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vom 13.03.2020, aktuelle Version,

Richard Gerstl

Selbstbildnis als Halbakt, 1902/04, Leopold Museum, Wien
Selbstbildnis als Akt, 1908, Leopold Museum, Wien
Gruppenbild mit Schönberg, 1908, Kunsthaus Zug, Zug
Grabstätte auf dem Sieveringer Friedhof

Richard Gerstl (* 14. September 1883 in Wien, Österreich-Ungarn; † 4. November 1908 ebenda) war ein österreichischer Porträt- und Landschaftsmaler.

Leben

Richard Gerstl entstammte einer wohlhabenden bürgerlichen Familie eines jüdischen Börsenmaklers[1]. Er besuchte das Wiener Piaristengymnasium, das er wegen disziplinärer Schwierigkeiten verlassen musste. Entgegen dem Wunsch seines Vaters interessierte sich Gerstl für die bildende Kunst, er unterstütze seinen Sohn aber, als er schon im Alter von 15 Jahren an der Akademie aufgenommen worden war. 1898 bis 1901 und dann wieder 1904 besuchte er die Wiener Akademie der bildenden Künste bei Christian Griepenkerl, eckte aber durch seine radikalen Ansichten und seine elitäre und egoistische Haltung überall an. 1900–1901 studierte er bei Simon Hollósy in Nagybánya Landschaftsmalerei, um danach wieder in Wien bei Heinrich Lefler (Systematische Specialschule für Landschaftsmalerei) Unterricht zu nehmen.

Gerstl interessierte sich für Philosophie, Neurologie, Fremdsprachen, Literatur, Psychologie und Musik. Er knüpfte Beziehungen zu den Komponisten Gustav Mahler und Arnold Schönberg. Nachdem er 1906 Schönberg kennengelernt hatte und dessen Familie malte, entwickelte sich eine Liebesbeziehung zu dessen Frau Mathilde, von der Schönberg schon bald erfuhr.[2] Die Freundschaft zwischen Gerstl und Schönberg, die künstlerisch fruchtbar war (Schönberg kam durch Gerstl selbst zur Malerei), wurde durch Gerstls Verhältnis zu Mathilde, der Schwester Alexander von Zemlinskys, zerstört. Im Sommer 1908 überraschte Schönberg die beiden in flagranti. Obwohl Gerstl mit Selbstmord gedroht hatte, entschloss sich das Ehepaar wegen der gemeinsamen Kinder beieinander zu bleiben. Allerdings fand sich Mathilde nachweislich vor Gerstls Tod im Atelier als Modell ein.

Gerstl hingegen erhängte sich vor einem Spiegel, von einem Messer durchbohrt. Zuvor hatte er zahlreiche persönliche Aufzeichnungen und Gemälde verbrannt. Er wurde in einem Ehrengrab auf dem Sieveringer Friedhof (Abteilung 1, Gruppe 2, Nummer 11) bestattet.

Werk

Gerstl war ein Pionier des österreichischen Expressionismus. Die Schulausstellung der Wiener Akademie vom 7. bis 14. Juli 1907 war zu Lebzeiten die einzige nachgewiesene Ausstellung seiner Werke. Er stand zum zeitgenössischen Kunstbetrieb in radikaler Opposition und lehnte diesen ab, vor allem die Kunst des Jugendstils und Gustav Klimts akzeptierte er nicht. Als junger Künstler gehörte er viele Jahre lang zum sogenannten Schönberg-Kreis, seine Nähe zur Wiener Avantgarde war augenfällig.

Durch seinen frühen Selbstmord wurde sein Werk erst in den frühen 1930er Jahren entdeckt und erst nach 1945 seine Bedeutung erkannt und geschätzt. Dennoch ist er bis heute ein unbekannter Vertreter der großen österreichischen Expressionisten geblieben. Bis heute sind 60 Gemälde und 8 Zeichnungen des Künstlers bekannt geworden, die meisten sind im Leopold Museum und in der Österreichischen Galerie Belvedere in Wien zu besichtigen.

Alois Gerstl fand im Atelier seines toten Bruders Leinwände und Skizzen vor, die er jahrelang von einer Spedition einlagern ließ. 34 Gemälde wurden schließlich durch den Galeristen Otto Kallir vor der Vernichtung gerettet. Er kaufte und restaurierte sie, seine Ausstellung Richard Gerstl – ein Malerschicksal sorgte 1931 für Aufsehen. München, Berlin und Aachen waren die nächsten Stationen der Wanderausstellung. Für die österreichische Szene war er eine Schlüsselfigur, für die Maler der Nachkriegszeit bis hin zu den Aktionisten ließen sich von Gerstl inspirieren. Erst ab den 80er Jahren – vor allem durch Ausstellungen zum Wien der Jahrhundertwende – wurde Gerstl in den Kanon der Kunstgeschichte aufgenommen.

Die im Kunsthaus Zug beheimatete Stiftung Sammlung Kamm verfügt über 10 Gemälde auf 8 Leinwänden des Künstlers. Sie reichen von Landschaften über Gruppenbildnisse bis hin zu Porträts und Selbstporträts.

