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Edmund de WAAL: Der Hase mit den Bernsteinaugen#

Edmund de WAAL: Der Hase mit den Bernsteinaugen, dtv, 2020 / Rezension von Guenther Johann

Edmund de WAAL: Der Hase mit den Bernsteinaugen
Edmund de WAAL: Der Hase mit den Bernsteinaugen

WAAL de, Edmund: „Der Hase mit den Bernsteinaugen“, München 2020

In den ersten 100 Seiten findet man sich als Leser schwer zurecht. Es geht um Netsuke, kleine japanische Figuren. Viele Leser wissen gar nicht, dass es diese gibt. Der Autor entpuppt sich als Experte und kann viel darüber erzählen. Man fühlt sich fast erschlagen von diesen Informationen. Der Autor weiß wie es so einem Leser geht, wenn er auf Seite 281 sagt „man empfindet, wenn man eine Seite umblättert und bemerkt, dass man liest, ohne zu verstehen. Man muss zurückblättern und von vorn beginnen, und die Worte scheinen noch unvertrauter und klingen seltsam im Kopf.“ (Seite 281) Diesen Ratschlag empfehle ich beim Lesen, denn das Buch wird zunehmend spannend und verständlich. Da ist es dann wert die ersten Seiten nochmals zu lesen und letztlich auch zu verstehen. Die in den vorderen Seiten geschriebenen Worte werden verständlich und nicht wie der Autor sagt „noch unvertrauter“.

Jedenfalls stellen die Netsuke, diese japanischen kleinen Figuren, den roten Faden durch das Buch und die Familiengeschichte dar.

Der Autor ist selbst auch handelnde Person in dieser Familiensaga. Er, der jüngste der Familie, machte sich auf den Weg, um das Leben seiner Vorfahren zu erkunden und letztlich auch in diesem Buch festzuhalten. Die Familiendynastie der Ephrussi hat ihren Ursprung in der Ukraine als bekanntes und anerkanntes Handelsunternehmen mit dem Schwerpunkt auf Weizen. Dann expandierte das Unternehmen und schuf Aussenstellen in London, Wien und Paris. Verschiedene Familienmitglieder übersiedelten nach Wien und Paris und kamen auch dort zu Wohlstand und Ansehen. Als sie 1863 nach Wien kamen lebten hier etwa achttausend Juden. 1867 gab der österreichische Kaiser den Juden das Bürgerrecht und 1890 lebten bereits 118000 Juden in Wien.

Da es sich um eine jüdische Familie handelt, ging im Dritten Reich alles verloren. Die Ephrussis waren sehr reich und den Rothschilds ebenbürdig. „1914, vor dem Krieg, hatte Viktor ein Vermögen von fünfundzwanzig Millionen Kronen besessen, etliche Häuser in ganz Wien, das Palais Ephrussi, eine Sammlung Alter Meister und ein Jahreseinkommen von etlichen hunderttausend Kronen. Das entspricht grob geschätzt mehr als dreihundert Millionen Euro.“ (Seite 212) Alle mussten wieder von vorne beginnen. Sie flüchteten und siedlten sich in England, Mexiko und New York an. Nur die Netsuke blieben, weil sie das Dienstmädchen Anna vor den Nazis in ihrer Schürzentasche entführte und in ihrer Matratze versteckte. In den 50er Jahren kamen sie im Koffer eines Onkels nach Japan. Von dort erbte sie der Neffe und Buchautor und verwendete sie als Leitfaden für das vorliegende Buch.

Der Autor ist ein de Waal. Sein Großvater heiratete Elisabeth, die Großmutter des Autors. Er ist es, der mit Hilfe seines Vaters und seines in Tokio wohnenden Onkels das Familienleben wieder aufrollt. Er fährt nach Paris, in die Ukraine und nach Japan um nachzuforschen. Am Ende seiner Besichtigungstour kam er nach Odessa, wo die Macht des Clans begann. Hier muss er resümierend feststellen, dass seine Vorfahren nicht geflüchtet sind. Hier gab es alles an Kultur, was sie auch in Wien und Paris erlebten. Trotzdem waren sie globale Menschen. „Charles starb als Russe in Paris. Virktor hielt das für falsch; er war 50 Jahre lang ein Russe in Wien, dann Österreicher, dann Bürger des Deutschen Reiches, dann staatenlos. Elisabeth behielt 50 Jahre lang in England die niederländische Staatsbürgerschaft. Und Iggie war Österreicher, dann Amerikaner, dann ein in Japan lebender Österreicher.“ (Seite 325) Der Onkel Iggie war eine Fundquelle für Edmunds Familienforschung. Iggie war erst in Japan sesshaft geworden. „Er war zweiundvierzig, hatte in Wien, Frankfurt, Paris, New York und Hollywood gelebt, war mit der Armee durch Frankreich nach Deutschland gezogen …“ (Seite 302) Durch die Beschreibung dieses Onkels erfährt man auch von der Situation Japans nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Land ausgebombt und von den Amerikanern besetzt war.

Großmutter Elisabeth war eine der ersten weiblichen Jurastudentinnen an der Universität Wien. Ihr Fachwissen setzte sie für die Wiedergutmachung ihrer Familie ein. Wenige Jahre nach dem Krieg war sie die erste der Familie, die nach Wien kam. Sie erzählt, wie schwierig es war von der österreichischen Regierung anerkannt zu werden. Wie man mit ehemaligen Nazis umging und wie man Juden nicht zurück haben wollte enttäuschte sie. „Die nach dem Krieg neu errichtete demokratische Republik Österreich amnestierte 1948 neunzig Prozent der NSDAP Mitglieder, 1957 auch Angehörige der SS und Gestapo“. (Seite 285) Das Vermögen der Ephrussis kam nur in kleinen Schritten und wurde sofort in das Notwendigste für die Familien, wie Schulgeld, gesteckt. Als sie ihr Elternhaus, das Palais gegenüber der Votivkirche besuchte, war dort eine amerikanische Militärbehörde untergebracht. Gegen eine geringe Abstandszahlung verzichteten sie auf weitere Ansprüche.

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