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Peter Payer : Auf und Ab #

Bild 'Payer'

Peter Payer : Auf und Ab. Eine Kulturgeschichte des Aufzugs in Wien. Mit Fotografien von Christian Tauss und Christian Prinz. Verlag Brandstätter Wien. 150 S., ill., € 34,90

Wien verdankt dem Stadtforscher und Kulturhistoriker Peter Payer eine Reihe beispielgebender Publikationen, wie "Unterwegs in Wien" oder "Quer durch Wien". Die jüngste ist der Kulturgeschichte des Aufzugs gewidmet. In der Bundeshauptstadt fahren 44.000 Lifte und Rolltreppen, 8000 gehören der Stadt Wien, 1000 kommen jedes Jahr dazu. Fast die Hälfte der Aufzüge stammt aus den Jahren 1966 bis 1985, 250 Anlagen sind älter als 100 Jahre.

1869 ließ Baron Johann von Liebig in seinem Palais Ecke Wipplingerstraße/Hoher Markt den ersten modernen Personenaufzug Wiens bauen, 15 Jahre nach der "Geburtsstunde", einer Vorführung im New Yorker Kristallpalast. Als 1870 das Grand Hotel am Kärntner Ring eröffnete, stattete man es mit modernster Technik aus. Die Zeitungen berichteten begeistert vom hydraulischen Aufzug. In den folgenden Jahren galt der Elevator als "technisches Aushängeschild" der Luxushotels. Zur Wiener Weltausstellung 1873 fuhren in deren Wahrzeichen, der Rotunde, zwei "Ascenseurs". 130.000 Besucher ließen sich damit zum Dach der Ausstellungshalle befördern, um den Blick auf die k.k. Reichshaupt-und Residenzstadt zu genießen.

Diese wuchs um die Jahrhundertwende rasant an. Zwischen 1880 und 1910 stieg die Zahl der Gebäude von 12.000 auf 41.000, die Einwohnerzahl überschritt die Zweimillionengrenze. Die Neubauten enthielten sechs bis sieben Geschoße. Man brauchte mehr Aufzüge. Jährlich kamen bis zu 300 dazu, 1913 waren 2586 Anlagen in Betrieb. Dabei legte man auf technische Qualität ebenso Wert wie auf ästhetische. Die Fahrstühle hatten auch soziale Auswirkungen. Sie werteten die Wohnungen in den oberen Stockwerken enorm auf. Allerdings war die Benützung gewöhnungsbedürtig und von Vorschriften begleitet. Die Behörden fürchteten Defekte, die zu Unfällen führen könnten, die Passagiere unangenehme psychische und physische Folgen, wie die der Seekrankheit ähnliche Aufzugskrankheit. Den Literaten Peter Altenberg befiel beim Liftfahren die Klaustrophobie. "Aufzugswärter" wurden als Bedienungspersonal eingeschult, meist übernahm der Hausbesorger gegen Extra-Trinkgeld diese Funktion. Doch war der Liftmann oft nicht zur Stelle, wenn man ihn brauchte. Ab 1900 brachte die Druckknopfsteuerung Abhilfe.

In der Zwischenkriegszeit versuchte sich "Wien als moderne Hochhaus- und demzufolge Aufzugsstadt zu positionieren." Die ersten Projekte wurden nicht realisiert, wie der an Stelle des 1928 abgebrochenen Bürgerversorgungshauses in Wien 9 geplante multifunktionale Gemeindebau. 1932 eröffnete das 16-stöckige Hochhaus in der Herrengasse, das zehn Aufzüge erschlossen. Besondere Beachtung fand der Expresslift zum Restaurant im obersten Geschoß.

Die Nachkriegsjahre standen im Zeichen der "Hochhausmode". Das Paradebeispiel war der 1955 fertiggestellte Ringturm, mit seinen 20 Stockwerken und 73 m "der höchste Profanbau Österreichs". Elf Lifte besorgten den Transport der Angestellten und Besucher. Neun Jahre später gab es einen neuen Rekord, den Donauturm als Wahrzeichen der Wiener Internationalen Gartenschau (WIG 64). Mit 252 m war er der zweithöchste Turm Europas und die beiden Personenlifte sogar die schnellsten. Trotz 100.000 Fahrten jährlich mussten erst nach einem Jahrzehnt Tragseile ausgetauscht werden.

Seit damals kann man von einer "gelifteten Stadt" sprechen. Neue Häuser und unterirdische Verkehrsbauwerke wurden selbstverständlich mit Aufzügen ausgestattet, Gemeindebauten damit modernisiert. Seit 2014 ist der DC-Tower mit 250 m und 60 Stockwerken "Spitzenreiter". In dem Wolkenkratzer verkehren 29 Aufzüge, die mit 8 m/sek. (29 km/h) die schnellsten Österreichs sind. Herkömmliche Wohnhausaufzüge fahren 1 m/sek. Bis zu 17 m/sek (61 m/h) sind "ohne nennenswerte Beeinträchtigung der Fahrgäste möglich".

Nachdem der Autor in gewohnt kompetenter Weise Firmengeschichten beleuchtet und einen Ausblick in die Zukunft eröffnet hat, widmet er sich den Rolltreppen und Paternosteraufzügen. Um die Jahrhundertwende waren die neu entstandenen Kaufhäuser die Ersten, die Rolltreppen installierten, in Wien Gerngroß, 1904. In den 1950er Jahren wurden vor allem Verkehrsbauwerke, wie die Opernpassage, mit Fahrtreppen bestückt. Derzeit sind es rund 1000, die längste mit 53 m in der U3-Station Zippererstraße.

Fast ausgestorben sind hingegen aufgrund gesetzlicher Vorschriften die "Paternoster". Der erste "Cyclic elevator" war 1883 in London im Einsatz. In Wien bekam zunächst 1906 das Landesgericht einen Rundumaufzug, "bei dessen Besteigen es sich empfiehlt, ein Vaterunser zu beten" (Karl Kraus). In der einstigen "Paternosterweltmetropole" sind nur noch sieben Stück in Betrieb, davon vier mehr als hundertjährig.

Der abschließende Bildteil mit Fotografien von Christian Tauss und Christian Prinz veranschaulicht noch einmal die Entwicklung, von stilsanierten Anlagen von Otto Wagner oder im Hochhaus bis zum Hightech-Lift im DC-Tower. Hier ist wieder ein Buch gelungen, wie man es sich nur wünschen kann: Kompetenz, gepaart mit angenehmer Lesbarkeit, dezent gekonntes Layout und aktuelle Meisterfotografien eröffnen einen neuen Blick auf scheinbar Alltägliches.