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vom 09.10.2018, aktuelle Version,

Festspiele Reichenau

Theater Reichenau

Die Festspiele Reichenau sind ein Theater-Festival, das seit 1988 jeden Sommer im Juli und August für fünf bis sechs Wochen im traditionsreichen Sommerfrische-Kurort Reichenau an der Rax (Niederösterreich) stattfindet. Besonderes Merkmal ist die programmatische Bezugnahme auf österreichische Dichter des 19. und 20. Jahrhunderts, wie Arthur Schnitzler, Stefan Zweig, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus, Franz Werfel u. v. a., die hier in eigenen Wohnsitzen oder Hotels vor allem im Sommer ihren Aufenthalt hatten und hier auch gearbeitet haben. Dies gilt auch für Johann Nestroy, der schon 1856 in Reichenau das Stück „Umsonst!“ geschrieben hat.

Auffallend dabei sind die hochkarätigen Besetzungen der Theaterstücke mit namhaften Künstlern aus den großen Bühnen Wiens (Burgtheater, Theater in der Josefstadt) sowie bekannten Schauspielern aus Film und Fernsehen.

Das Programm der Festspiele Reichenau umfasst jährlich mindestens vier Theaterstücke, Neuinszenierungen oder Auftragswerke, wie zum Beispiel neue Dramatisierungen von bekannten Prosawerken für die Bühne. Ein neues literarisches Format „Literatur in Szene“ nimmt einen wachsenden Programmschwerpunkt ein. Musikalische Höhepunkte mit Rezitals berühmter Solisten runden das Festspielprogramm ab.

Ein dichter, täglicher Spielplan bietet jährlich über 120 Vorstellungen für insgesamt rund 42.000 Besucher an. Es gehört zum Ruf der Festspiele Reichenau, dass sie oft schon lange im Voraus ausverkauft sind.[1]

Logo der Festspiele Reichenau

Geschichte und Spielstätten

Reichenau und Semmering, traditionsreiche Sommerfrischeorte

Reichenau und Semmering zählen zu den beliebten Sommerfrische-Orten der österreichischen Monarchie. Mitglieder der Hocharistokratie (die Habsburger in Schloss Wartholz) und Hochfinanz (Schloss Rothschild) verbrachten hier den Sommer ebenso wie Bildungsbürger und Künstler. Insbesondere Schriftsteller wählten die schöne Berglandschaft zum Aufenthalt und zur Arbeit abseits der Stadt Wien. Eine interessante Villenarchitektur so wie alte Palasthotels und ein Theater sind heute noch Zeugen einer goldenen Ära um die Jahrhundertwende (19./20. Jhdt).

Peter und Renate Loidolt
Der Große Saal

Die Gründer und Leiter der Festspiele

Der Wiener Sommergast, Maler und Ex-Reedereimanager, Peter Loidolt, begründete 1981 den Kulturverein Reichenau und in der Folge gemeinsam mit seiner Ehefrau Renate Loidolt, studierte Volkswirtin und Literaturkennerin, 1988 die Festspiele Reichenau in eigener Initiative. Das Gründerpaar erkannte die Chance, die dem vom damaligen Burgtheaterdirektor Claus Peymann gepflegten Regietheater deutscher Prägung distanziert gegenüberstehenden Publikumsschichten für ein Schauspielertheater mit betont österreichischer Note und heimischen Stars zu gewinnen.[2] Mit Unterstützung des Landes Niederösterreich wurde ein Kultur-Pilotprojekt finanziert, das alte Theater in eine technisch funktionstüchtige Bühne umgebaut und in den Folgejahren laufend verbessert. Peter und Renate Loidolt leiten die Festspiele als eigenständige Produzenten, sie erstellen jedes Jahr das Programm, die künstlerische Besetzung, geben Aufträge für neue Stücke und verwalten den ständig anwachsenden Betrieb in allen künstlerischen, organisatorischen und finanziellen Facetten in Eigenverantwortung.

Von Peter Loidolt stammen auch die Bühnenbilder der Theaterinszenierungen, Renate Loidolt ist Geschäftsführerin der Festspiele Reichenau GmbH. und als Dramaturgin für die Festspiele Reichenau tätig.[3]

Peter und Renate Loidolt haben neben anderen Auszeichnungen für ihre Verdienste um die Festspiele Reichenau zuletzt am 23. September 2014 beide das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst von Bundesminister Josef Ostermayer verliehen bekommen.[4]

Theater Reichenau

Das Theater Reichenau wurde 1926 als „Theater- und Konzerthaus“ erbaut (Bmstr. Alexander Seebacher, Architekt Heinrich Schopper); in der Folge als Tonkino genutzt, während der Kriegs- und Nachkriegszeit gab es fast einen Stillstand. Nach einer Periode von Gastspielen und Boulvard-Sommertheater erlebte das Haus erst durch die Festspiele Reichenau ab 1988 eine neue Blüte mit großen Renovierungen und Erweiterungen. Heute ist das Theater vollklimatisiert und fasst 377 Sitzplätze.[5]

