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Thomas Hofmann: Abenteuer Wissenschaft#

Bild 'Abenteuer'

Thomas Hofmann: Abenteuer Wissenschaft. Forschungsreisende zwischen Alpen, Orient und Mittelmeer. Böhlau Verlag, Wien - Köln -Weimar. 287 S., ill., € 35,-

Thomas Hofmann leitet Bibliothek, Verlag und Archiv der Geologischen Bundesanstalt in Wien. Er ist zudem ein produktiver Autor bzw. Co-Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschienen Es geschah in Transdanubien (2020), Wiener Vergnügungen (2019),Die Stadt von gestern (2018) oder Es geschah im Industrieviertel (2018). Mit Meeresstrand und Mammutwiese (2019) taucht er tief in sein studiertes Fach, die Erdwissenschaften, ein. Bei anderen fällt das Quellenfinden leichter.

Seit einigen Jahren habe ich eine Lieblingslektüre: alte Zeitungen. … Fündig werde ich im virtuellen Lesesaal der Österreichischen Nationalbibliothek. Unter dem Akronym ANNO (AustriaN Newspapers Online) stehen mehr als 21 Millionen digitalisierter Seiten zur Verfügung. Hier suche und finde ich neben Klatsch und Tratsch, Mord und Totschlag auch feine Feuilletons und packende Neuigkeiten aus allen Bereichen, Wissenschaft inklusive. So auch Artikel über die Begegnung Auguste Piccards (1884-1962) mit Albert Einstein (1897-1955) anno 1931 in Wien. Im Mai jenes Jahres hatte der Schweizer Experimentalphysiker und Erfinder mit seinem Stratosphärenballon einen Weltrekord aufgestellt. Nach 17-stündiger Fahrt in rund 16 km Höhe landete das mehr als zwei Tonnen schwere Fluggerät auf einem Gletscher in Obergurgl. Das Tiroler Bergbauerndorf war damals nur Alpinisten bekannt, nun stand es im Mittelpunkt weltweiten Medieninteresses. Die touristische Vermarktung konnte beginnen, Tausende kamen zum "Gondel-Schauen".

Dem Autor gelingt ein spannender Mix aus Fakten, historischen Zitaten und persönlichen Erfahrungen, angereichert mit zahlreichen Illustrationen. Das erste der 13 Kapitel beginnt mit seiner Freude über eine unerwartete Schenkung aus dem Nachlass des Geodäten und TU-Professors Wolfgang Pillewizer (1911-1999), nach dem ein Dreitausender in den Hohen Tauern benannt ist. Besonders begeisterte den Archivar das Tagebuch von Pillewizers Himalaya-Karakorum-Expedition 1954. Der preisgekrönte 87-Minuten-Dokumentarfilm "Im Schatten des Karakorum" dokumentiert die Reise, bei der einer der sechs Wissenschaftler tödlich verunglückte. Der Vermessungsfachmann Karl Heckler (1911-1954) stürzte bei der Arbeit von einem Felspfad in die Hunzaschlucht und ertrank im reißenden Bergfluss.

Thomas Hofmann geht es in seinem Buch um Alltag und Emotionen bei Expeditionen. Er stellt sich Fragen wie Was erleben Naturforscher bei ihrer Arbeit vor Ort? Wie geht es Geologen, Geographen und Geodäten in den Bergen Afghanistans oder im Karakorum? Wie überlebten die Männer auf der Fregatte Novara den Taifun zu Kaisers Franz Josephs Geburtstag am 18. August 1858 im offenen Ozean?

Die Novara-Expedition (1857–1859), die einzige Weltumsegelung der Österreichischen Marine, ist das älteste beschriebene Forschungsvorhaben. Als man den 28. Geburtstag Kaiser Franz Josephs (1830-1916) mit gebotenem Zeremoniell feiern wollte, tobte 48 Stunden lang ein Wirbelsturm. Das Schiff wurde so gewaltig hin- und hergeworfen, dass alles, was nicht festgeschraubt oder seefest gestaut war, in chaotischem Durcheinander von einer Seite zur anderen schob, gleichviel lebendige Wesen oder leblose Dinge, berichtete der Geologe Ferdinand Hochstetter. Seine als Labor - und mit Waffen - ausgestattete Kajüte hat der Expeditionsmaler Joseph Selleny detailgetreu festgehalten. Obwohl beim Dinner Tische und Sessel zu Bruch gingen, blieben die Teilnehmer unverletzt. Auf rauer See stimmten sie "das begeisterte Hurrah auf das Wohl Sr. Majestät" an.

