Wiener G‘schichten#

Von Christa Chorherr

Immer, wenn man nach Süden fährt oder vom Süden nach Wien kommt, passiert man zwei bemerkenswerten Bauwerke, die man wahrscheinlich, aufgrund des Verkehrs wenig beachtet. Auf der einen Seite der Wiener Wasserturm, eines der markantesten Bauwerke im Stil des industriellen Historismus, auf der anderen Seite die Spinnerin am Kreuz, eine gotische Steinsäule aus dem 15. Jahrhundert.

Dieses auf dem Wienerberg gelegene Wahrzeichen „Spinnerin am Kreuz“ war in vergangenen Jahrhunderten weithin sichtbar. Im Mittelalter hatte man, von Süden kommend, von diesem Punkt aus den ersten Blick auf die Stadt Wien. Das Wiener Stadtrecht von 1296 erwähnt bereits „ain stainern kreuch ob meurling“, mit dem der Vorgänger des heutigen Tabernakelpfeilers gemeint sein dürfte. 1446 wurde dieses ältere Bauwerk durch Scharen des János Hunyadi zerstört. In ihrer heutigen Form wurde die Säule 1452 von einem Dombaumeister des Stephansdomes, Hans Puchsbaum wiedererrichtet. Mehrmals zerstört und wiederaufgebaut, erinnert sie an eine Sage: „Ein frisch vermähltes Paar musste sich trennen, weil sich der Mann auf einen Kreuzzug begab. Die junge Frau begleitete ihn bis zum Wienerberg, an einem Ort wo ein großes Holzkreuz stand. Die Frau kaufte sich einen Spinnrocken und verbrachte Tag für Tag am Holzkreuz und spann. Sie kam auf die Idee, anstelle des einfachen Holzkreuzes eine Steinsäule errichten zulassen und bis diese fertig sei, würde auch ihr Mann zurückkommen. Das Denkmal wurde fertig, doch ihr Mann kam nicht zurück. Drei Jahre später saß die Frau noch immer dort und wurde nur noch die “Spinnerin am Kreuz“ genannt. Bei der Rückkehr der Kreuzfahrer war ihr Mann anfangs nicht unter ihnen, am Abend kam jedoch ein Mann den Berg hinauf, mit langem Bart und auf einem Stock gestützt. Das Paar erkannte sich wieder und mit dem fleißig verdienten Geld der Frau konnte das Ehepaar glücklich bis an sein Lebensende zusammenbleiben.“

Diese Sage ist auf der Säule nicht abgebildet, sondern figural dargestellt sind die christlichen Motive der Kreuzigung, Geißelung, Dornenkrönung und Ecce homo. Dennoch steht für mich dieses Denkmal für eheliche Treue und Zuneigung.

Und das andere Monument: es steht für mich ebenso für Zuneigung – eines Kaisers zu seinem Volk. Denn das Wasser, das ihm so gut schmeckte, sollte auch seinem Volk zukommen: Der Kaiser Franz Joseph I. ließ über die erste Wiener Hochquellwasserleitung Wien mit Wasser aus dem Rax / Schneeberggebiet versorgen. Dieses Gebiet war seine Sommerresidenz und das Wasser schmeckte ihm sehr gut. Er ließ es zunächst mit Wasserreiter nach Wien bringen. Später wollte er ganz Wien damit versorgen. Die Eröffnung der 1. Wiener Hochquellwasserleitung war nach vierjähriger Bauzeit im Jahr 1873, wo zunächst nur das Wasserwerk Rosenhügel und erst 1899 das Wasserhebewerk Favoriten (Wasserturm) angeschlossen war. Durch die 1. Wiener Wasserleitung gingen die Krankheiten in Wien stark zurück.

