schmidt-Dengler, Svjetlan Lacko Viduliö (Hg.): Thomas Bernhard Jahrbuch 2004. Wien: Böhlau 2005. S.31-54. 45f.
  7. Traude Schleichert-Veran: korallen in porzellan. In: Beleben öffentlicher Plätze - Identität stiften mit Poesie (PDF; 1,2 MB). S. 6.

Anmerkungen

  1. Diele nimmt Bezug auf jene Jahre, in denen die Koralle sich als Wein-Diele bewarb. – Siehe: (Annonce:): KORALLE, die stimmungsvolle Wein-Diele. In: Wiener neueste Nachrichten, Nr. 6751/1941 (XVII. Jahrgang), 15. Dezember 1941, S. 5, Mitte unten. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/wnn.