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vom 05.04.2017, aktuelle Version,

Wolfgang Brezinka

Wolfgang Brezinka, 2011

Wolfgang Brezinka (* 9. Juni 1928 in Berlin) ist ein deutsch-österreichischer Erziehungswissenschaftler. Er war Professor für Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule in Würzburg sowie an den Universitäten Innsbruck und Konstanz. Brezinka hat bedeutende Beiträge zur Allgemeinen Pädagogik geleistet und sich besonders um die genaue Bestimmung der axiomatischen Grundbegriffe des Faches bemüht.

Leben

Brezinka promovierte 1951 an der Universität Innsbruck und habilitierte sich dort 1954. Er lehrte an der PH Würzburg (ao. Prof. 1958 und o. Prof. 1959) sowie den Universitäten Innsbruck (1960–1967) und Konstanz (1967–1996). Seine Forschungstätigkeit führte ihn 1957–1958 an die Columbia University sowie die Harvard University. Die Philosophisch-Theologische Hochschule Brixen,[1] übertrug ihm 1983 und 1990 eine Gastprofessur. 1984 nahm er eine Gastprofessur an der Universität Fribourg in der Schweiz wahr, 1985 war er als Gastprofessor an der University of South Africa in Pretoria tätig.

Er gehört zu den Vertretern einer empirisch-analytischen Erziehungswissenschaft bzw. einer wissenschaftlichen Pädagogik.

Wolfgang Brezinka ist verheiratet mit Erika Brezinka (geb. Schleifer); aus der Ehe stammen drei Kinder (Christof,[2] Veronika[3] und Thomas). Er lebt heute in Telfes im Stubai (Tirol) in Österreich.

Theorie

In seiner Metatheorie der Erziehung[4] unterscheidet Brezinka drei Klassen von Erziehungstheorien: die Erziehungswissenschaft, die Philosophie der Erziehung und die Praktische Pädagogik:

  • Die Erziehungswissenschaft ist eine wissenschaftliche Disziplin, die deskriptiv, kausalanalytisch, prognostisch und technologisch ausgerichtet ist. Sie dient a) der Beschreibung der Erziehungsphänomene und der erziehungsrelevanten Sachverhalte, die in der erfahrungsmäßig zugänglichen Wirklichkeit (der Realität) zu ermitteln sind; b) der Suche nach Ursache-Wirkungszusammenhängen zwischen den Gegebenheiten in der Wirklichkeit; c) der Voraussage, bei der auf der Grundlage der festgestellten Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge aus dem Vorhandensein bestimmter Bedingungen (Ursachen) auf das Eintreten künftiger Sachverhalte (Wirkungen) geschlossen wird; d) der Ausarbeitung einer Technologie (oder Technikenlehre), in der ebenfalls auf der Grundlage der festgestellten Ursache-Wirkungs-Beziehungen die Mittel und Verfahren zur Hervorbringung von erwünschten, aber noch nicht vorhandenen Sachverhalten angegeben werden. Die Erziehungswissenschaft enthält nur Informationen über Tatsachen und die Zusammenhänge zwischen ihnen, aber keine Wertungen.
  • Die Philosophie der Erziehung ist eine philosophische Disziplin, in der neben anderen Themen in erster Linie Wertungsfragen behandelt und Wertungsprobleme entschieden werden. Sie ist eine wissenschaftsanaloge, aber keine rein wissenschaftliche Disziplin: Die Theorien werden freilich dort wie überall sonst in der Normativen Philosophie so weit wie möglich nach wissenschaftlichen Grundsätzen und mit wissenschaftlichen Methoden abgefasst. Sie enthalten aber auch außer-wissenschaftliche Werturteile, weil solche Urteile für bestimmte Entscheidungen (z. B. über die Ziele der Erziehung) unabdingbar sind. Die Werturteile werden nicht einfach vorgenommen, sondern so weit wie möglich vernunftmäßig und unter Abwägung von Gegenvorschlägen begründet.
  • Die Praktischen Pädagogiken sind eine Klasse von handlungsorientierenden Erziehungstheorien. Sie werden zwar (im Idealfall) ebenfalls so weit wie möglich unter Berücksichtigung des erziehungswissenschaftlichen und philosophischen Wissens ausgearbeitet, sind aber von einem bestimmten religiösen, weltanschaulichen oder moralphilosophischen Standpunkt aus geschrieben. Eine christliche Praktische Pädagogik informiert zum Beispiel (christliche) Praktiker darüber, welche Möglichkeiten sie beim Erziehen in einer gegebenen geschichtlich-kulturellen Lage haben und was sie tun (anstreben und unterlassen) sollen. Andere Praktische Pädagogiken von anderen Wertungsstandpunkten und mit abweichenden Handlungsempfehlungen sind möglich oder schon vorhanden (z. B. freidenkerische, liberale, marxistische usw.).

