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T.G. Masaryk als „Tschechoslowake“ #

Niklas Perzi, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien

1. Die „tschechische Frage“ und die Slowaken#

Masaryk, der Sohn einer mährischen Slowakin und eines eingedeutschten tschechischen Herrschaftskutschers, dessen Heimat das dörfliche Milieu Südmährens war, das tief in das lokale und religiöse Bezugssystem eingebunden war, durchlebte die Hinwendung zum Tschechentum, ebenso wie seinen Übertritt zum Protestantismus als bewussten Prozess, als Abwendung vom heimatlichen, anationalen Milieu. Obwohl er sich ihm erst relativ spät zuwandte, prägte er den tschechischen Nationalismus doch ganz wesentlich mit.

Seine zentrale Schrift, die 1895 erschienene :"Česká otázka - Tschechische Frage", knüpfte an František Palackýs ideologische Vorgaben an, die jeder Nation eine aus der Geschichte abzuleitende Bestimmung und Sendung zuwies, aus der sowohl Sinn als auch Auftrag für Gegenwart und Zukunft abgeleitet werden könnten.

Masaryk stellte sich bei seiner Sinnsuche in eine Linie, die er von den Hussiten beginnend über die böhmischen Brüder und die nationalen Erwecker bis in die Gegenwart zog und die er im Streben nach Demokratie und einer religiös begründeten Humanität verwirklicht sah: Das Humantitätsideal habe als wiedergeborenes Ideal für die Tschechen einen tieferen nationalen und historischen Sinn, mit der Humanität überbrückten sie den geistigen und sittlichen Schlaf einiger Jahrhunderte: "Die Humanität bedeutet uns unsere von unseren Brüdern erarbeitete und hinterlassene Aufgabe: Das Humanitätsideal ist der ganze Sinn unsres nationale Lebens." Masaryk profilierte sich damit als nationaler Ideologe, der Geschichte nicht erklärte, sondern Erklärungen aus ihr bezog, sie zur Schaffung eines Bildes benutzte, sie ideologisierte, indem er unzulässig und zielgerichtet selektierte. Masaryk definierte den Sinn der tschechischen Geschichte, er definierte aber auch den Sinn des Tschechentums selbst, ja er schuf gleichzeitig Programm und Kriterium der nationalen Existenz: Wer Tscheche ist, müsse am großen Ideal der Humanität mitarbeiten, gleichzeitig aber könne sich dieses wieder am besten - wie er an Hand seines historischen Bogens demonstrierte - im Tschechentum verwirklichen.

Masaryk gab den Tschechen ein ideologisches Programm, das bei allem westlichen Rationalismus religiöser, ja metaphysischer Elemente nicht entbehrt, er suchte aber auch nach politischen Möglichkeiten, um den Aktionsradius der tschechischen Politik innerhalb der dualistisch organisierten Habsburgermonarchie mit Stoßrichtung gegen die deutsche Übermacht strategisch zu erweitern, wobei er auch hier auf seiner einmal für ihn für richtig erkannten ideologischen Linie blieb. Zu den Slowaken aber stieß er so nicht wegen seiner Herkunft, sondern als national denkender Tscheche. Mit ihrer Einbeziehung in das nationale tschechische Programm sollte der gordische Knoten zerschlagen werden, hier lagen die Erweiterungsmöglichkeiten, die das Staatsrecht nicht bieten konnte.

In der Česká otázka stellte er die slowakische Frage als die zentrale dar: Statt des slowakisch Singens aber solle slowakisch gefühlt und gedacht werden. Seine Beschäftigung damit aber datierte schon von viel früher. Bereits 1887 reiste er zum ersten Mal nach Turčiansky Sväty Martin, das sich zum ideellen und organisatorischen Zentrum der slowakischen nationalen Bewegung entwickelt hatte, die nach hoffnungsvollem Beginn infolge der harten ungarischen Unterdrückungspolitik ein trauriges Bild bot: Sich auf das enge Feld der protestantischen Intelligenz beschränkend, die sich gegenüber dem magyarischen Abwerbeversuchen schon allein durch die Tradierungsmöglichkeiten innerhalb der Pastorenfamilien resistenter zeigte als die Katholiken, verfolgte sie eine Politik, die auf ideologische und organisatorische Abschottung abzielte. Panslawistische Träumereien und das Hoffen auf den russischen Zaren als Befreier sollte die triste Gegenwart vergessen machen. Es war ein selbstverliebter Elfenbeinturmnationalismus, der sich selbst durch seinen Verzicht auf politisches Handeln ad absurdum führte. Auch Masaryk merkte dies bald. Die anfänglichen Versuche zur Zusammenarbeit zwischen der konservativen, der Attitüde des heroischen Märtyrertums ergebenen slowakischen Intelligenz und dem weltoffenen, an der modernen westlichen Philosophie orientierten Denker und die nationale 'Kleinarbeit' propagierenden Masaryk, dem jeder Aristokratismus fern lag, endeten in gegenseitigem Misstrauen.

Wie wenig Masaryk allerdings von Beginn seines Wirkens an von den nationalen Emanzipationsbestrebungen der Slowaken überzeugt war, und wie sehr er sich auch in der Betonung der Zugehörigkeit der Slowaken zur tschechischen Nation in den traditionellen Spuren des tschechischen Bewusstsein bewegte, beweisen nicht nur mehrere Aussagen, sondern auch ein Brief an seinen damaligen jungtschechischen Parteifreund Karel Kramář: Die Slowaken, die heute aufgescheucht mit Russland sind, dürften nicht einmal wissen, dass sie, "wie ich sagen würde, untersucht werden", sie seien unkritisch und die Bemühungen der literarischen Trennung führten zum sprachlichen und politischen Russismus, "denn Slowakisch ist eben nichts anderes als das Tschechische ..."