Ebenfalls historisch ist der Einsatz der Polarhelden Julius Payer (1842-1915) und Carl Weyprecht (1838-1881). Sie leiteten 1872-1874 die Österreichisch-Ungarische Nordpolexpedition mit dem Segelschiff "Admiral Tegetthoff". Ihr Mäzen, Hans Graf Wilczek (1837-1922), der Burgherr von Kreuzenstein, hatte seit frühester Jugend ein "Faible für den hohen Norden." Er unterstützte nicht nur dieses Forschungsvorhaben, sondern unternahm auch selbst zwei Polarexpeditionen. Sein Schiff "Isbjörn" und die "Tegetthoff" trafen sich im August 1872 auf hoher See. Auch hier wurde des Kaisers Geburtstag begangen. Den Champagner hatte der Graf mitgebracht. Während er bald danach den Heimweg antrat, harrten die Männer auf der "Tegetthoff" aus. Im Sommer des Weltausstellungsjahres 1873 gelang ihnen die Entdeckung von "Franz-Joseph-Land", zwei große Inseln benannten sie nach Wilczek.

Auch in jüngster Zeit begeben sich Geologen auf gefährliche Forschungsreisen. 1972 war ein Team der Geologischen Bundesanstalt mit einem VW-Bus in Afghanistan unterwegs. Die Forschungen wurden im Rahmen eines bilateralen Entwicklungshilfeabkommens zwischen dem Königreich Afghanistan und der Republik Österreich durchgeführt. Zwar war schon der Start "holprig" und auch während des Aufenthalts gab es "eine Reihe größerer und kleinerer Probleme", doch wurde "die Mission erfüllt." 1970 führte Herbert Stradner geophysikalische Untersuchungen im Mittelmeer durch und machte eine sensationelle Entdeckung: Vor 5 Millionen Jahren befand sich an Stelle des Meeres eine Wüste mit Salzseen. "Motor und nimmermüder Mentor all der wissenschaftlichen Seefahrer und Seefahrerinnen" nennt Hofmann den Paläontologen Werner E. Piller von der Grazer Karl-Franzens-Universität. Somit wurde Graz zum wissenschaftlichen Hafen für Geowissenschaftler.

Die Teilnahme von Frauen an Forschungsreisen war eher selten. Auf der internationalen Himalaya-Expedition 1930 fungierte Hettie Dyhrenfurth als "Etappenkommandant". Damit hatte sie eine der schwersten Aufgaben … zuständig für den gesamten Nachschub in den Hochlagern. Das Team reiste … mit sechs Tonnen Expeditionsmaterial via Venedig nach Bombay. In der Mongolei dokumentieren Gesteinsschichten die Verbreitung der Säugetiere. Bei diesem Thema ist die Paläontologin Gudrun Daxner-Höck zweifelsfrei "die" Mongolei-Expertin. Die Teilnehmer schwärmen noch heute von ihrer guten Organisation. Katharina Bukowska, geb. Wehrmann, aus Wien führte das Forschungstagebuch für ihren Mann Gejza Bukowski von Stolzenburg (1858-1937) so exakt, dass man das Erdbeben, das 1905 die albanischen Stadt Shkodra (Skutari) zerstörte, ein Jahrhundert später genau rekonstruieren konnte.

Im letzten Kapitel, das dem Nachruhm gewidmet ist, erinnert Thomas Hofmann an die österreichische Weltreisende Ida Pfeiffer (1797-1858). Sie legte 240.000 km zur See und 32.000 km auf vier Kontinenten zurück. Die Reiseschriftstellerin verfasste 13 Bücher und erhielt, wie andere Prominente, ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof. Der in Italien verstorbene Mineraloge Friedrich Mohs (1773-1839) wurde drei Mal umgebettet. Seine Schüler, darunter der Mineraloge Ludwig Ritter von Köchel (der auch das Mozart-Werkverzeichnis schuf) sammelten Spenden für eine Gruft in Wien. 1866 fand Moos auf dem evangelischen Friedhof in Matzleinsdorf eine Ruhestätte. Es sollte nicht seine letzte sein, denn 1888 widmete man ihm ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof. Ein solches lehnte die Familie von Eduard Suess (1831-1914) ab. Der Experte für den tektonischen Bau der Alpen ist als Schöpfer der Ersten Wiener Hochquellenwasserleitung berühmt. Bereits im Todesjahr sollte ihm ein Denkmal gesetzt werden. Es kam aber ebenso wenig zur Ausführung wie ein moderner Entwurf, den Mario Petrucci ein Jahrzehnt später für den Schwarzenbergplatz vorsah. 1928 entstand dann eine klassische Marmorbüste, die beim Hochstrahlbrunnen, später bei der Geologischen Bundesanstalt und schließlich 1969 wieder auf dem Schwarzenbergplatz Aufstellung fand. Es ist eines von nur zwei freistehenden Denkmälern für Wissenschaftler in Wien, das zweite erinnert im alten AKH an den Chirurgen Theodor Billroth. Thomas Hofmann fordert: Mehr(t) Forscherdenkmale!

hmw