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Noam Chomsky: Kampf oder Untergang#

Noam Chomsky: Kampf oder Untergang / Warum wir gegen die Herren der Menschheit aufstehen müssen, Westend, 2018

Noam Chomsky: Kampf oder Untergang
Noam Chomsky: Kampf oder Untergang

Chomsky war während seiner Zeit als aktiver Professor am MIT einer der führenden Linguisten der Welt. Ich selbst beschäftigte mich mit formalen Sprachen, und hatte daher viel mit Konzepten die von ihm stammten wie „context free languages“ oder „die Chomsky Hierarchie“ zu tun. Schon während der Zeit als Professor wandte er sich aber als ganz linker Intellektueller immer mehr politischen Fragen zu.

Auf der Rückseite des gegenständlichen Buches steht u.a. „Chomsky spricht mit dem Journalisten E. Feroz über die großen Fragen wie: „Warum herrscht auf unserer Welt weiterhin so viel Ungleichheit? Warum begehren die 99 % nicht gegen die Eliten, die „Herren der Menschheit“ auf? Steht die Menschheit am Rande der Selbstauslöschung?“

Liest man diese Sätze, dann ist man überzeugt, das Buch lesen zu müssen… und man wird auf allen Linien enttäuscht. Das Büchlein mit knapp 190 Seiten beschreibt nach einer Einleitung wie der 90 jährige Chomsky heute in Tucson (nähe mexikanische Grenze lebt), spricht dann über „Imperialismus, Krieg und Fluchtursachen“ (30 Seiten) widmet Donald Trump aber 45 Seiten, der Rolle der Religion 22, dass man trotz aller Probleme Optimist bleiben soll und kann 41 Seiten und dem Haupthema des Buches „Wie wir die Herren der Menschheit das Fürchten lernen“ ganze 4 Seiten, ohne Ansätze, wie man vorgehen sollte, oder wie man die Ungleichheit bekämpfen sollte.

Alle Kapitel beginnen mit 2-3 Seiten Einleitung und bestehen dann aus langweiligen offensichtlichen Fragen die ohne viel Phantasie und neuen Ideen beantwortet werden.

Es gibt nur ganz wenige Stellen, die ein bisschen Neues bringen. Von interessanten Minindetails, dass einige Menschen in der Wüste von Arizona Flaschen mit Wasser vergraben, damit etwaige aus Mexiko Flüchtende nicht verdursten, bis zu der Tatsache, dass Chomsky lange vor der Wahl gegen Trump und für Clinton auftrat (obwohl Clinton das verhasste kapitalistische Lager vertrat), aber er sah sie als das kleinere Übel und nahm dem Milliardär Trump einfach seine Versprechen, den einfachen Menschen zu helfen nicht ab…und hatte damit natürlich Recht. Denn von „Amerika first“ profitieren kaum die ärmeren Teile der Bevölkerung, sondern Wirtschaft und Industrie. Er erwähnt den Flüchtlingsstrom aus dem Süden, der „von den USA hervorgerufen wurde, weil man linksliberale Regierunge- etwa in Chile- stürzte, um kapitalistisch orientierte (Pseudo) Diktaturen zu schaffen.“ Wie andere schließt dabei Chomsky mir scheint beide Augen, wie es auch in Europa oft geschieht: der Flüchtlingsstrom hat mit der lokalen Politik nur am Rande zu tun, wohl aber mit den Tatsachen, dass (a) Menschen in den ärmeren Ländern durch die Massenmedien erfahren, dass man in den USA (bei uns: in Europa) besser leben kann als im Heimatland; und (b) dass das Bevölkerungswachstum so dramatisch ist, dass damit fast zwangsweise Platz- und Ressourcenmangel (Armut) entstehen muss. Ich liste nachstehend die meisten der Länder südlich der USA mit drei Zahlen in Klammern: die erste ist die Bevölkerungszahl 1950, die zweite heute (jeweils in Millionen) und die dritte, das ungefähr entsprechende prozentuelle Wachstum in dieser Zeit.