2. Die Hlasisten : nationale Elitenbildung unter erschwerten Umständen #

Nach dem Bruch mit dem Martiner Zentrum suchte Masaryk neue Kontakte und fand bald in der jungen, oft in Prag studierenden slowakischen Intelligenz nach anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten rasch eine willige Zuhörerschaft, welche die Möglichkeit, der magyarischen Unterdrückung zu entfliehen, - im Bewusstsein, so der wirklichen Elite des Volkes anzugehören, ohne sich in das passive Märtyrertum ihrer Vätergeneration flüchten zu müssen, bald begeistert aufnahmen. Der traditionellen Lebenswelt ihrer Elterngeneration waren sie bereits entfremdet, mit den regionalen, ständischen oder beruflichen Grenzen, in die sie hineingeboren wurden, konnten sie nichts mehr anfangen, das Angebot des ungarischen Staates an der mit Magyarisierung verbundenen Elitenbildung zu partizipieren, konnten oder wollten sie nicht annehmen. Ihr Bildungsweg hatte sie nach Prag, Budapest oder Wien geführt, und sie dort in Kontakt mit den geistigen Strömungen jener Zeit treten lassen, in der sich die heranwachsenden Intelligenz als Bannerträger eines unter dem Sammelbegriff 'Fortschrittlichkeit' auftretenden Modernismus verstand, der seine wesentlichen Denkanstöße aus dem rasanten Fortschritt der (Natur-)Wissenschaften und der Technik bezog. Demgemäß legten sie großen Wert auf die Abgrenzung zu Klerikalismus und Mystizismus und propagierten die Anwendung rationalistisch-empiristischer Methoden auch auf dem Feld der nationalen Bewusstseinsbildung: "Ich sah die Popularisierung der Wissenschaft, war selbst für einige Zeit Bibliothekar in den Wiener 'Volksbildungsvereinen'" berichtete etwa Anton Štefánek über seine Erfahrungen. Mögen vieler ihrer Entwürfe, in unzähligen Aufsätzen und Artikeln dargelegt, im Vergleich zur ihrem tatsächlichen Aktionsradius und ihren Einflussmöglichkeiten auf die breiten Massen des Volkes, retrospektiv gesehen, oft wirklichkeitsfremd wirken, so ist dabei doch zu berücksichtigen, dass ihre politische Sozialisation oder öfter noch Zweitsozialisation meist mehrere hundert Kilometer von der Heimat entfernt in einer gänzlich anders gestalteten Umgebung und nicht selten in Gestalt von fast erweckungsähnlich ablaufenden Prozessen erfolgte.

Mit Hilfe des neuerwachten tschechischen Interesses gedachten sie dem engen familiären Milieu genauso zu entkommen wie der Magyarisierung, was nicht zuletzt oft tiefe innerfamiliäre Zerwürfnisse zur Folge hatte. Vorwürfe des Verrates an der slowakischen Sache, die sich in der Nachfolge Štúrs und - in Ermangelung anderer Möglichkeiten - vor allem im Hochhalten und der Pflege der slowakischen Schriftlichkeit erschöpfte, folgten schon bald und sorgten für erste Frontbildungen innerhalb des sehr schmalen Mikrokosmos der national fühlenden slowakischen Eliten. Zahlreiche Artikel, Aufsätze und memoirenähnliche Schriften geben davon ein beredtes Zeugnis ab und vermitteln ein eindrucksvolles Bild vom auch vom psychologischen Standpunkt interessanten Widerstreit in den Herzen und Hirnen dieser jungen, durchaus ambitiösen, in ihrer politischen Vorstellungswelt aber noch unausgereiften Slowaken.

Einer der Männer der ersten Stunde, Vavro Srobár, erinnerte sich in einem 1925 erschienen Gedenkbuch der 'Československá Jednota' zwar emotionell gefärbt, aber doch recht anschaulich, zurück: "Unsere Väter hassten uns für unsere Theorie und Praxis. Gegen die 'Kleinarbeit' wurde das Heil einer großen Tat gestellt, die Absolution für alles Absinken des täglichen Lebens bringen sollte. Unser Kritizismus war das Gift aus dem Westen, unserer Demokratismus ein Lästern der Ernsthaftigkeit und Autorität der Väter. Unsere Vorstellungen von sittlicher Erneuerung war in den Augen der vom Liberalismus durchdrungenen Väter - steriler Asketismus."

Plattform dieser jungen Slowaken, die sich nun als Bahnbrecher des eigentlichen Slowakentums sahen, wurde die unter maßgeblicher Mitwirkung Masaryks und seiner Epigonen, die ständigen Kontakt zur jungen Intelligenz hielten, entstandene Zeitschrift Hlas ("Die Stimme"), die seit 1898 in Druck ging, sich den Idealen der nationalen Kleinarbeit, der Bildung ("Weg von den Karten, den ..dummen Reden über das Wetter, das Bier, die Frauen,... hin zum Lesen guter Bücher und dem Sprechen übers sie") verschrieben hatte. Die Biografien der Autoren weisen dabei auffallende Parallelitäten auf: Von Fedor Houdek , Vavro Šrobár über Pavol Blaho bis hin zu Anton Štefánek und Miroslav Štefánik. Fast allen ist gemeinsam, dass sie oft dem Bürgertum, wenn gleich nicht auch immer , dem protestantischen Bürgertum, (Štefánik, Houdek, Ivanka, waren zwar Protestanten, Štefánek, Stodola und Blaho aber katholisch getauft) entstammten, dort gegen die Magyarisierung gleichsam geistig immunisiert wurden, sich später in Laufe ihrer Ausbildung in Prag, Wien oder Budapest aber von der elterlichen Vorstellungswelt entfernten, in die Zirkel rund um Masaryk gerieten, um dort jene ideologische Prägung zu erhalten, der sie meist bis an ihr Lebensende treu blieben. Entweder in die Slowakei zurückgekehrt in Wien oder Budapest tätig oder ins Ausland emigriert, bildeten sie den slowakische Teil der Elite des 1918 neugegründeten Staates und blieben es in einer bemerkenswerten Kontinuität bis 1938. In ihrer Vorstellungswelt bildeten die Tschechen die Brücke hin zu den Idealen von Fortschrittlichkeit und Modernität, die man zuhause so schmerzvoll vermisste, und für die man gerne bereit war, in der Frage der slowakischen Eigenständigkeit Kompromisse einzugehen.

Ein weiteres wichtiges Bindeglied im Gefüge der Zusammenarbeit der Eliten war der in Prag bestehende Klub slowakischer Studenten 'Detvan', dessen Mitglieder von Masaryk persönlich in seinem Sinne regelrecht 'bearbeitet' wurden und der gegen den erbitterten Widerstand der national-konservativen Martiner Anhängerschaft, bald ebenso in das Fahrwasser der fortschrittlichen , tschechoslowakisch orientierten Intelligenz geriet, und in weitere Folge von Vavro Šrobář , Fedor Houdek und dann Milan Rastislav Štefánik entscheidende Impulse in diese Richtung erhielt. Wieder ist es Šrobář, der über sein Prager 'Erweckungserlebnis' berichtet, bei dem sich persönliche Motive einer Abkehr vom zuhause gewohnten, von den Vätern tradierten, mit dem politischen Richtungswechsel vermengten: "...Die lustigen Feiern nahmen ab und das sorgenlose Studentenleben wechselte zu asketischer Abgeschlossenheit.." Anton Štefánek beschrieb die inneren Kämpfe und die Krisen, die diese Absetzbewegung zur Folge hatte, für die in Wien studierenden Slowaken in ganz ähnlicher Weise: Als er 1898 in die akademische Gemeinschaft 'Tatran' in Wien eintrat, habe er dort mit den 'Martinern' und den 'Čechophilen' zwei Lager vorgefunden. Während die einen auf den Zarismus schworen, die russischen Generäle bewunderten und sich über die kleinbürgerlichen Tschechen lustig machten, war für die anderen Masaryk nicht mehr Professor, sondern Apostel und die ´ 'Česká otázka' der Evangelienersatz. Neben Štefánek muss Pavol Blaho genannt werden, der sich besonders das von Masaryk gepredigte Ideal der nationalen Kleinarbeit zu Herzen nahm und in dessen Sinn unter den in Wien ansässigen slowakischen Handwerkern und Arbeitern wirkte. Auch in Wien wurden Kontakte geknüpft, Freundschaften geschlossen, Beziehungsgeflechte aufgebaut, die später politikentscheidend werden sollten.