Werke (Auswahl)

  • Selbstbildnis als Halbakt (Wien, Leopold Museum, Inv. Nr. 637), 1902/04, Öl auf Leinwand, 159 × 109 cm
  • Fragment eines lachenden Selbstbildnisses in ganzer Figur (Zug, Kunsthaus Zug, Inv.-Nr. K.G 78b), 1904/1905, Öl auf Leinwand, 170,5 × 74,3 cm
  • Die Schwestern Karoline und Pauline Fey (Wien, Belvedere, Inv. Nr. 4430), 1905, Öl auf Leinwand, 175 × 150 cm
  • Porträt des Komponisten Arnold Schönberg (Wien Museum), um 1905–06, Öl auf Leinwand
  • Frau mit Kind (Mathilde Schönberg mit Tochter Gertrud) (Wien, Belvedere, Inv. Nr. 5852), 1906, Öl auf Leinwand, 160,5 × 108 cm
  • Selbstbildnis mit Palette (Wien Museum), 1907, Öl auf Leinwand, 186,5 × 58,5 cm
  • Traunsee mit "Schlafender Griechin" (Wien, Leopold Museum, Inv. Nr. 646), 1907, Öl auf Leinwand, 37,7 × 39,3 cm
  • Bildnis des Vaters Emil Gerstl (Wien, Leopold Museum, Inv. Nr. 638), 1906, Öl auf Leinwand, 211,1 × 150,3 cm
  • Trasse der Zahnradbahn auf den Kahlenberg (Wien, Belvedere, Inv. Nr. 5851), 1907, Öl auf Leinwand, 56 × 69,5 cm
  • Bildnis Mathilde Schönberg (Wien, Belvedere, Inv. Nr. 4757), vor Sommer 1907, Öl auf Leinwand, 95 × 75 cm
  • Professor Ernst Diez (Wien, Belvedere, Inv. Nr. 4036), vor Sommer 1907, Öl auf Leinwand, 184 × 74 cm
  • Obstbaum mit Holzstützen (Zug, Kunsthaus Zug, Inv.-Nr. K.G 79), Sommer 1907, Öl auf Leinwand auf Karton, 35,5 × 20,5 cm
  • Blumenwiese mit Bäumen (Zug, Kunsthaus Zug, Inv.-Nr. K.G 80), Sommer 1907, Inv.-Nr. K.G 81, 36 × 38 cm
  • Bildnis Alexander von Zemlinsky (Zug, Kunsthaus Zug, Inv.-Nr. K.G 78a), Sommer 1907, Öl auf Leinwand, 170,5 × 74,3 cm
  • Baum am Traunsee (Zug, Kunsthaus Zug, Inv.-Nr. K.G 81), Frühherbst 1907, Öl auf Leinwand auf Karton, 38 × 51 cm
  • Bildnis der Mathilde Schönberg im Atelier (Zug, Kunsthaus Zug, Inv.-Nr. K.G 77), Herbst 1907, Öl und Mischtechnik (ev. Leimfarben) auf Leinwand, 171 × 60 cm
  • Kleines Selbstbildnis (Zug, Kunsthaus Zug, Inv.-Nr. K.G 83a), Winter 1907/1908, Öl auf Leinwand, 47 × 37 cm
  • Frauenkopf (Zug, Kunsthaus Zug, Inv.-Nr. K.G 83b), 1908, Öl auf Leinwand, 47 × 37 cm
  • Bildnis der Mutter Marie Gerstl (Zug, Kunsthaus Zug, Inv.-Nr. K.G 82), 1908, Öl auf Leinwand, 49 × 35 cm
  • Gruppenbild mit Schönberg (Zug, Kunsthaus Zug, Inv. Nr. K.G 76), Ende Juli 1908, Öl auf Leinwand, 169 × 110 cm
  • Baum mit Häusern im Hintergrund (Wien, Leopold Museum, Inv. Nr. 641), 1907, Öl auf Leinwand, 35 × 19,4 cm
  • Sitzender weiblicher Akt (Wien, Leopold Museum, Inv. Nr. 648), 1907/08, Leimfarben auf Leinwand, 166 × 116 cm
  • Am Donaukanal (Wien, Leopold Museum, Inv. Nr. 649), um 1908, Öl auf Leinwand, 63,5 × 47,5 cm
  • Mathilde Schönberg im Garten (Wien, Leopold Museum, Inv. Nr. 642), 1908, Öl auf Leinwand, 171 × 61 cm
  • Paar im Grünen (Wien, Leopold Museum, Inv. Nr. 645), 1908, Öl auf Leinwand
  • Uferstraße bei Gmunden (Wien, Leopold Museum, Inv. Nr. 643), 1908, Öl auf Leinwand, 32,3 × 33,2 cm
  • Blick in den Park (Wien, Leopold Museum), 1908, Öl auf Leinwand, 35,3 × 39,7 cm
  • Selbstbildnis, lachend (Wien, Belvedere, Inv. Nr. 4035), 1908, Öl auf Leinwand, 40 × 30,5 cm
  • Selbstbildnis (Wien Museum, Inv. Nr. 115.288), 1908, Tusche und Feder, 40 × 29,7 cm
  • Bildnis Henryka Cohn (Wien, Leopold Museum, Inv. Nr. 650), 1908, Öl auf Leinwand, 147,9 × 111,9 cm
  • Selbstbildnis als Akt (Wien, Leopold Museum, Inv. Nr. 651), 1908, Öl auf Leinwand, 139,3 × 100 cm

Ausstellungen

Trivia

Gerstl hatte ein übersteigertes Selbstwertgefühl, war arrogant gegenüber Künstlerkollegen (Klimt); er eckte nicht nur bei Lehrern an, er bestand auch auf ein eigenes Atelier, als er auf Einladung eines Professors in die "Systematische Specialschule für Landschaftsmalerei" wechselte. Hervorzuheben ist, dass er eine Entschädigung vom Ministerium für Cultus und Unterricht verlangte, weil keins seiner Bilder in einer Schulausstellung gezeigt wurde. Er sah sich "von der Concurrenz um den Specialschulpreis ausgeschlossen."

Literatur

Belletristik
Commons: Richard Gerstl  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Catrin Lorch: Kerle wie wir. Abgerufen am 12. März 2020.
  2. siehe den Roman von Lea Singer, Wahnsinns Liebe