Der Wasserturm in Favoriten war 1898/99 errichtet worden und versorgte die hoch gelegenen Gebiete des 10. und 12. Bezirks mit Trinkwasser. Diese Aufgabe übernahm wenige Jahre später die II. Wiener Hochquellenleitung, die 1910 in Betrieb genommen wurde. Sie bringt Trinkwasser aus dem Hochschwabgebiet in der Steiermark nach Wien. Ab dieser Zeit war der Turm nur fallweise in Betrieb, etwa wenn die II. Hochquellenleitung für Instandhaltungsarbeiten trockengelegt werden musste. Ab 1956 wurde der Wasserturm nicht mehr für die Wasserversorgung genützt.

Der Wasserturm ist heute denkmalgeschützt. Ein Teil des Baumaterials kam aus Kaisersteinbruch, harter Kaiserstein aus dem Hausbruch und Neukaiserstein aus dem Kapellenbruch. Der Turm war Teil eines größeren Gebäudekomplexes. Der Wasserturm hat eine Gesamthöhe von 67 Metern (inklusive Wetterstange). Der Stahlblechbehälter im Inneren des Turmes kann rund 1.000 Kubikmeter Wasser speichern und ruht auf einem Mauerzylinder in 25 Metern Höhe. Der Aufstieg im Inneren des Wasserturmes führt entlang der Mauer über eine 203 Meter lange spiralförmig angelegte Rampe. Auf der Höhe der Laterne, 48 Meter über dem Gelände, befindet sich auf der Gebäudeaußenseite ein Rundgang mit einem Meter Breite.

Zur Zeit des Baus des Wasserturms wies Wien ein außerordentlich starkes Bevölkerungswachstum und damit einen stetig wachsenden Trinkwasserverbrauch auf. Beim Bau der großen Repräsentativbauten an der Ringstraße wie dem Rathaus oder der Votivkirche kamen vielfach Facharbeiter aus dem Friaul und der Provinz Belluno zu Einsatz. Sie wanderten häufig auf zweirädrigen Karren zu, auf denen sich ihr Arbeitsgerät befand und welche sie auch zum Abtransport des Aushubs nutzten. Angeführt von einem sprachkundigen Vorarbeiter, dem „Capo Lavoro“ oder „Padrone“, wurden die meist geringen Arbeitslöhne, Unterkunft und die Verpflegung ausgehandelt. Die Umsetzung des Bauprojektes allerdings erforderte nicht nur den Einsatz unzähliger Arbeiter, sondern auch Unmengen von Ziegeln. Dafür zuständig waren die so genannten „Ziegelbehm“. Das waren jene Arbeiter und Arbeiterinnen aus Böhmen und Mähren, die als Ziegelschläger in den Wienerberger Ziegelwerken tätig waren. Auch hier herrschten heute unvorstellbare Arbeits- und Lebensumstände.

Seit 1956 wurde der Wasserturm nicht mehr zur Wasserversorgung genutzt. Eine Generalsanierung des Wahrzeichens erfolgte in den Jahren 1988 bis 1990. Das Innere des Turms wird als Raum für Ausstellungen auch zum Thema Wasser oder andere Veranstaltungen genutzt. Heute kann der Turm an bestimmten Tagen besichtigt werden. Zuletzt via Wendeltreppe in der Mitte des Kegeldachs gelangt man auf 48 m Höhe und hat von einem Rundgang, der außenliegend oberhalb des Kegeldachs um die Laterne führt, einen guten Ausblick auf die Stadt. Auf dem Gelände um den Turms wurde der Wasserspielplatz Wasserturm eingerichtet, auf dem zuweilen Wasserfeste für Kinder gefeiert wurde.

Wenn Sie also demnächst die Triester Straße hinauf oder hinunter fahren, werfen Sie – während einer Rotlichtphase – einen Blick auf diese beiden signifikanten Monumente und erinnern Sie sich wofür sie auch stehen: für Zuneigung einer Frau zu ihrem Mann und eines Kaisers zu seinem Volk. Hehre Tugenden, aber das sagt man heute wohl nicht mehr.