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Stefan Ripplinger: Vergebliche Kunst#

Stefan Ripplinger: Vergebliche Kunst, Matthes & Seitz, 2016 / Rezension von Krusche Martin

Stefan Ripplinger: Vergebliche Kunst
Stefan Ripplinger: Vergebliche Kunst

Intrada#

Wie verhält sich die Kunst zum Publikum und wie zum Markt? Woran will man sie erkennen? Was ist das überhaupt, Kunst? Und wozu brauchen wir so was? Ich werde mir nicht darüber klar, ob das eine ewige Klamotte ist oder ein wahrhaftiges Ringen um einen wichtigen Aspekt der Conditio humana. Oft kommen mir gängige Mitteilungen zum Thema banal und abschätzig vor. Wozu also diese Bemühungen um Klärung? Ich bin selbst ohne noble Distanz zur Sache, tief verstrickt und von allerhand Zumutungen irritiert, die einen in diesen Fragen erreichen können. Eine der ältesten Dreistigkeiten aus solchen Abteilungen realitätshungriger Verwalter des Lebens ist die Botschaft: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Machtpragmatiker oder deren Personal.

Sie meinen, ich schweife ab? Nein, ich versuche bloß, ein Kontrastmittel einzurichten, das anschaulicher macht, worin Kunst und Markt deutlich werden, einander berühren oder sogar ausschließen. Unser aller Erfahrungen besagen: Man kann sich mit der Akkumulation von Geld befassen, um damit den Lauf der Dinge zu beeinflussen, man kann zu einem ähnlichen Zweck auf immaterielle Mittel setzen. Auch Mischformen bewähren sich.

Also zur Sache!#

Möglicherweise sind Kunstwerke Medien, um zwischen diesen beiden Optionen zu vermitteln. Mit ihnen läßt sich Kapital im marktwirtschaftlichen Sinn bewegen, aber sie sind auch Belege für menschliche Sinnproduktion, für Bedeutungsarbeit. Ich habe mir diese gedanklichen Umwege geleistet, um auf einen sehr anregenden Essay zu verweisen, den mir Künstler Günther Pedrotti empfohlen hat, der auf knapp hundert Seiten Platz hat. Und zwar in einem sehr handfreundlichen Format. Ich erwähne das, weil ich dieses Büchlein eben wegen seiner auffallenden Handlichkeit vermessen habe. Das ergab rund 9 x 18 Zentimeter, also ein Verhältnis von 1:2. Halten Sie es ruhig für eine unbedeutende Nebensache. Ich bin immer wieder erstaunt, welche hintergründigen Wirkungen Nuancen haben.

Aber die Kunst! Ripplinger gönnt sich ein kleines Wortspiel, lockt einen mit dem Titel „Vergebliche Kunst“ erst auf die falsche Fährte. Vergeblich wird gerne als „umsonst“ im Sinne von nutzlos verstanden. Aber es kommt anders. Der Autor verweist darauf, daß die Kunst zuerst einmal weder Dienstleistung noch Produktion sei, also im ökonomischen Sinn unproduktiv. Dagegen habe das Kunstwerk „allein auf dem Markt eine Existenzberechtigung“.

Das ist gegen den ganzen Schwampf und die Betulichkeit angeschrieben, mit denen Kunstwerke gerne umnebelt werden, wenn sich Menschen in großen Posen hervortun möchten. Ripplinger wird noch deutlicher: „Seit wenigstens 200 Jahren bestimmt der Markt und nicht die Form, was Werk ist und wie das Werk aussieht.“ Wir kennen das auch aus anderen Lebenszusammenhängen. Wie gerne doch Politik und Ökonomie bestimmen, was die Ding seien. Das gelingt vorzüglich, wo wir ihrem Personal nicht angemessen widersprechen.

Widerspruch muß bedeuten: Nennen Sie ihre Gründe! Wer sich freilich keine Kriterien erarbeitet hat, keine Gründe zu nennen weiß, muß statt dessen lamentieren und schimpfen. Auch das kennen wir prinzipiell aus so gut wie allen Lebensbereichen.

