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vom 12.05.2017, aktuelle Version,

Samuel Steinherz

Samuel Steinherz (geboren 16. Dezember 1857 in Güssing, Kaisertum Österreich; gestorben 16. Dezember 1942 im Ghetto Theresienstadt) war ein österreichisch-tschechoslowakischer Historiker und Hochschullehrer in Prag.

Leben

Steinherz entstammte einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie und wuchs in Wien und Graz auf. An der Universität Graz studierte er Germanistik und Geschichte.[1] 1881 in Graz zum Dr. phil. promoviert, arbeitete er am Wiener Institut für Österreichische Geschichtsforschung. Es erteilte ihm die Lehrbefugnis für österreichische Geschichte (1894) und Mediävistik (1898). Spezialisiert auf die Diplomatie des Heiligen Stuhls, widmete er sich im Auftrag von Theodor von Sickel in Rom den geöffneten Archiven des Vatikans. Mit den Bearbeitungen und den urkundenkritischen Untersuchungen zur österreichischen Geschichte gewann er die Wertschätzung der altösterreichischen Historiker.[2]

1901 an die deutsche Karl-Ferdinands-Universität berufen, erhielt er 1908 eine Professur. Er war Mitglied des deutschnationalen Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen. Am Zeitgeschehen uninteressiert, fand er sich nach dem Zusammenbruch des Habsburgreichs unversehens als Bürger der Ersten Tschechoslowakischen Republik wieder; in seinen Vorlesungen widmete er sich jedoch weiterhin ausschließlich der Geschichte Österreich-Ungarns. 1922 wurde er zum Rektor der Universität gewählt.[3]

Im Unterschied zu anderen jüdischen Professoren vor ihm nahm er die Wahl zum Universitätsrektor an.

„Ich bin durch meine Eltern, durch Erziehung und Schulbildung ein Deutscher, habe mich immer als solcher bekannt, und habe niemals auch nur den geringsten Anlass gegeben, mein Deutschtum zu bezweifeln.“

Samuel Steinherz

Dessen ungeachtet kam es zu antisemitischen Studentenprotesten, Hausbesetzungen und einem Numerus clausus für jüdische Studenten. Unter dem wachsenden Druck bot Steinherz im Februar 1923 seinen Rücktritt an. Der Kultusminister Rudolf Bechyně lehnte ihn ab. Steinherz ließ sich beurlauben.[1] Diese Entwicklung verunsicherte die Juden in Prag und Böhmen, die sich bis dahin als Teil der deutschen Kultur und Nation gefühlt hatten. Unterstützt vom Prager B’nai B’rith, wandte Steinherz sich der Geschichte der Juden im Mittelalter zu, besonders den Kreuzzügen.[1] Mit inzwischen 71 Jahren zog er sich 1928 aus dem Universitätsleben zurück. Im selben Jahr zum Vorsitzenden der neuen Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik gewählt, gab er ihre neun Jahrbücher heraus, die von 1929 bis 1938 erschienen.

Im Protektorat Böhmen und Mähren wurden Steinherz und seine Frau Sophie am 6. Juli 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort starb Steinherz an seinem 85. Geburtstag.

Seit 2008 besteht in Nürnberg die Samuel-Steinherz-Stiftung.[4] Ende November 2012 fand in Brünn zum Gedenken an Samuel Steinherz die Konferenz Avigdor, Beneš, Gitl – Juden im Böhmen und Mähren im Mittelalter statt.

Schriften (Auswahl)

  • Die italienische Politik König Ludwig I. von Ungarn in den Jahren 1342 - 1352. Dissertation, Universität Graz, 1881 (handschriftlich)
  • Die Nuntien Hosius und Delfino, 1560–1561 (1897)
  • Briefe des Prager Erzbischofs Anton Brus von Müglitz, 1562–1563 (1907)
  • Dokumente zur Geschichte der grossen abendländischen Schismas 1385–1395 (1932)
  • Nuntiaturberichte aus Deutschland: Nuntius Delfino, 1560–1565, 3 Bde. (1897–1914)
  • Die Juden in Prag – Bilder aus ihrer tausendjährigen Geschichte (1927)

Herausgeber

  • Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Čechoslovakischen Republik, 9 Bände 1929–1938, Reprint: Textor Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 3-938402-02-4

Literatur

  • G. Oberkofler: Steinherz Samuel. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 13, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2007–2010, ISBN 978-3-7001-6963-5, S. 188.
  • Peter Arlt: Samuel Steinherz, 1857–1942, Historiker. Ein Rektor zwischen den Fronten, in Monika Glettler, Alena Mísková (Hg.): Prager Professoren, 1938–1948: Zwischen Wissenschaft und Politik. Essen 2001, S. 71–104
  • Gerhard Oberkofler: Samuel Steinherz (1857-1942) – Biographische Skizze über einen altösterreichischen Juden in Prag. Studien-Verlag 2008. GoogleBooks
  Wikisource: Samuel Steinherz  – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 D. Polakovič (YIVO)
  2. Renate Hennecke: Rezension von Oberkoflers Buch (PDF; 1,5 MB)
  3. Rektoratsrede (HKM)
  4. Regierung Mittelfranken