Gans'l Zeit is es#

von Christa Chorherr

Woher kommt das nur, dass wir um diese Jahreszeit so gerne Gänse essen?

Mir fallen die kapitolinischen Gänse ein: Nach der Stadtgeschichte des Livius retteten die heiligen Gänse des Iuno-Heiligtums die Stadt im Jahre 387 v. Chr. vor einer gallischen Erstürmung, indem sie den nächtlichen Angriff bemerkten und die Römer mit ihrem Geschnatter aufweckten. Da wir dazu aber keine Jahreszeit kennen, ist es unwahrscheinlich, dass wir unser Ganslessen den kapitolinischen Gänsen verdanken. Die Darstellung dieser aufgeregten Gänse kann man noch auf Resten des Tempels der Juno Moneta auf dem Kapitol in Rom sehen.

Auch von dem Grimm’schen Märchen „Die Gänsemagd“ wird es wohl kaum kommen:

Eine Königin, deren Mann vor langer Zeit gestorben ist, schickt ihre einzige Tochter weit fort zur Hochzeit mit einem Königssohn. Sie gibt ihr eine Magd mit, ein sprechendes Pferd namens Falada und als Reisetalisman ein Tuch mit drei Tropfen von ihrem Blut. Die Tochter verliert dieses Tuch aber, als sie sich über einen Bach beugen muss, weil die Magd sich weigert, ihr mit dem goldenen Becher Wasser zu reichen. Die Magd zwingt die Prinzessin sogar, die Pferde und Kleider zu tauschen und lässt sie anschließend schwören, keinem Menschen davon zu erzählen. All das duldet die Prinzessin demütig. Als sie in vertauschten Rollen beim Schloss ankommen, empfängt der Prinz die Magd als seine Braut, und der alte König schickt die Königstochter mit einem kleinen Jungen namens Kürdchen zum Gänsehüten. Dem Pferd Falada lässt die falsche Braut den Kopf abhacken, weil sie fürchtet, von ihm verraten zu werden, aber auf Bitten der Königstochter nagelt der Schlachter den Kopf unter das Tor, durch das sie und Kürdchen täglich mit den Gänsen gehen. Dort redet die Prinzessin jedes Mal im Vorbeigehen mit dem Pferdekopf, der sie mit „Jungfer Königin“ anspricht. Auf der Gänsewiese öffnet sie ihre goldglänzenden Haare, um sie neu zu flechten, und Kürdchen versucht, ihr ein paar Haare auszuraufen. Aber sie spricht einen Zauberspruch, mit dem sie einen Windstoß herbeiruft, der dem Kürdchen das Hütchen vom Kopf weht. Er muss ihm nachlaufen, und bis er zurückkommt, ist sie mit der Frisur fertig. Kürdchen beschwert sich beim König, und der beobachtet die beiden nun heimlich am folgenden Tag, findet auch alles wie von Kürdchen berichtet. Am Abend nimmt er die Königstochter beiseite und verlangt eine Erklärung. Aber sie weigert sich zu sprechen mit Hinweis auf den geleisteten Schwur. Da lässt der König sie dem Ofen ihr Leid klagen und belauscht sie dabei unbemerkt. Der Königssohn erfährt die Wahrheit. Der König lässt die falsche Braut ihr eigenes Urteil sprechen, und sie wird in einem mit Nägeln beschlagenen Fass zu Tode geschleift. Eine prächtige Hochzeit wird gefeiert.

Dieses Märchen hat mich als Kind eher verstört, diesen an das Tor angenagelte Pferdekopf, der noch dazu spricht, den habe ich eher gefürchtet – und auch die Todesart dieser Gänsemagd wollte ich mir eher nicht vorstellen.

Also eher schon vom Heiligen Martin, den wir am 11.11. feiern, und der der Patron des Bugendlandes ist:

Ab 334 war Martin als Soldat der Reiterei der Kaiserlichen Garde in Amiens stationiert. Die Gardisten trugen über dem Panzer die Chlamys, einen weißen Überwurf aus zwei Teilen, der im oberen Bereich mit Schaffell gefüttert war. In nahezu allen künstlerischen Darstellungen wird er allerdings mit einem roten Offiziersmantel abgebildet. An einem Tag im Winter begegnete Martin am Stadttor von Amiens einem armen, unbekleideten Mann. Außer seinen Waffen und seinem Militärmantel trug Martin nichts bei sich. In einer barmherzigen Tat teilte er seinen Mantel mit dem Schwert und gab eine Hälfte dem Armen. In der folgenden Nacht sei ihm dann im Traum Christus erschienen, bekleidet mit dem halben Mantel, den Martin dem Bettler gegeben hatte.

Bald entstanden etliche Legenden mit Erzählungen von Wundern Martins. So wurden ihm beispielsweise Totenerweckungen zugeschrieben. Eine weitere Überlieferung besagt, dass Martin im Jahr 371 in der Stadt Tours von den Einwohnern zum Bischof ernannt werden sollte. Martin, der sich des Amtes unwürdig empfand, habe sich in einem Gänsestall versteckt. Die aufgeregt schnatternden Gänse verrieten aber seine Anwesenheit, und er musste das Bischofsamt annehmen. Davon leitet sich angeblich auch der Brauch ab, am Fest des Heiligen eine Martinsgans zuzubereiten.

Selbst bei Joseph Victor von Scheffel kommt „Die Martinsgans“ vor und zwar in den oft gesungenen Gaudeamus! Lieder aus dem Engeren und Weiteren.

Mir schmecken zwar die Beilagen zum Gansl fast besser als die Gans selbst, die meist ziemlich fett und auch zäh und fasrig sein kann. In unserer Familie ist einmal eine Weihnachtsgans eher zäh gewesen, das war dann schon ein Malheur, aber hinterher wurde das Vieh faschiert und am nächsten Tag gab es köstliche Gänselaberln. Von den Beilagen schmecken mir das Rotkraut und der Krautsalat am besten.

„Ganslessen“ war auch ein fixes „Bürofest“. Der Vater eines Kollegen betrieb ein Wirtshaus im neunten Bezirk, und dorthin gingen wir dann gemeinsam um einige Martinigänse zu verzehren. Das geschah auch noch eine Weile, nachdem diese „Abteilung“ wieder einmal durch Reorganisationen, Pensionen, Kündigungen etc. auseinandergerissen worden war. Man freut sich, die alten vertrauten Kollegen wieder zu sehen und dabei ein köstliches Gansl zu essen.

Wenn’s um Selbermachen geht,umgehe ich lieber die Gans– und mache eine Ente.