Ripplinger bleibt unaufgeregt grausam, rüttelt den betulichen Wesen allen Staub aus ihren bunten Mäntelchen: „Indem die Künstler zu Vermarktern werden, lösen sie auf, was sie schufen. Kunst verliert sich in der Ware.“ Ich glaube, man könne aus ihm einen vorzüglichen Buddhisten machen. Unbeirrbar legt er nach: „Denn sobald Kunst auf den Markt kommt, wird sie Nummer, Preis und Ausschuss.“

Ich weiß schon, wie ihm da nun gerne die Falschen applaudieren möchten, jene von erhabenen Schauern geschüttelten Spießer, die den Künstlern jeglichen Gelderwerb als eine Entwertung ihrer Kunstwerke vorwerfen. Sie würden sich diese Berufsgruppe gerne als moralische Haustiere halten, zuständig für Bedürfnislosigkeit und Edelmut. Das ist natürlich Mumpitz und Ripplinger produziert keine Munition für solche Rangkämpfe.

Er trennt bloß, was soziale und ökonomische Kategorien sind; im Vergleich zu Kategorien der Kunst. „Vergeblichkeit ist das Misslingen der Kunst und unseres Lebens, ökonomisch betrachtet.“

War das nun klarer? Also nicht der Appell zum Verzicht auf materiellen Profit, den man anderen Leuten zuschickt, sondern die ganz nüchterne Feststellung, daß Kunst und Leben eigentlich in Geldwerten nicht sehr aussagekräftig zu bemessen sind. (Da müßten wir schon etwas Richtung Transzendenz gehen.) Und mehrfach diese kleinen Hinweise auf das scheinheilige Delegationsgeschäft: „Gesellschaftliches Scheitern soll dem Künstler zur Zierde gereichen…“

Das sind außerdem Nebenschauplätze der Fragen zur Kunst. Ripplinger konstatiert: „Die vergebliche Kunst belohnt sich nicht selbst. Die Kunst ist vergeblich, wenn ein Künstler oder ein Künstlerin etwas geben will, doch niemandem etwas gibt. Sie ist vergeblich, wenn sie eine Mühe vergelten soll, aber nicht vergilt.“

Ich mag diese konsequente Entzauberung, die Ripplinger hier anbietet, sehr. Was immer die Kunst sei, möge erst einmal aus diversen Geschäftsmodellen herausgenommen werden. Ein Befreien von Zwecken, die außerhalb der Kunst liegen. Dieses kleinliche Gefeilsche um große Bedeutungen lenkt nämlich bloß ab. Wie reizbar und streitlustig wir Menschen da sind, illustrierte Sozialwissenschafter Gunnar Heinsohn einmal mit der lapidaren Feststellung: „Um Brot wird gebettelt, um Rang wird geschossen.“

All dieser Ehrgeiz diese Aufgeregtheit, diese Umtriebigkeit. Wie sehr mir solches Getue auf die Nerven geht. Wie wohltuend Ripplingers Ausführungen. „Was so stolz und selbstbewußt daherkommt, ist tatsächlich bloß Unterwerfung.“

Also rein ins Essentiellere, wo sich nichts mehr beweisen läßt, wo man auf andere Arten Klarheit findet oder auch nicht. Ripplinger: „Die vergebliche Kunst kann unsere vergebliche Existenz erhellen, gerade indem sie sie bestätigt.“ Sie merken schon, da ist die Kunst auf einmal nicht mehr als gesellschaftliche Reparaturanstalt verfügbar, wahlweise als Cash Cow oder als Zentralbüro für Definitionshoheit. Da muß man sich schon an sich selbst abgearbeitet haben, um einen entspannten Umgang mit dem Thema zu erreichen.

Ich finde es sehr amüsant und anregend, über Kunst nachzudenken, nachdem man ihr den ganzen bidlungsbürgerlichen Dekor und Plunder ein wenig runtergeräumt hat, um herauszufinden, womit man es da eventuell zu tun bekommt; nämlich mit einer kraftvollen Facette der Conditio humana. Nicht mehr. Nicht weniger.