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Reinhard Kriechbaum: Borstenvieh und Donauwalzer#

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Reinhard Kriechbaum: Borstenvieh und Donauwalzer. Geschichten und Bräuche rund um den Jahreswechsel. Verlag Anton Pustet Salzburg 2017. 240 S., ill., € 19,95

Wer sich nach dem Motto "unterhalten und lernen" über Salzburger und österreichische Bräuche informieren will, ist bei Reinhard Kriechbaum an der richtigen Adresse. Der studierte Volkskundler und Herausgeber des beliebten Kultur-Qualitätsmediums "Drehpunktkultur" hat in den vergangenen Jahren im Verlag Anton Pustet eine Reihe einschlägiger Bücher präsentiert: Weihnachtsbräuche in Österreich (2010),Scheller, Schleicher, Maibaumkraxler (2012) und Hochzeitslader, Krapfenschnapper, Seitelpfeifer (2013). Das jüngste, 2016, im Rupertus-Verlag veröffentlichte Buch trägt den schlichten Titel Salzburger Brauch.

Gerade recht vor den Feiertagen kommt nun mit "Borstenvieh und Donauwalzer" etwas Neues auf den Markt. In der Gestaltung - mit vielen trefflichen Bildern - hält sich der Verlag an sein hübsches Büchlein Kleiner Wiener Museumsführer. Das nur postkartengroße Format täuscht. 240 Seiten wären üblicherweise zwar nur halb so viele, würden aber trotzdem eine respektable Publikation ergeben. Reinhard Kriechbaum überschreitet diesmal die Landesgrenzen. In seiner persönlichen Handschrift, die zum Lesen geradezu verlockt, entführt er auch nach Deutschland und in die Schweiz. Wie der Autor einleitend schreibt, war er selbst überrascht " von der Vielzahl der Rituale und Gepflogenheiten, Umzüge und Maskeraden. … Altes, wie es seit Generationen eingebürgert ist, und Neues, das der gegenwärtigen urbanen Betriebsamkeit entspricht, ein bunter Mix, ein Bild unserer Zeit."

Um die Zeit, die Wendezeit um Neujahr, geht es in diesem Buch. Sechs große Abschnitte geben den Rahmen für 60 Beiträge vor. Die ersten sieben handeln von Glückssymbolen: Hufeisen, Marienkäfer, vierblättriger Klee, Schweinchen, Rauchfangkehrerfiguren, Glückspilze und Münzen wurden und werden gerne verschenkt. Rund 10 bis 25 Euro gibt jeder Österreicher dafür aus. Zum Jahreswechsel blüht der sogenannte Aberglaube, und mit ihm die phantasievollen Erklärungen, warum etwas Glück bringen soll. Da kann dann aus dem Marienkäfer schon das "Vögelchen der Freya" und aus dem harmlosen Glücksklee ein Mittel der keltischen Druiden zur "Abschreckung böser Geister" werden. Der Autor zitiert derartige Meinungen gerne und versucht sie zu relativieren, aber wer derartiges gerne liest, kann sich doch bestätigt finden.

"Kalendergeschichten und ein wenig Zeit-Geschichte" ist da schon realitätsbetonter. So erfahrt man Wissenswertes über Kalenderreformen, Schalttage, unterschiedliche Jahresanfänge, ISO 8610 - die Norm, die Schreibweise von Datum und Uhrzeit regelt - oder den steirischen Mandlkalender. Um 1500 erstmals erschienen, zeigt er stilisiert die Tagesheiligen (Mandln) an. Heute erreicht der Mandlkalender als "Kultobjekt" alljährlich eine Auflage von 260.000 Stück. Nicht zu verwechseln ist er mit dem 100-jährigen Kalender aus dem 17. Jahrhundert. Dieser beruht auf den Wetteraufzeichnungen, die der deutsche Zisterzienser-Abt Mauritius Knauer 1652-1658 anstellte. Kritiker meinen, "dass man 300 Jahre lang auf Prophezeiungen schwor, die eigentlich nichts anderes waren als Druckfehler".