Die slowakische Sache war aber keineswegs breiten gesellschaftlichen tschechischen Trägerschichten und ihren führenden Eliten als solche in ihrer Wichtigkeit er- oder anerkannt worden, die slowakophile Bewegung blieb eine organisatorische Randerscheinung der tschechischen National-Gesellschaft, wenn sich auch in den letzten Jahren vor dem Krieg eine gewissen Trendwende abzeichnete, die auf eine stärkere Einbeziehung in den nationalen Bezugsrahmen schließen ließ.

Einen ganz wesentlichen Anstoß dazu erst gab das Massaker von Černová, bei dem im Heimatort des katholischen Priesters und Politikers Andrej Hlinka, dem die Einweihung einer dort neu errichteten Kirche verweigert wurde, 1907 15 Slowaken von ungarischen Gendarmen erschossen und mehrere schwer verletzt wurden. Hlinka unternahm daraufhin eine Vortragstour durch Böhmen und Mähren, die - nicht zuletzt auch dank der medialen Berichterstattung - ein großer Erfolg wurde und die Slowakei schlaglichtartig in das Bewusstsein der breiten tschechischen Öffentlichkeit rückte. Im Anschluss daran kam es zur Gründung weiterer slowakophiler Organisationen und Geldsammlungen für die Hinterbliebenen, wobei die höchsten Beiträge wiederum aus Pilsen eingingen.

Im Laufe der letzten Jahr vor dem Krieg begann sich auch die politische und ökonomische Tätigkeit der slowakophilen Bewegung immer mehr zu konkretisieren und verdichten, und in diesem Zusammenhang partiell für breite Kreis der tschechischen politischen Szene von gewissem Interesse zu werden. Besonders natürlich Masaryks Realisten, aber auch die Sozialdemokraten zeigten eifriges Interesse an der Slowakei. Karel Kramář berichtet darüber, dass er aufhörte, bei seinen Aufenthalten in Budapest an von der ungarischen Regierung gegebenen Abendessen teilzunehmen und stattdessen mit Milan Hodž konferierte.

Schlussendlich kam es 1911 dann sogar zur Gründung eines eigenen nationalökonomischen Ausschusses im Rahmen der 'Jednota' mit dem einflussreichen stellvertretenden Vorsitzenden der Prager Živnostenská banka ("Gewerbebank"), Rudolf Pilát als Vizevorsitzenden. Das Ziel, die Slowakei eng an die böhmischen Länder zu binden und so die Voraussetzungen für zukünftige auch staatsrechtliche Möglichkeiten zu legen, wurde hier schon konkreter formuliert: Sie diene beiden Seiten, unterstütze die wirtschaftlichen Interessen, die Entwicklung der Aufklärung und zuletzt auch die politische Stellung, deutete Pilát öffentlich nur an, was er im privaten Schriftverkehr 1913 als Endziel formulierte: Die staatlichen Vereinigung. Daneben begann sich auch schon der spätere starke Mann der Gewerbebank und Mitspieler im Machtkartell der Republik, Jaroslav Preiss, damals noch Direktor der wichtigen Industrie- und Hypothekenabteilung, in den Kreis der slowakophilen Bewegung einzumengen. Nachdem sich die tschechischen Banken eine einigermaßen starke Stellung in der Slowakei sichern konnten, begannen sich aber bald die Klagen über die rein auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Politik dieser Institute zu häufen, wobei besonders oft Beschwerde über die Zusammenarbeit mit magyarischen oder sogenannten 'judomagyarischen' Instituten geführt wurde. Obwohl das tschechische Kapital in der Slowakei im Vergleich zum ungarischen nur einen verhältnismäßig kleinen Teil ausmachte, entsprach es 1913 doch schon dem Grundkapital der etwa 50 slowakischen Institute. Die Slowakei-Politik der tschechischen Großbanken muss dabei vor dem Hintergrund ihrer allgemeinen Expansionsbestrebungen, auch in Richtung Balkan, gesehen werden, die gemäß der später ausformulierten Prämissen von Preiss einer engen Verflechtung der sich entwickelnden slawischen Nationalökonomien dienen sollten.

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges bot die tschechische slowakophile Bewegung und ihre slowakischen Adepten ein schillerndes Bild: Auf der einen Seite die rationale Ebene, die in den Slowaken im Sinne des expansiven Nationalismus ein ideales Erweiterungsgebiet sah und sich der Mittel der kulturellen und politischen Penetration im verstaatlichen Stadium bediente, auf der anderen Seite die oft durchaus uneigennützige, opferbereite Hilfe für den unterdrückten slawischen Bruder, dem eigenen Volk auf der Grundlage der Ähnlichkeit der (Schrift)sprachen am nächsten stehend glaubenden Bruder. Einerseits die klare Linie des Kreises um Masaryk, die die Slowakei auch ideologisch für das tschechische Volk zurückzugewinnen wollte, andererseits die nur sehr schleppend anlaufende breite Verzahnung von schon vorhandenen ideologischen Ausrichtungen oder soziökonomischer Interessenslagen zwischen der tschechischen Nationalgesellschaft und den sich langsam entwickelnden slowakischen Gegenüber aller Richtungen (Katholiken, Agrarier, Sozialdemokraten), wobei die Fronten keineswegs immer so scharf gezogen waren, wie dies man dies retrospektiv zu sehen glauben könnte.

3. Der große Plan#

Hauptdarsteller darin sollte Masaryk sein, der an einem trüben Dezembertag des Jahres 1914 Österreich-Ungarn mit dem Ziel, es zu zerstören, für immer verlassen sollte, um fast auf den Tag genau vier Jahre später als erster Präsident der Tschechoslowakei, die böhmische Erde küssend, wieder heimatlichen Boden zu betreten.