Der Neue Spielraum
Henrik Ibsen im Neuen Spielraum, 2013

Der Neue Spielraum

Der „Neue Spielraum“ mit seiner zentralen, modernen Arenabühne wurde 2005 auf Initiative von Peter und Renate Loidolt an das bestehende Theater angebaut (Architekten Franz Fehringer und Eduard Neversal). So gibt es nun unter einem Dach zwei sehr unterschiedliche Bühnen, die zugleich bespielt werden können. Der neue Spielraum fasst 312 Sitzplätze[6] und ist auch programmatisch der „Freigeist“ im jährlichen Spielplan, wo auch Autoren, die nicht in die traditionelle Programmlinie fallen, aufgeführt werden.

Die dritte Spielstätte: Südbahnhotel Semmering von 2000–2010

Das „Südbahnhotel Semmering“, ein ehemaliges Palasthotel, das durch die Kriegsjahre seine Pracht eingebüßt hat, jedoch den alten Stil mit nostalgischer Atmosphäre erhalten hat, war von 2000 bis 2010 eine dritte Spielstätte der Festspiele Reichenau. Mit eigens angepassten Stücken und namhaften Künstlern entstand hier ein außergewöhnliches Theater-Event, das viel Aufmerksamkeit erweckte und Besucher aus dem In- und Ausland anzog.

Bemerkenswerte Stücke, die in direktem Bezug zu diesem Haus stehen: „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus; „Affäre Lina Loos“, „Das weite Land“ oder „Traumnovelle“ von Arthur Schnitzler; „Die Strudlhofstiege“ von Heimito von Doderer oder „Das Konzert“ von Hermann Bahr. Der private Eigentümer des Südbahnhotels untersagte nach 2010 jegliche weitere Benützung, weil er das Haus verkaufen will.

Programmlinie – Erweiterung des Repertoires

Neue Dramatisierungen bekannter Prosawerke

Die Theaterpraxis der Dramatisierung von Romanen war zu Beginn im Jahr 2000 noch eine Rarität, wird jedoch heute von vielen Bühnen angewendet. Die Festspiele Reichenau aber waren unter den ersten, die diese Mode aufgriffen.[7] So wurden die anfänglichen Programm-Schwerpunkte mit Stücken von Schnitzler, Werfel Hofmannsthal, Nestroy und Raimund ab dem Jahr 2000 ergänzt mit Bearbeitungen von bekannten Prosawerken für die Bühne. Auf diese Weise fanden Autoren wie Stefan Zweig (u. a. mit „Schachnovelle“), Joseph Roth („Radetzkymarsch“), Thomas Mann („Zauberberg“), Daniel Kehlmann („Ruhm“), Heimito von Doderer („Dämonen“) und viele andere Eingang in das Reichenauer Festspielprogramm.

Erweiterung auf seelenverwandte internationale Dichter und Themen

Russische Autoren, wie Turgenjew, Tschechow und Gorki, waren seit 1998 regelmäßig auf dem Spielplan. Die ländliche Atmosphäre vieler Stücke („Onkel Wanja“, „Der Kirschgarten“, „Drei Schwestern“, „Ein Monat auf dem Lande“, „Sommergäste“ etc.) erhält für die Zuschauer in der thematisch ähnlichen Landschaft von Reichenau einen besonderen Reiz.

Ebenso fanden Werke von Ibsen seit 2010 Aufnahme in das Programm (z. B. „Der Volksfeind“, „Die Stützen der Gesellschaft“, „Baumeister Solness“).

Weitere Schwerpunkte

Im Verlauf einer kontinuierlichen Entwicklung von 30 Jahren, wurden nicht nur weitere Autoren für markante Besetzungen und Inszenierungen aufgenommen (z. B. DürrenmattDer Besuch der alten Dame“ mit Milva; Thomas BernhardDer Theatermacher“ mit Wolfgang Hübsch oder „Der Hauptmann von Köpenick“ mit Martin Schwab), sondern auch Nicolaus Hagg als regelmäßiger Haus-Autor verpflichtet. So entstanden neben Roman-Dramatisierungen (z. B. „Doderers Dämonen“) auch neue Stücke wie „Oberst Redl“ oder „1914 – Zwei Wege in den Untergang“.

Seit 2012 hat sich der jährliche Programm-Schwerpunkt „Frauenschicksale in der Weltliteratur“ als besonders nachgefragt erwiesen (jeweils höchste Besucherziffern der Saison für „Anna Karenina“, „Madame Bovary“, „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, „Lady Chatterley“ u. a.). Dadurch kamen weitere internationale Autoren, vor allem auch aus dem anglikanischen Sprachraum nach Reichenau (Tennessee Williams, D. H. Lawrence).