Der "Abschied vom alten Jahr" ist vielerorts von Lärm- und Lichtbräuchen begleitet. Bei den Prangerschützen stellt der Autor klar, dass sie nichts mit "Wintergeistern" zu tun haben. Neben den wehrhaften Schützenkompanien gab es auch solche, die nur zu Festen, wie Fronleichnam, Weihnachten oder für Ehrenbezeugungen ausrücken. "Prangerstutzen sind nämlich keine Gewehre, sondern Dinge, mit denen sich bloß Lärm machen lässt. Dafür lautstark und effektvoll." In der Schweizer Stadt Will im Kanton St. Gallen begleiten historisch Uniformierte mit Pauken und Trompeten die Kinder auf ihrem Laternen-Umzug. Der inzwischen vom Tourismus entdeckte Brauch sieht vor, dass während dessen alle elektrischen Beleuchtungen in Wohnungen und Geschäften abgedreht werden. An der Nordsee sind vermummte Heischegänger mit dem Rummelpott als Lärminstrument unterwegs. In der Schweiz wurde der Sozial- und Rügebrauch der "Esu" nach dem Zweiten Weltkrieg wieder belebt, auch dies ist ein Umzug von maskierten Rollenspielern. Diese und andere Bräuche, die auch in ganz Deutschland üblich sind, verweisen auf den nahen Fasching.

"Schlag Mitternacht" ist wörtlich zu nehmen, wenn die Pummerin, die zweitgrößte frei schwingende Kirchenglocke der Welt, ertönt - selbst wenn sie im Getümmel am Silvesterpfad rund um den Wiener Stephansdom kaum zu hören ist. Dann knallen im Freien die Sektkorken und es wird allenthalben auf die Zukunft angestoßen: "Pro sit - es gehe dir gut! " Feuerwerke sind in der ersten Nacht des Jahres nicht wegzudenken. Rund 10.000 Tonnen Feuerwerkskörper sind es allein in Deutschland, wofür 133 Millionen Euro ausgegeben werden. Allerdings mit einem Wermutstropfen. Der Feinstaub steigt dramatisch an und entspricht 15 Prozent der Belastung, die der Straßenverkehr eines Jahres verursacht. Deshalb verzichten manche Städte auf das offizielle große Silvesterfeuerwerk. Über alte und neue Orakelbräuche und "das Wettrennen ums Neujahrsbaby" kann man hier ebenfalls einiges erfahren.

Weitere Bräuche sind im Kapitel "Bloß keinen Kater zu Neujahr!" zusammengefasst, es kommt hier auch keiner vor. Viel mehr geht es um Musik, Neujahrskonzert, Donauwalzer, Glückwünsche schreiende Kinder (im Allgäu), einen Junggesellenumzug in Westfalen, Besuche, Glücksspiele, Speisen und Brauchgebäcke. Eines davon nennt sich "Neujahrsbopp" und ist im Rhein-Main-Gebiet daheim. Das walzenförmige Backwerk hat zwei "Köpfe", für das alte und das neue Jahr, und zwölf Einschnitte (für die Monate).

"Die Nachhut" bildet ein "Sammelsurium von Altem und Neuem". Hier finden die Neujahrsgeschenke Platz, Perchten aller Art, Sternsinger, "Bärzeli" im Schweizer Kanton Aarau oder "Woklapnica" bei den Sorben der Niederlausnitz. Zum guten Schluss geht der Blick noch weiter: nach Asien - wo Licht und die Farbe Rot zu Neujahr eine Rolle spielen und die Feiern zwei Wochen dauern -, in Länder, die dem islamischen Mondkalender folgen - wo sieben glückbringende Speisen auf der Festtagstafel stehen -, und zu den Juden - deren Neujahrsfest Rosch ha-Schana sich im Wunsch "guten Rutsch" wieder findet.

In der Nachbemerkung zeigt sich der Ethnologe Reinhard Kriechbaum von der wissenschaftlich beobachtenden Seite: "Viele Bräuche mögen zwar historisch gleiche Wurzeln haben, aber sie sehen selbst in benachbarten Dörfern anders aus. Wir haben es mit kulturellen Wanderungen, Überschneidungen, lokalen und regionalen Abwandlungen zu tun. … Schien sich die Volkskunde vor einem halben Jahrhundert noch mit einer hoffnungslos gestrigen Materie zu beschäftigen, läuft sie heute den Entwicklungen fast atemlos hinterher. So atemlos, wie es viele Menschen nicht nur in der Silvesternacht tun, wenn sich Tausendschaften den 'öffentlichen Raum' zu eigen machen." Auch die Absage an Bewertungen wie "echt" und "unecht", "richtig" oder "falsch" verdient Lob. Das versöhnt sogar mit den viel zitierten "bösen Geistern".