Dazwischen lagen vier Jahre, in denen er nicht nur einen Großteil der Tschechen und Slowaken, sondern auch die gegen die Monarchie Krieg führenden Mächte auf seine Seite gebracht hatte. "Die Weltrevolution" , wie Masaryk sein Erinnerungswerk an diese vier Jahre genannt hatte, wurde aber erst durch seine Mitwirkung ganz wesentlich eine solche, wobei er den Konflikt um Macht und Einfluss zwischen den europäischen Großmächten zur Entscheidungsschlacht zwischen "Licht und Finsternis, Recht und Gewalt, Mittelalter und Fortschritt, Zukunft und Gegenwart" stilisierte und so nicht nur die Tschechoslowakei (mit)schuf, sondern auch ihren Gründungsmythos, der ihre Entstehung als Vollendung der tschechischen Geschichte im ständigen Kampf zwischen Demokratie und Autokratie, zwischen Slawentum und Deutschen, feierte.

Masaryk (und etwas später sein Schüler Edvard Beneš) ging mit den festen Ziel ins Exil, einen Staat zu gründen, den es in dieser Form in der Geschichte noch nie gegeben hatte, und seine Legitimation dazu bezog er mehr aus dem eigenen Gewissen als aus den eher vagen Absprachen , die er kurz vor Kriegsbeginn mit tschechischen Politikern und Spitzenvertretern der Massenorganisationen geführt hatte, denen der Aufbau einer zwar einflussreichen und weit verzweigten, im Grunde aber doch eher kleinen Gruppe des bald 'Maffia' genannten Netzwerkes an Zuträgern, Informanten, Verbindungsleuten und Propagandisten gefolgt war, während die Heimat sonst - wollte man offiziellen Stellungnahmen ihrer politische und publizistischen Repräsentanten Glauben schenken - zumindestens nach dem Abflauen der ersten panslawistischen Welle des Jahre 1914 weiterhin treu zu Kaiser und Vaterland stand. Unter größten Mühen und mit ungeheurer Energie, Mut und politischer Schlauheit gelang es ihm allmählich, die Entente-Mächte von der Richtigkeit seines Vorhabens zu überzeugen.

"Ich selbst hatte beim Weggehen von Prag die feste Absicht, für die Gewinnung der Slowakei zu arbeiten" berichtete Masaryk in seinen Erinnerungen vom zweiten Axiom, mit dem er ins Exil ging: Der unabhängige böhmische Staat sollte ein um die Slowakei erweiterter sein: Dazu ließ sich er sich eine Karte zeichnen und nahm sie in ein mit _:"Independiant Bohemia" genanntes Memorandum auf, das er im Mai 1915 den gegen die Monarchie Krieg führenden Mächten übergab. Masaryk knüpfte auch damit wieder dort an, wo er 1914 aufgehört hatte.

Seine Legitimation, auch für die Slowaken zu sprechen, waren zwar für ihn mit seiner slowakophilen Vergangenheit, seinen Kontakten mit slowakischen Persönlichkeiten vor dem Krieg, und nicht zuletzt seiner politischen Konzeption selber eine eindeutige, wurde aber von den einflussreichen slowakischen Auslandsorganisationen, die sich jetzt vor allem in den Vereinigten Staaten verstärkt über eine Zukunft der Slowakei nach dem Krieg Gedanken zu machen begannen und dabei nach langem Hin und Her den Gedanken einer zukünftigen staatsrechtlichen Ordnung mit den Tschechen als (noch) am günstigsten annahmen, massiv in Frage gestellt. Dabei prallten zwei staatsrechtliche Philosophien aufeinander, die sich als solche wie ein roter Faden durch die weiter Entwicklung ziehen sollten: Masarkys Annexionstheorie, die (nicht nur) von der nationalen Einheit von Tschechen und Slowaken ausgehend als solche einfach den Anschluss der Slowaken an eine böhmischen Staat forderte, der somit dort wieder anfangen sollte, wo er (angeblich) vor fast 1000 Jahren nach dem Zerfall des Großmährischen Reiches aufgehört hatte, und die Vereinigungstheorie von Tschechen und Slowaken, die als eigenständige Subjekte zum gemeinsamen Vorteil in einen zukünftigen gemeinsamen Staat eintreten sollten. Die verschiedenen Abkommen, die - von Cleveland bis Pittsburgh - zwischen den Vertretern von tschechischen und slowakischen Exilverbänden geschlossen wurden, können nur so verstanden werden, und waren nichts weniger als eine versuchte Absicherung der slowakischen Stellung in einem gemeinsamen staatsrechtlichen Verband.

Die Vereinigung der beiden parallel laufenden Aktionen, hier Masaryk in Europa, da die Slowakenverbände in Amerika, ging nur graduell und nicht ohne Unstimmigkeiten vor sich. Masaryk konnte sich zudem seit 1915, auch auf eine, seine slowakische Repräsentation stützen: Milan Rastislav Štefánik, sein ehemaliger glühender Verehrer aus Prager Tagen, der in Frankreich als Astronom Karriere gemacht und jetzt in der französischen Armee als Fliegerleutnant diente, hatte seine Mitarbeit angeboten. Mit ihm wurde aber nicht nur ein unermüdlicher Arbeiter mit Kontakten zu einflussreichen Kreisen gewonnen, sondern auch ein Slowake, der von der Notwendigkeit der tschechoslowakischen Einheit ohne Vorbehalte zutiefst überzeugt war ("Für mich sind Slowaken Tschechen, die in der Slowakei leben und Tschechen Slowaken, die in Böhmen und Mähren leben" ) und damit jenen begegnet werden konnte, welche die geplante tschechische Inbesitznahme der Slowakei kritisiert hatten. Štefánik gelang es bald, jene slowakische Exilgruppe, die bis zuletzt für eine Vereinigung mit Russland eingetreten war , zu paralysieren, genauso wie sein entschlossenes Auftreten in Amerika die amerikanische Slowakenverbände bei der Stange hielt, und er somit zum vielleicht wichtigsten aktiven und legimatorischen Faktor der tschechoslowakischen Auslandsaktion wurde. Immerhin bewirkte der 1916 von der amerikanischen 'Slowakischen Liga' nach Paris entsandte Štefan Osuský , dass der von Masaryk geleitete "Nationalrat der Böhmischen Länder" in "Tschechoslowakischer Nationalrat - Československá národní rada" unbenannt wurde.