Seit den letzten Jahren hat sich aus den „Literarischen Matinéen“ von Renate Loidolt mit ersten Schauspielern ein neues literarisches Format entwickelt, das durch freies Spiel und opulente Ausstattung weit über szenische Lesungen hinausgeht. Unter der neuen Bezeichnung „LITERATUR IN SZENE“ wird diese Serie als Matinée-Programm mit zahlreichen Vorstellungsterminen fortgesetzt (z. B. Stefan Zweig: Brennendes Geheimnis, Amok oder Joseph Roth: Das falsche Gewicht).

Organisationsstruktur

Der Kulturverein

Ausgangspunkt für die Festspiele war die Gründung des „Kulturverein Reichenau“ im Jahre 1981 durch Peter Loidolt, der seither Obmann des Vereins ist. Durch die Initiative von Generalsekretärin Renate Loidolt konnte ein Mitgliederstand von über 4.800 fördernden Mitgliedern, Theaterfreunden aus dem In- und Ausland, aufgebaut werden, die bei der Kartenvergabe bevorzugt werden. Die Beiträge und Spenden der Mitglieder sind die privat finanzierte Grundlage der Festspiele. Es gibt keine weiteren Großsponsoren aus der Wirtschaft. Das weitere Anwachsen des Kulturvereins wird durch jährliche Wartelisten geregelt.

Die Festspiele Reichenau GmbH

Die „Festspiele Reichenau GmbH“ wurde 1988 zur Durchführung der Festspiele gegründet. Alleinige Geschäftsführerin ist Renate Loidolt, Peter Loidolt ist der künstlerische Leiter der Festspiele GmbH.

Die Festspiele Reichenau GmbH erhält eine jährliche Spielbetriebs-Subvention vom Land NÖ, ebenso kommen öffentliche Mittel in geringerem Ausmaß von der Gemeinde Reichenau und eine Autorenförderung vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur.

Die Gemeinde Reichenau ist mit 20 % an der GmbH beteiligt, 5 % hält der Tourismusverband, 75 % der Kulturverein Reichenau.

Die Eigenwirtschaftlichkeit der Festspiele Reichenau GmbH liegt stabil bei über 80 %.

Publikationen und Filme

Im Eigenverlag erschien 1998 „Die erste Dekade“ und 2008 „Die zweite Dekade“.

2018 erscheint im Styria-Verlag „So machen wir Theater“ – 30 Jahre Festspiele Reichenau, eine Dokumentation von Michaela Schlögl (siehe Einzelnachweise).

2017 Dissertation von Theresa Steininger-Mocnik (siehe Einzelnachweise).

Seit 2003 erscheint jährlich ein illustriertes Festspiel-Magazin „im spiel der sommerlüfte“ in hoher Auflagezahl (10.000).

Zahlreiche Bücher (zuletzt Rieger/Oswald „Eine literarische Rundreise durch die Wiener Alpen“, lesethek Verlag) über die Region sowie diverse Schauspiel-Biographien beinhalten auch Artikel über die Festspiele Reichenau.

Anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums drehte der ORF den Film „Die Theatermacher – 25 Jahre Festspiele Reichenau“, der am Nationalfeiertag 2012 in ORF 2 gesendet wurde.

Am 30. September 2017 wurde auf ORF 2 die Reichenau-Inszenierung „Lady Chatterley“ ausgestrahlt.

Einzelnachweise

  1. Doris Hotz: Festspiele in Niederösterreich 1945-2009: Panorama einer Festspiellandschaft. Böhlau Verlag, Wien 2010. ISBN 978-3-205-78300-8.
  2. Manfred Wagner (Hg): Niederösterreich: eine Kulturgeschichte von 1861 bis heute. Band 1: Menschen und Gegenden, Wien u. a.) 2004, S. 317
  3. Michaela Schlögl, „So machen wir Theater“ - 30 Jahre Festspiele Reichenau, Styria Verlag, erscheint im Juni 2018 (gelistet im Styria-Katalog Ende November 2017). Vorbestellung ist ab Dezember im Festspielbüro möglich.
  4. Kulturminister Ostermayer überreichte Ehepaar Loidolt das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. Presseaussendung des Bundespressedienst. Abgerufen am 20. November 2014.
  5. Festspiele Reichenau - Großer Saal, abgerufen am 16. Oktober 2017.
  6. Festspiele Reichenau - Neuer Spielraum, abgerufen am 16. Oktober 2017.
  7. Steininger-Mocnik, Theresa: Das Konzept der Festspiele Reichenau: Entstehung, Entwicklung und der Genius loci. Dissertation. Universität Wien, 2017.