Guatemala (3 ; 18 ; 500 %), Honduras (1,5 ; 10 ; 600 %), El Salavador (2 ; 6,5 ; 220 %), Nicaragua (1 ; 6 ; 500 %), Costa Rica (1 ; 5 ; 400 %), Panama (0,8 ; 4 ; 300 %), Kolumbien (12 ; 46 ; 280 %), Venezuela (5,5 ; 32 ; 500), Ecuador (3,8 ; 17; 320 %), Peru (7 ; 32; 350 %), Bolivien (3 ; 11; 280 %), Chile (6 ; 18; 200 %)

Die Bevölkerung ist also in all diesen Ländern um mindestens 200% gewachsen, in einigen sogar um bis zu 500%. Vergleichen wir das mit Österreich: (7; 8; 15%).

Das Bevölkerungswachstum ist also in den Ländern südlich der USA bis zu fast 45-fach so schnell gewachsen als in Österreich. Und es gibt in Österreich viele Menschen, die sich über den steigenden Verkehr, das wachsende Zubetonieren, die Verschlechterung der Luftqualität, usw. bereits beschweren!

Wundert es dann, dass bei noch viel stärkerem Bevölkerungswachstum Unzufriedenheit entsteht und jeder der kann versucht in ein Land mit günstigeren Verhältnissen zu kommen? Für die südlich der USA gelegenen Staaten ist das angestrebte Land eben die USA, für die Länder in Afrika (die ein ähnlich dramatisches Bevölkerungswachstum aufweisen) natürlich Europa. Stephen Smith schreibt darüber sehr deutlich, zusammenfassend „ Am Ende bleibt der Ansturm von Menschen auf Europa unvermeidlich“ … und das nicht in erster Linie wegen der politischen Verhältnisse.

Eine meine „ceterum censeo“ Aussagen ist es eben: viele Problem dieser Welt sind durch das ungebremste Bevölkerungswachstum ausgelöst. 1900 lebten auf dieser Welt 1 Milliarde Menschen, heut sind es fast 8 Milliarden… und viel Probleme (Energie, Luftverschmutzung, Migrationsbewegungen, ...) werden durch diese Bevölkerungszunahme ungemein verstärkt. Siehe dazu auch den Beitrag zur "Bevökerungsbombe.

Natürlich hat Chomsky Recht, wenn er von einer zunehmenden ungleichen Verteilung des Reichtums schreibt, und diese Entwicklung entweder geändert werden muss oder früher oder später zu einer gewaltigen Revolution führen wird. Nur belegt Chomsky das weder mit Zahlen, noch macht er Vorschläge, wie man eine Veränderung vielleicht erreichen könnte.

Es ist bedauerlich, dass ein so bekannter und erfolgreicher Mann seinen Namen für ein Buch hergibt, das ihm sicher nicht zur Ehre gereicht.

Ich hoffe es wird gelingen, einen Beitrag für das Austria-Forum zu erstellen in dem mehrere Ideen zur Bekämpfung der Ungleichheit vorgestellt werden. Auf einen solchen Beitrag wird dann von hier verlinkt werden. Für alle, die sich für konkrete Zahlen zur ungleichen Verteilung des Reichtums interessieren sei auf das Buch „Die weltweite Ungleichheit- Der World Inequality Report 2018“ hingewiesen, dem eine eigene kurze Besprechung gewidmet ist.

Aber vielleicht reicht auch nur eine isoliert Aussage vom Jänner 2019, um das Nachdenken anzuregen: Dieter Zetschke von Daimler verdient mit 7,7 Millionnen Euro im Jahr 101 Mal (!) mehr als der durchschnittliche Angestellte! Ein Fabian Kienbau (von der renommierten Personalberatung Kienbaum) meint dazu : "Diese Schere ist auseinandergelaufen und wir müssen aufpassen, dass sie nicht weiter auseinandergeht. Sonst geht der gesellschaftliche Rückhalt verloren."