Das Pittsburger Abkommen, das am 30.5.1918 von Vertretern der tschechischen und slowakischen Exilorganisationen und Masaryk unterschrieben worden ist, ist das letzte Dokument, dass von einer getrennten Rechtspersönlickheit von Tschechen und Slowaken ausging: Hierin lag seine Bedeutung als politisches Symbol, als das es in Zukunft, schon im gemeinsamen Staat, in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung geraten sollte, nicht in den eher vagen und mehrdeutig auslegbaren Formulierungen für das spätere Zusammenleben: "Dieses Abkommen wurde zur Beruhigung einer kleinen slowakischen Fraktion geschlossen, die von weiß Gott was für einer Selbständigkeit der Slowakei träumte..." sollte Masaryk dazu später feststellen.

4. "Das ist unser Vater, gleich Slowake wie Tscheche": Der Masaryk-Kult und die Slowaken#

" ..'Wisst ihr, wenn ich nach meiner Familie in der ganzen Republik am liebsten habe? Manchmal erratet es die Jugend, wenn nicht, zeige ich auf das Bild, das an der Wand hängt: Das ist unser Vater, gleich Slowake und Tscheche..."

Der Kult, der sich rund um den Gründer-Präsidenten der Tschechoslowakei noch zu Lebzeiten entfaltete, geht weit über das übliche Ausmaß an öffentliche Ehrerbietung für republikanische Staatsoberhäupter hinaus. Mehrere sich dabei überlappende Stränge lassen sich beobachten: Da ist zum einem die aus der Monarchie in die Republik hinübergerettete Verehrung eines Teils der tschechischen (und selbstverständlich) slowakischen Intelligenz für ihren Lehrmeister, das die klassischen Züge eines Studenten-Professoren Verhältnisses trug und von Masaryk, glaubt man Peroutka, nicht einmal so sehr geschätzt wurde. Da ist zum zweiten die staatlich geförderte Propaganda, der angesichts der Fragilität der neuen staatlichen Konstruktion in Masaryk eine auch weit über den tschechischen Bereich hinaus integrierende Symbolfigur zur Verfügung stand, der es dabei aber weniger um Masaryk selber, als vielmehr um die durch ihn verkörperten Prinzipien ging und die ihren besten Ausdruck wohl in den Gesprächen Čapeks mit Masaryk fanden, in denen auf ideale Weise Biographie und Weltanschauung des Präsidenten in einem Frage-Antwort-Spiel verbunden wurden.

Da ist nicht zuletzt Masaryks Überlegung selber, der sich trotz aller Schlagworte vom 'Entösterreichern' der Notwendigkeit republikanischer Rituale besser bewusst war als etwa die neuen Machthaber im republikanischen Österreich, die den Bundespräsidenten nicht einmal einen Platz in der Hofburg zugestehen wollten: Der besondere Schutz, den der Titel Präsidentgenoss, eine eigene Präsidentenstandarte, die Fanfare, die dem Präsidenten voran bei feierlichen Anlässen ertönte, der von ihm angestrengte Sitz in der erst nach einem großzügigen Umbau wieder bewohnbaren Burg, aber auch die strengen Strafen, die auf die Präsidentenbeleidigung standen, das alles waren neben seiner Ausstrahlung, seinem persönlichem Charisma und seiner unbestreitbaren Eitelkeit, die mit den dem Amt zuordenbaren Attributen bald verschmolzen, auch Elemente, die den sich entwickelnden Kult um die Person des ersten Präsidenten der ČSR fassbarer machen.

Einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der Legendenbildung rund um Masaryk bildeten aber wohl auch die zahlreichen Erinnerungsproduzenten, die jetzt in einer Fülle an hagiographischen Lebensbilder, Geschichten und Erzählungen das Bild des armen Dorfjungen, der es mit dem mächtigen Kaiserhaus aufnahm, siegreich blieb, weil er Recht und Sittlichkeit an seiner Seite hatte, oder auch den weltentrückten Philosophen, der auf der Burg über den Niederungen des Alltages thront, dessen Licht noch brennt, wo die Stadt darunter sich schon zum Schlafengehen eingerichtet hat, wie vorher schon der greise Kaiser im spartanischen Eisenbett schläft , hoch zu Ross in uniformähnlicher Kleidung Paraden abnimmt und dabei über seine Völker Wache hält, zeichneten.

Der Weg der Wahrheit und der Arbeit nach Masaryk; Im Geiste Masaryks; Aus einem armen Hütte ein Präsident; Ein dorniger Weg zum Präsidentenamt; Der Schöpfer unserer Unabhängigkeit; Sich nicht fürchten und nicht stehlen; Masaryk als Revolutionär; Masaryk als Demokrat; Väterchen Masaryk; Masaryk ist die Sonne" , diese Themata sollten bei den jährlichen Masaryk-Feiern nach einer Anleitung Alojz Zbavitels in der slowakischen Schule abwechselnd behandelt und dabei "die einzelnen Gedanken aus dem Leben Masaryks sorgsam psychologisiert und in die Seelen der Schüler gebracht werden" . Dazu die bekannten Sinnsprüche an der Wand, Bilder tschechoslowakischer Heroen, eine festliche Ausgestaltung der Klassenräume, Volkslieder, Gedichte und Liedvorträge, die helfen sollten, den in seiner uniformähnlichen Kleidung etwas entrückten, würdigen alten Herren den Kindern an seinem Geburtstag nahe zu bringen.

Die Redenvorlagen, die Zbavitel auch für den Masayrk-Geburtstag erstellte, entsprachen den meist recht einfach gestrickten Heldenviten, die Masaryk als einfachen Sohn der Nation zeigten, der diese aus Unrecht und Knechtschaft befreite: "Unter unserer verlassenen, unterjochten und notleidenden Nation wurde in ärmlicher Wiege Söhne geboren, die Propheten einer großen Zukunft wurden" , verwendete Vladimír Polívka in seiner Masaryk-Hagiographie für die Beschreibung der Geburt die religiöse Erlöser-Metapher. Dem jungen Studenten, der im deutschen Wien den Entnationalisierungsbemühungen ("Die Zeiten waren damals für uns Tschechen und Slowaken schlecht. Wer nur ein bisschen zu den Büchern gelangte, schämte sich schon für seine Herkunft, schon lieber magyarisch oder deutsch" ) entsagte und sich ganz der Arbeit für die Nation verschrieb, von dieser aber nicht immer verstanden wurde ("Einen Teil der eigenen Nation konnten...seine Gedanken und großartigen Pläne nicht verstehen" ) wurde auf der anderen Seite der alte, verehrungswürdige Mann gegenübergestellt, jenes sprichwörtliches Väterchen, das auch die Slowaken als Vaterfigur akzeptieren sollten. Ein prachtvoller, 1930 von der slowakischen Zweigstelle des Tschechoslowakischen Nationalrates edierter Jubiläumsband unter dem Titel "Die Slowakei Masaryk" , zeigt Bilder aus dem Leben Masaryk genauso wie diesen in slowakischem Ambiente bei Štefánik-Feiern, auf seinem slowakischen Sommersitz im Kreise der Familie und von slowakischen Politikern, umrundet von Trachtenmädchen, bei der Matica-Feier in Martin oder im Gespräch mit einem ehrfürchtig den Hut ziehenden, alten Bauern. Unter der Autorenschaft befinden sich praktisch die gesamte tschechoslowakisch orientierte Elite.