Seine Schriften sind in zahlreichen Auflagen und Sprachen erschienen (Chinesisch, Englisch, Italienisch, Japanisch, Koreanisch, Norwegisch, Persisch, Polnisch, Russisch, Spanisch, Tschechisch). Von daher kann Brezinka als der in der Gegenwart im Ausland meist rezipierte pädagogische Denker des deutschen Sprachraums gelten.

Als praktischer Pädagogiker urteilt er von einem konservativen Standpunkt aus, als Erziehungswissenschaftler hat er sich in wissenschaftstheoretischen Fragen an Viktor Kraft, Karl R. Popper, Hans Albert und Wolfgang Stegmüller orientiert. Richtungsweisend ist die von ihm erarbeitete Definition des Erziehungsbegriffs:

„Unter Erziehung werden Handlungen verstanden, durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Bestandteile zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht bewertet werden, zu verhüten.“[5]

Seit seiner Emeritierung arbeitet er mit Unterstützung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften an der Geschichte des Faches Pädagogik in Österreich.

Ehrungen

Ausgewählte Schriften

  • Erziehung als Lebenshilfe – Eine Einführung in die pädagogische Situation (1957, 8. Auflage 1971)
  • Von der Pädagogik zur Erziehungswissenschaft (1971, 3. Auflage 1975)
  • Die Pädagogik der Neuen Linken (1972, 6. Auflage 1981)
  • Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft (1974, 5. Auflage 1990)
  • Metatheorie der Erziehung. 1978
  • Erziehung in einer wertunsicheren Gesellschaft (1986, 3. Auflage 1993)
  • Erziehungsziele, Erziehungsmittel, Erziehungserfolg (1976, 3. Auflage 1995)
  • Aufklärung über Erziehungstheorien. Beiträge zur Kritik der Pädagogik. 1989
  • Glaube, Moral und Erziehung. 1992
  • Pädagogik in Österreich. Die Geschichte des Faches an den Universitäten vom 18. bis zum 21. Jahrhundert. Band 1 – 3, 2000 bis 2008
  • Erziehung und Pädagogik im Kulturwandel. 2003
  • Gesammelte Werke. 10 Bände auf CD-ROM. 2007

Literatur über Wolfgang Brezinka

  • „Wolfgang Brezinka,“ in: Walter Habel Hg., Wer ist wer? Das deutsche who’s who. 2008/2009. Schmidt-Römhild, Lübeck 2008 ISBN 3-7950-2046-8 S. 156
  • „Wolfgang Brezinka,“ in: Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender 2009. K. G. Saur, München
  • Richard Olechowski: Wolfgang Brezinka – Begründer der Wissenschaftstheorie der Empirischen Erziehungswissenschaft, Retrospektiven in Sachen Bildung, R. 2, Nr. 49, Klagenfurt 2004
  • Heinz-Elmar Tenorth: Wolfgang Brezinka: Wissenschaftliche Pädagogik im Spiegel ihrer ungelösten Probleme. Retrospektiven in Sachen Bildung, R. 2, Nr. 46, Klagenfurt 2004. (Auch in: Pädagogische Rundschau 58, 2004, H. 4, S. 453–465, und in: Mitteilungsblatt des Förderkreises der BBF 15 [2004], S. 22–37.Volltext)
  • Siegfried Uhl (Hrsg.): Wolfgang Brezinka. 50 Jahre erlebte Pädagogik. Reinhardt, München 1997, ISBN 3-497-01447-8
  • C. D’Hondt: Wolfgang Brezinka over het wetenschapskarakter van de pedagogik. 1977
  • Susanne Barkowski: Wolfgang Brezinka wird 80 Jahre alt. In: „Erziehungswissenschaft – Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft“ (DGfE), Heft 37, 2008, S. 120–122.

Einzelnachweise

  1. Philosophisch-Theologische Hochschule in Brixen
  2. Ao. Christoph Brezinka
  3. Veronika Brezinka
  4. Wolfgang Brezinka: Metatheorie der Erziehung. (4., vollst. neu bearbeitet Auflage). Ernst Reinhardt Verlag, München 1978.
  5. Wolfgang Brezinka: Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft. (5., verbesserte Auflage, S. 95). Ernst Reinhardt Verlag, München 1990.
  6. Wolfgang Brezinka (Ehrendoktor 2001) auf tu-braunschweig.de
  7. Youtube-Video
  8. Webseite der Universität (italienisch)