"Masaryk begriff den Wert der reinen Religiosität, er lebt sittlich und edel. Ihm bedeutet sittlich zu leben soviel, wie religiös zu leben" , stellte der Pädagoge Polívka Masayrks Religiosität in den Mittelpunkt, als es darum ging, ihn gegen die immer wiederkehrenden Vorwürfe des ketzerischen Freidenkertums zu verteidigen und sein verinnerlichtes Christentum dabei dem ausschweifenden Volkskatholizismus entgegen zu stellen: "Dem Apostel der Wahrheit und Gottestreiter" gehe es nicht um religiöse Formen und Äußerlichkeiten, sondern um die Verwirklichung der reinsten sittlichen Ziele: "Die Wahrheit ist im Leben Masaryks ein bedeutender Faktor....Für Masaryk ist die Wahrheit die erste Bedingung für ein sittliches Leben. Deshalb fordert er, dass wir wahrheitsgemäß leben, die Wahrheit sagen und für die Wahrheit kämpfen" , verschmilzt auch bei Zbavitel Religiosität und (eigentlich menschliche) sittliche Norm im Begriff der Wahrheit, die mit der Gründung der Tschechoslowakischen Republik ihren Sieg - und die Bestätigung - als geschichtsmächtige Kraft- erfahren habe. Masaryks Arbeitsamkeit im Kontrast zu der alten ungarischen Gentry ist ein zweiter Topos, der auch in den Lehrplanergänzungen zu finden ist: "Der erste Präsident unserer Republik trinkt nicht, raucht nicht, saß nicht in Kaffee- und Wirtshäusern herum, sondern arbeitete das ganze Leben viel". Karel Kálal verlangte von den Schülern am Masaryk-Geburtstag vor dem Bild des Präsidenten gar den feierlichen Entsagungsschwur an Alkohol und Tabak: "Wenn ihr meine Bitte erfüllt, erfüllt ihr den Willen des Präsidenten.."

"Hodonín zvít´azil - Hodonín hat gesiegt" war der programmatische Titel einer von Ivan Dérer 1931 anlässlich einer Gedenktafel-Enthüllung gehaltenen Rede, in der das kleine Städtchen unweit der mährisch-slowakischen Grenze als Symbol für die tschechoslowakische Einheit benutzt wird: In einer Region, wo einst der Ursprung des Großmährischen Reiches lag, einer Region, die ihre Söhne 1848 zur Unterstützung des slowakischen Aufstandes ausschickte, einer Region, wo Tschechen und Slowaken Jahrhunderte lang ohne Unterschiede zusammenlebten und die schließlich der Nation ihren größten Sohn und Einiger schenkte: "Nur ein Slowake aus dieser Region, eine Verbindung zwischen dem westlichen Tschechentum und dem östlichen Slowakentum darstellend, konnte die Bedeutung der tschechoslowakischen Einheit voll verstehen". Nur so einem Tschechoslowaken sei die Einheit nicht leere Phrase gewesen, führte Dérer weiter aus, um dann den Slowaken Masaryk zu betonen, der über den tschechischen Separatismus siegte und damit den ständigen Vorwurf von tschechischer Seite geschickt ins Gegenteil zu verkehren: "Es musste ein Slowake aus Hodonín kommen, der, wie viele andere, auch die Ansichten der tschechischen Politik betreffend die Slowakei in den Grundlagen widerlegte und revolutionierte. Hodonín siegte damals über Prag! Der mährische Einheitsgedanke siegte über den Prager politischen Separatismus!" Es sei eigentlich von Geburt an zur Hälfte Slowake gewesen, sein Vater ein Slowake aus Kopčan, sprach bis zum Tod slowakisch, und auch er hätte eher slowakisch gesprochen, ohne dabei irgendwelche Unterschiede zwischen den ungarischen und den mährischen Slowaken, bemerkt zu haben, so Masaryk in den Gesprächen mit Karel Čapek, der mit diesen Aussagen neben seiner politischen Arbeit für die Slowakei noch einen Anknüpfungspunkt legte, der dann in der politischen Publizistik in der Stilisierung zum "Tschechen und Slowaken, zum größten Tschechoslowaken" , mit den Namensinitialen TGM, mit den weiß-rot-blauen Farben ausgefüllt als Verkörperung der Drei-Einheit von Böhmen, Mähren und der Slowakei in einer Person benutzt werden konnte. Ein Tschechoslowake, aber nicht nur im Geiste, wie so viel andere auch, sondern ein "Tschechoslowake, der Geburt und des Denkens nach" , dem eben nicht die kühle Ratio zu so einem machte, sondern das Schicksal selbst: Einer, der aus diesem Antrieb heraus bereits in seinen Jahren als Professor in die Slowakei fuhr, im Geiste Kollárs und auf den Spuren Großmährens wandelnd, für die bedrohte nationale Einheit warb, sich der slowakischen Studenten annahm und als der Krieg kam, ins Ausland ging, um als alter Professor von Land zu Land, zu gehen, die Könige und Präsidenten der fremden Länder davon zu überzeugen, dass es nötig sei, dass in seinem Geburtsland der Friede einkehren solle und dass das Slowakische fröhlich überall Zuhause in den Schulen und Ämtern klinge, wie Zbavitel es in seiner "Vorlesung für niedere Klassen" als Redevorlage empfiehlt. "Und als Präsident in ein Land zurückkehrte, "wo ihm die ganze tschechoslowakische Nation Dank für die heldenhafte Arbeit ausspricht und für seine Gesundheit betet"

Zum Achtziger bezeichnet ihn Ivan Dérer als "Dem Vater nach ein Slowake, der Mutter nach ein Mährer, im Geiste ein Böhme, ein Landmann der mährischen Ebene,.., den Slowaken mit dem Böhmen, die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindend" und strapaziert damit die Dreieinheit in einer Person, wo andere sie im Mährer Masaryk, dem Slowaken Štefánik und dem Böhmen Beneš - die religiöse Metapher nur schwer verbergen könnend - verwirklicht sahen. Auch der Unterschied zwischen der ungarischen und der tschechoslowakischen Zeit sollte den Kindern, die ja die eine nicht mehr erlebt hatten, zumindest in der Überlieferung mitgegeben und in ihnen wachgehalten werden, genauso wie das gute Verhältnis zu seinen beiden Mitstreitern Beneš und vor allem Štefánik immer wieder betont wurde: "Masaryk als älterer war in diesem Dreigespann der geliebte Vater, Štefánik und Beneš die liebenden und ergebende Söhne und unter sich guten und treuen Brüder."

Nahtlos können die Heldenepen dann in die Poesie übergehen, wo sich religiöse Elemente mit einer Pathetik mischen, die Masaryk als weisen Vater aller Tschechen und Slowaken, die er vereint, der auf der Burg "zur Ehre der Treuen, zur Angst der Tyrannen" ruhiges, bescheidenes Leben führt, zeichnen. "Es stand geschrieben, ich aber sage euch" , titelt ein Beitrag im Jubiläumsband, der Masayrks Entscheidung für die tschecho-slowakische Zusammenarbeit mit der Jesus` vergleicht: Gegen das alte Gesetz des böhmischen Staatsrechtes und des slowakischen Panslawismus predigte er, das "es auf der anderen Seite Tag wird, aus den gemeinsamen Kräften von Tschechen und Slowaken und aus der verheißenen Morgenröte der demokratischen und humanistischen Grundlagen des Westens."

Die jährlichen Masaryk-Feiern zu seinem Geburtstag am 7.März waren auch in der Slowakei ein fixer Bestandteil des tschechoslowakischen Festkalenders und wurden meist von den tschechoslowakischen Organisationen gemeinsam gestaltet. Zum 85. Geburtstag stellte Edvard Beneš die tschechoslowakische Einheit in den Mittelpunkt einer Rede, die er vor der Šafárik - Gesellschaft unter dem Titel "Masaryks Begriff der nationalen Idee und das Problem der tschechoslowakischen Einheit" hielt: Nur wenn Tschechen und Slowaken Masaryk Auftrag zur Einheit erfüllten, könnten sie in der Zeit der großen europäischen nationalem Integrationsprozesse bestehen, wobei er den italienischem Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus dabei als Vollendung der nationalen italienischen und deutschen Einheitsbestrebungen des 19. Jahrhunderts darstellte. Tschechoslowaken und Jugoslawen müssten aber geeint in den sie im kommenden Kampf der Nationen, den er voraussagt, gehen. Beneš benutzte damit in den 30er Jahren, als sich das slowakischen Emanzipationsstreben nur mehr schwer durch den Appell an Lieben und Brüderlichkeit beeindrucken ließ, einen neu eingeführten Topos, wo verstärkt an die Vernunft appelliert wird, die es gebietet, im Zeitalter von Hitler und Mussolini die Nation zu einen und nicht zu spalten.

Zum Zweck der politischen Propaganda wurden auch die Masaryk-Reisen in die Slowakei umfunktioniert, wobei er neben seinem jährlichem Aufenthalt auf seinem Sommersitz in Topolčany auch einige Rundfahrten unternahm, die gut vorbereitet später propagandistisch ausgeschlachtet werden konnten, dennoch einen viel gelösteren Eindruck vermittelten, als die mindestens ebenso zahlreichen slowakischen Beneš-Auftritte, wo sich trotz aller Höflichkeiten der Eindruck einer gewissen Gezwungenheit nicht ganz verbergen lässt.

Interessant ist, dass bei seiner Slowakei-Rundfahrt im Jahre 1930 in Rosenberg der katholische Volksparteiler Andrej Hlinka die Begrüßung übernahm und nicht der ebenfalls dort gebürtige Vavro Šrobár, der sich sonst bei jedem Slowakei-Besuch, wie übrigens auch viele andere tschechoslowakisch orientierte Politiker, dicht an den Präsidenten hielt. Hlinka begrüßte Masaryk dabei als "ersten und größten Sohn der Slowakei" , als Befreier und Gründer der Republik, der nur alleine garantierten könne, dass die nationale Eigenart, die Individualität und die politischen und autonomen Rechte der Slowaken darin erhalten werden können. Masaryk antwortete: "Ich liebe die Eigenart und die Individualität der Slowakei, aber mit der Politik und dem Staat und seiner Beamtenschaft sichern wir die nationale Individualität vollständig" Trotz aller höflichen Formelhaftigkeit, die sich die zwei alten Herren, jeder auf seine Art nicht mehr in die Zeit, in der sie lebten und für die sie noch höchste Verantwortung trugen, passend, entgegenbrachten, hätte der fundamentale gedankliche Unterschied zwischen den beiden nicht besser ausgedrückt werden können.

Anmerkungen:

1. Beim hier vorliegenden Text handelt es sich in weiten Teilen um einen Auszug aus meiner 1998 an der Universität Wien approbierten Diplomarbeit „Der Tschechoslowakismus. National-Building in Mitteleuropa?“.
2.Tomáš G. Masaryk, Česka otázka. Snahy a tužby národního obrození ("Die tschechische Frage. Das Bestreben und das Verlangen nach einer nationalen Wiedergeburt") (Neuauflage, Praha 1990).

4. Vgl. Masaryk, otázka 55.
5. Zu Masaryk und den Slowaken in dieser Phase vgl. Jaroslav Opat, Masaryk a Slovensko ("Masaryk und die Slowakei") (Banská Bystrica, o.J.).

6. T.G.Masaryk an Karel Krámař am 26.1.1889, zitiert bei ebenda 16.
7. Ebenda 56.
8. Antonín Štefánek , Obrodenia na Slovensku. (Die Wiedergeburt in der Slowakei) In: Slovenská čítanka ("Slowakisches Lesebuch")(Praha - Karlín 1911)204 - 230, Anm. S. 215 Im folg. zit. als: Štefánek, obrodenia.
9. Zu den Hlasisten vgl. auch Jörg. K. Hoensch, Tschechoslowakismus oder Autonomie. Die Auseinandersetzung um die Eingliederung der Slowakei in die Tschechoslowakische Republik. In: Hans Lemberg/Peter Heumos, ed., Das Jahr 1919 in der Tschechoslowakei und in Ostmitteleuropa (München/Wien 1993)129 - 157. Im folg. zit. als: Hoensch, Tschechoslowakismus.
10. Vavro Šrobár in: Josef Rotnágl, ed., Kniha československé jednoty. Památce našch mrtvých ("Das Buch der tschechoslowakischen Einheit. Zum Gedenken an unsere Toten") (Praha 1925)155
11. Vgl. dazu Zdeněk Urban, K Masarykovu vztahu ke Slovensku pr<ed první sve<tovou válkou ("Zu Masaryks Beziehung zur Slowakei vor dem Ersten Weltkrieg") In: T.G. Masaryk a Slovensko ("Masaryk und die Slowakei") (Praha 1992)68 - 89.

12. Štefánek, obrodenia 218.
13. Vavro Šrobár, T.G. Masaryk a Slováci ("T.G. Masaryk und die Slowaken"). In: Jozef Rudinský, ed., Slovensko Masarykovi ("Die Slowakei dem Masaryk") (Praha 1930).85 - 96, Anm. S. 89

14. Vgl. Anton Štefánek, Masaryk a Slovensko ("Masaryk und die Slowakei") (Bratislava 1920)9f.
15. Vgl. Stanislav Klíma, Pädesiat rokov Československej jednoty. ("50 Jahre ´Tschechoslowakische Einheit´") In: Prúdy 5/6, 1936, 334 - 339, Anm. S.335.
16. Vgl. Karel Kramář. In: Rotnágl, Kniha jednoty 114.

17. Vgl. Fedor Houdek, Československé schodze v Luhac<oviciach. Snah hospodárske. ("Tschechoslowakische Treffen in Luhac<ovice. Wirtschaftliche Bemühungen") In: Prúdy 8 (1936)464 - 473, Anm. S. 465.
18. Vgl. Vochala, sněmy 7.
19. Vgl. dazu die u.a. seine Erinnerungen in Rotnágl, Kniha jednoty 148.
20. Vgl. dazu auch die Beschwerden in der Enquete zur tschechoslowakischen Wechselseitigkeit in den Prúdy 9/10 (1914).

21. Tomaš Garrigue Masaryk, Die Weltrevolution. Erinnerungen und Betrachtungen (Berlin 1925)
22. derselbe, Das neue Europa. Der slawische Standpunkt (Berlin 1922)26I
23. Wenn man Großmähren nicht als Vorläufer-Staat akzeptieren will.

24. Masaryk, Weltrevolution 425.
25. Zweifellos spielte dabei von Anfang an rein praktische Überlegungen mit eine Rolle. Der den verbündeten Mächten als solcher präsentierte Nationalstaat wäre keiner gewesen, wenn man von der Existenz zweier Staatsvölker ausgegangen wäre.

26. Zitiert bei Albert Pražák, Národ se bránil ("Die Nation wehrte sich") (Praha 1946)33.
27. "Conseil National Tchéchoslovaque" , ebenda 26.
28. Masaryk, Weltrevolution 233.
29. Karel Kàlal, rozprávam 24

30. Vgl. Ferdinand Peroutka, Ferdinand, Deníky, dopis, vzpomínky ("Tagebücher, Briefe, Erinnerungen") (Praha 1995)147.
31. Karel Čapek, Hovory s T.G. Masarykem ("Gespräche mit T.G.Masaryk") (=Spisy 20) (Neuauflage, Praha 1990)
32. Alles Elemente, die bis heute zum Staatszeremoniell Tschechiens gehören.

33. Nach seinem Tod wurden Masaryks Eisenbett sogar als Postkartencollage vetrieben. Im Eigenbesitz des Autors.
34. Vgl. Ferdinand Seibt, T.G. Masaryk und Edvard Beneš: Die "Burgherren" im politischen Profil.
In: Bosl, Burg I 27 - 46, Anm. S. 38.

35. Alojz Zbavitel/František Volf/Josef Pospíšil, Slávnosti a pamätné dni slovenskej s<koly. II. diel: 7. marec ("Fest- und Gedenktage der slowakischen Schule. Zweiter Teil. 7. März") (Žilina 1930)7
36. ebenda 7.
37. "Vladímir Polívka, Náš< prvy# prezident Dr. T.G.Masaryk ("Unser erster Präsident T.G.Masaryk") (6.vydanie, Banská Bystrica 1938)6
38. Zbavitel, , den 14.
39. Polivka , president 16.

40. Jozef Rudinský ed., Slovensko Masarykovi (Praha 1930)

41. Polívka , president 12.
42. Vladímir Polívka, Dr. T.G. Masaryk, Apoš<ol pravdy. Boží bojovník ("Apostel der Wahrheit. Gottesstreiter") (Lučenec 1926).
43. Zbavitel, den 41.
44. ebenda, 45.
45. Karel Kálal, Niekol´ko slov slovenskej mládeži. ("Einige Worte zur slowakischen Jugend") In. Zbavitel , den 30 - 31, Anm. S.30.

46. Ivan Dérer, Hodonín zvít´azil. In: Dérer, Československá otázka 10 - 17, Anm. S. 10.
47. ebenda 14.

48. ebenda 15.
49. Čapek, hovory 131.
50. Ivan Dérer, Osmdesiatroc<ny Masaryk ("Der 80-jährige Masaryk"). In: Dérer, problémy 18 - 28, Anm. S. 28. Im folg. zit. als: Dérer, Masaryk.
51. Joža Pospíšil/lFrantišek Volf, Obrazy zo z<ivota nás<ho prezidenta osvoboditela ("Bilder aus dem Leben unseres Präsidenten-Befreiers") (Žilina 1924)31.

52. Vgl. die Darstellung von Jan Halla, T.G. Masaryk na Slovensku. Spomienky a prejávy k 85. narodeninám ("T.G. Masaryk in der Slowakei. Erinnerungen und Reden zum 85. Geburtstag") 10.
53. Zbavitel, den 15.
54. ebenda 11.
55. Františk Kulhánek, Čechoslováci vo svetovej válke ("Die Tschechoslowaken im Weltkrieg") (Banská Bystrica 1920)47.
56. Derér, Masaryk 28.
57. Vgl. etwa bei Zbavitel , den 28.
58. Zbavitel , den 28.
59. Vgl. das Gedicht ´Tatíček Masaryk´ ("Väterchen Masaryk") von Martin Stryčko , abgedruckt bei Zbavitel, den 76.
60. Tido J. Gaspar in Rudinský, Slovensko 231 - 238, Anm.S. 231.

61. ebenda 235.
62. Edvard Beneš, Masarykovo pojetí idejí národní problém jednoty c<eskoslovenské (=Přednášky učené společnosti Šafárikovovy v Bratislavě 1, Bratislava 1935)

63. Vgl. dazu die Begrüßungsformeln und Festansprachen bei Jan Halla, Prezident medzi námi. Benes< Slovensku - Slovensko Benešovi ("Der Präsident unter uns. Beneš der Slowakei und die Slowakei Beneš") (Praha/Bratislava 1936).
64. Vgl. dazu Halla, Masaryk.
65. zit. bei Halla, Masaryk 81.

66. Zit. bei ebenda 81
67. Zit. bei ebenda 83